MenuMENU

zurück zu Main Labor

08.02.2019, Jamal Tuschick

Verirrtes Licht

Der Landschaft seiner Ahnen pflanzt Şafak Sarıçiçek seine Gedichte ein und entnimmt sie ihr wie in einem Atemzug. Sie sind an einem Fluss zuhause, der Titel sagt es – das ist eine konkrete Poesie,  hermetisch-konkret. Der Fluss heißt wie das Gebirge seines Ursprungs Munzur. Er wird vor der Uzunçayır-Talsperre aufgestaut. Sarıçiçek beklagt den Eingriff des Menschen in die Natur nicht aus einem antitechnischen Affekt. Die Sperre ist ein Monument der türkischen Staatsmacht, und Sarıçiçek ist von Geburt an in der kurdisch-zazaisch-alevitischen Opposition.

Şafak & Deniz Sarıçiçek „der gestaute und der frei fließende fluß“, Gedichte und Zeichnungen, brot & kunst verlag, 136 Seiten, 10,-

Der Dichter beschwört die iranischen Sprachen und Völker in diesem Raum und erinnert an die letzte große Erhebung der Kurden im Dersim-Aufstand von 1938. Şafaks Bruder Deniz schwört auf den Text in der Sprache der Zeichner.  

Das Lächeln der Nachtkatze

Şafak Sarıçiçek entwickelt seine Poesie in Prozessen der Anverwandlung und der Entfremdung. Ihn bewegt die Angst, „die heimat (entschwände) in fatamorganaleere“. Leicht betrübt erzählt er von den „abflussbecken der februartage“. Fast ein Brecht‘sches Lehrgedicht ist „renaissance der weltzuhälter“. Die Rückkehr weiterer Sonnenkönige wird darin vorausgesehen. Einige sollen sogar schon eingetroffen sein.

Im Titelgedicht machen „schwalbenstimmen … bei der tür kehrt“.  

Der Dichter lässt sich nicht in die Karten gucken. Alles ist Material, Melodie und Silbenklang. Die Transformation vom Ich zum Wir („der Kommunardentraum“ (Heiner Müller) verliert seinen Massencharakter in der Konzentration auf ein Du, das anders Wir wird, wenn die „nachtkatze“ lächelt. In den Liebesgedichten konkretisiert sich das lyrische Du und vertreibt die schwarzen reptile der schattenzeit.  

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen