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03.06.2018, Jamal Tuschick

Neues aus der Reihe Kombattanten im Kulturkampf - Wie alles anfing

Feridun Zaimoglu - Die Palazzoträume der Kanaille

Feridun Zaimoglu entdeckte im Trashvokabular der Deutschländerinnen eine subversive Lust, „etwas Byzantisch-Dekadentes“.  

Den Vorwurf, einen Aufstand nur in Valeurs männlichen Empfindens zu überliefern, konterte Zaimoglu mit der Amazonen-Anthologie „Koppstoff“. Das Kanaka-Manifest erschien 1998 drastischer als der Kanakster-Komplementärtext.

„Deutschland ist für den Kümmel ein großes Kanak-Grab“, meint eine Befragte.

„Sie sollen wissen, sie die Deutschen, das Friedensschluss nicht möglich ist“, behauptet eine Penthesilea vom Bosporus.

Zaimoglu suggerierte seinem Publikum: Frauen radikalisieren sich im Kreuzfeuer der Herabsetzungen. Das kritische Bewusstsein der Radikalen ist lückenlos. Sie sind entschlossen, Front zu machen: so wie Gül, Anarchistin nach eigener Darstellung, „die null Bock auf nen Gänsemarsch innen Sarg“ hat.

„Ich bin nicht ne brave Türkenmutti hinterm Herd“, diktiert Nasrin. Vor einer „ganz besonderen Adresse“ richtet sich ihr Widerstand auf: „Dem Daheim von „Toscana-Arschfickiges und Weinkennerisches“.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass auch nur eine türkische Tochter so sprach. Zaimoglu kritisierte meine geistige Unbeweglichkeit.

Zwischen Foxtrott und Ekstase

„Gerade Abiturtürken können mit beweglichem Verstand wenig anfangen“, erklärte er Journalisten an einem Berliner Abend. Eine schwarze Sonne stand über der Stadt, die Luft stand, die ZEIT hatte Zaimoglu zum Malcolm X der fortgeschrittenen Migration erklärt. Ich hatte es in der Frankfurter Rundschau bei einem Vergleich mit Rudi Dutschke belassen. Im Tacheles fand eine Massenlesung statt, eine echte Aufladung. Die Leute waren

angestochen. Zaimoglu wirkte wie eine Droge. Ich sah in die Gesichter von Gläubigen. Plötzlich war es so geil, Kanake zu sein, dass Geburtsdeutsche auf den Ethnotrip gingen. Zugleich rudelten Hooligans durch die Gassen. Die Gemengelage war furios und stets kurz vor Handgemenge. Von meinen Leuten ging keiner mehr unbewaffnet vor die Tür. 

 

Zaimoglu: „Die deutschstämmigen Kanakster sagen richtig, wenn die Großstadtartikel vor meiner Haustür gestreut sind, wäre ich doch ein meschuggener Strizzi, suchte ich den Kitschmatsch des Ursprungs.“

Ethnische Differenz war eine Eintrittskarte. Zaimoglus Amazonenbeat „Koppstoff“ trug zur Kreation eines neuen Sexappeals bei. Subversion machte sich in den Bekleidungsabteilungen des Lebens breit.

„Von einer gepflegten Erscheinung schließen die meisten auf Halbdunkel unterm Schädeldach. … Diese Strikttrennung zwischