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04.03.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Feinde in der Deutschlandfrage

Im inneren Kreis der Macht

Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze war in der SPD umstritten. Die Forderungen der Vertriebenenverbände hatten sozialdemokratische Resonanzräume. Ich erinnere an Herbert Hupka und dessen bewegtes Leben. Willy Brandt kam zwanglos den Sicherheitsbedürfnissen der östlichen Nachbarn entgegen. Nicht wenige Genossen vermissten Gegenleistungen – und Zwang.

Warum etwas freiwillig festschreiben, dass man sich anderenfalls vielleicht doch noch mal unter den Nagel reißen konnte. Was war nicht alles im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation tausend Jahre zum Nachteil Polens und Litauens territorial verschoben worden.

In der Dorf- und Siedlungs-SPD meiner Kindheit und Jugend fehlte jedes weltpolitische Verständnis. Dass sich mit westdeutscher Zugänglichkeit die Disharmonien zwischen Polen und der Sowjetunion vergrößern ließen, überstieg den Horizont der Leute. Sie hielten Brandt für einen Vaterlandsverräter, der die Ansprüche der Gegenseite hochschraubte; ganz so als gehöre Deutschland zu seinem persönlichen Portfolio. Die Leute maulten, die Willy-Euphorie war im Frühjahr Zweiundsiebzig verebbt. Hupka wechselte zur CDU, Brandts Koalitionsmikrosom machte sich mausig. FDP-Abgeordnete versprachen Oppositionsführer Barzel bei einem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Brandt ihre Stimmen. Barzel wähnte sich schon auf dem Thron der Republik. Der Tag der Abstimmung, ein leuchtender 27. April, sollte sein Tag werden. Für die Vereidigung war eine Stunde festgesetzt. Doch machte die Geschichte einen Bogen um Barzel, während sie Brandt wieder einlud.

Je länger Gras über die Sache wuchs, desto mehr Stimmenkäufer kamen ins Spiel der Spekulationen. Die Staatssicherheit der DDR zahlte nach einem Vortrag des großen Bruders zwei Mitgliedern des Bundestages je fünfzigtausend Deutsche Mark zur Vereitelung eines Regierungswechsels, den sie dann mit ihrem Kundschafter des Friedens Günter Guillaume doch herbeiführte. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte.  

Gewiss wusste Guillaume, welche Kandidaten auf zu großem Fuß lebten und folglich für Zuwendungen empfänglich waren. Die Schwäche eines Menschen durchzieht den Charakter. Das Defizit trägt viele Namen. Der Wunsch nach Anerkennung ist ein Fass ohne Boden. Wer einen Schmeichler nicht in die Schranken weist, lässt sich auch bestechen. Prassend schlittert er über die Strecke seines Niedergangs.

Im Fall von Julius Steiner ist nichts interessanter als die Behauptung Brandts, der Parlamentarier habe doppelt kassiert. Karl Wienand, 1972 Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, soll im Auftrag der Doppelspitze Brandt/Bahr Steiner mit fünfzigtausend Mark bewogen haben, sich der Stimme zu enthalten.

Rekonvaleszenzabsenz

Brandt, der 1969 knapp Kanzler geworden war, erlebte am 19. November 1972 seinen größten Triumph. Bei einer Wahlbeteiligung von über neunzig Prozent (das Wahlalter war gerade von einundzwanzig auf achtzehn Jahre herabgesetzt worden) wurde er mit 45,8 Prozent der abgegebenen Stimmen (in einer vorgezogenen Wahl) im Amt bestätigt. Doch der von den eigenen Leuten hart angegangene Tribun war zermürbt. Als im November 1972 das Kabinett zusammengesetzt wurde, ließ sich Brandt in der Bonner Universitätsklinik auf dem Venusberg die Stimmbänder schälen. Der Kanzler stellte seine Vorstellungen von dem neuen Kabinett in einem Brief dar, den Fraktionschef Herbert Wehner im kleinen Kreis vorlesen sollte. Wehner nahm die Post an sich und „vergaß“ sie in seiner Aktentasche. Er nutzte die Rekonvaleszenzabsenz, um Fakten zu schaffen.  

Brandt regierte gegen Wehner. Wehner wollte keinen Wandel durch Annäherung. Ihm gingen die Ostverträge zu weit. Er förderte die Aufrechterhaltung des Status quo. Er stand Erich Honecker näher als Brandt.

Wehner hatte in Moskau mehr begriffen als Honecker im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Beide wurden für Breschnew zu Gefährdern seiner Pläne. Der KPdSU-Chef brauchte einen Brandt im Zenit. Das ging über Wehners Duldungskraft.   

Egon Bahr schreibt: „Brandt und Wehner waren Feinde“ in der Deutschlandfrage.  

Der gesellschaftliche Aufbruch von Achtundsechzig hatte seine durchgreifende Wirkung 1972 verloren. Der Bewährungssieg der SPD ergab sich auf dem Vorfeld einer neuen Restauration unter Schmidt, der als Antipode des Kanzlers auftrat, und die Fama vom amtsmüden Brandt verbreitete. Der Macher Schmidt passte in die neue Zeit als „Vorstandsvorsitzender der Deutschland AG“. Er herrschte mit größerer Zustimmung seiner Gegner als sein Vorgänger, der ständig unter der Gürtellinie angegriffen worden war. Barzel musste noch abserviert, der junge Kohl erst einmal an Franz Josef Strauß vorbei installiert werden. Schmidt konnte Luft holen, Fehler machen. Der Raf-Aktionismus rettete ihm den politischen Arsch. Alles, was sich als Hamburger Sturmflut und übergesetzlicher Notstand verkaufen ließ, war gut für Schmidt. Schmidt war ein guter Schauspieler.  

„Es ist mir egal, wer unter mir Bundeskanzler wird.“ FJS

Umsiedler versus Vertriebene

In diesem Klima hörte ich 1979 zum ersten Mal, dass unsere aus den verlorenen Ostgebieten Vertriebenen in der DDR „Umsiedler“ genannt wurden.

„Über die Weichsel mit dem Treck bei Eisgang
War meine erste Reise. Die Pferde gingen
Zu den Fischen, gezogen von den Wagen, und
Die Bauern, weil sie ihrs nicht lassen wollten
Gingen den Pferden nach, und was der Pole
Nicht hatte kriegen sollen, die Weichsel hats.“
Heiner Müller, „Die Umsiedlerin“

Auch Heiner Müller hatte einen sozialdemokratischen Vater, dem Schwerstes zugemutet worden war; so dass er dem Sohn schwach erschien. Der schwache Vater ist eine Erfahrung, die zur Chiffre wird. Heiner Müller verkennt vorsätzlich Machtverhältnisse, wenn er sein Verhalten während der Verhaftung des Vaters, ein Vierjähriger gibt vor zu schlafen, als Verrat deklariert. Männer der Sturmabteilung holen den Sozialdemokraten aus der Wohnung, Sohn Heiner datiert den Vorgang nach seinem Belieben auf den 31. Januar 1933. An diesem Tag klappen die Nationalsozialisten Weimar zu, Affe tot und Tschüss, der Schriftsteller Müller ermächtigt sich, den Symbolgehalt des Datums in seine Biografie zu gießen. Andere zerbrechen an seiner Stelle, auch ein sächsischer Schuhmacher, der als verdämmernder Großvater in Müllers Œuvre geistert, zerbricht.

Müller bricht nicht.

Verrät er den Vater noch einmal mit seiner Entscheidung für die DDR? Jedenfalls geht ein Ehrgeiz dahin, für die Trennung von den Eltern, dem KZ-gebeugten Kurt Müller droht im neuen Deutschland Hohenschönhausen, die allerläppischsten Erklärungen abzugeben. Müller ist der DDR willkommen mit seinen sozialistischen Hoffnungen. Er wähnt sich in den Reihen und auf dem Stand der Sieger. Er traut seinem Staat zu viel zu. Nach der ersten Aufführung der „Umsiedlerin“ am 30.9.1961 an einer Karlshorster Studentenbühne setzt seine Stigmatisierung ein. Müller fliegt aus dem Schriftstellerverband. Er wird in der DDR zum ungespielten Autor und bleibt das zwölf Jahre.

„Die Umsiedlerin“ war Gegenstand eines Vortrags auf dem Biedenkopf (bei Marburg). Es sprach Patrizia Funke, eine Religionswissenschaftlerin, die in der politischen Bildungsarbeit Fuß gefasst hatte. Ihre Eltern waren aus der DDR „geflohen“, aber die Vertriebenen blieben in Patrizias Wahrnehmung Umsiedler. Ich komme morgen noch mal auf Patrizia und dann auch auf Franz Fühmann zu sprechen.

Ich fand es stets wichtig und erhebend, dass auch Heiner Müllers Vater Kurt in der SPD war. Ich heiße selbst (unter anderem) Kurt nach meinem Großonkel Kurt Tuschick. Er stammte aus der ersten Ehe meines Urgroßvaters, eines bei der Reichsbahn beschäftigten Landvermessers, dessen Vater aus der nordpolnischen Bory Tucholskie (Tucheler Heide) als katholischer Missionar in das evangelische Kassel gekommen war.

Das wurde in meiner Familie wieder und wieder erzählt, wie bereits die nächste Generation dieses sendungsbewussten, aber kaum sendungsstarken Mannes vom alten Glauben abfiel und sich der protestantischen Mehrheit anschloss, keinesfalls einer Not gehorchend. Man wollte nicht anecken und es lieber so halten wie die Nachbarn. Dabei gab es katholische Verhaue in Kassel sowie im Landkreis.

Da war kein Wille, nichts Beharrliches. Kein zinsbringendes Erbe verband sich mit der altvorderen Religion. Sie nutzte nichts. Die vom Polnischen noch geprägten Konvertiten heirateten die Normalität nach Kasseler Maßstäben. Die erste Frau meines Urgroßvaters kam so lange nieder, bis sie sich nicht mehr erhob. Der Witwer ging mit vier Töchtern und sieben Söhnen in die zweite Ehe, um neun weitere Kinder in die Welt zu setzen. Man nannte das eine reiche Ernte. Die ältesten neun Söhne besuchten ohne Ausnahme bis zum Abitur dasselbe Gymnasium. Der Rest wurde nach dem Tod des Patriarchen aus der Schule gepflügt und in deklassierende Konstellationen eingefügt. Dies erwies sich als notwendig, obwohl die älteren Geschwister für die jüngeren nach Kräften aufkamen. So nahm Großonkel Kurt meinen viel jüngeren Großvater an Sohnes statt. Der alte Kurt versorgte den Halbbruder, verschaffte ihm eine Lehrstelle und half ihm, den inneren Schweinehund zu überwinden.

Die Kinder aus der zweiten Ehe waren sozial nur noch halb so groß wie die Erstgeborenen.

Das war ein anhaltendes, Jahrzehnte nachwirkendes, sich hier- und dorthin verzweigendes Unglück. Die Familie war nicht aus einem Guss, sondern vom Zerfall bedroht. Die bereits vom alten Kurt begrüßten sozialdemokratischen Maximen mögen unter solchen Umständen besonders tröstlich gewesen sein. Man glitt ab bis auf den Grund der ehrbaren Arbeiterschaft. Mein SPD-Großvater arbeitete in einer Wehlheider Drahtfabrik und lebte unter den Nazis so geduckt wie Müllers SPD-Vater. Er lebte mit der Faust in der Tasche, wie mein Vater gern sagt.

Die Faust in der Tasche gehört zum Themenkreis die Gedanken sind frei. Wie es in dir aussieht, geht keinen was an.

Das stelle ich mir manchmal vor: Wie diese zutiefst sozialdemokratischen Großväter zwischen Abstieg und Tod mit zusammengebissenen Zähnen (die Lippen ein Strich) und der Faust in der Hosentasche ihrem Lebensgeschäft im Nationalsozialismus nachgingen.

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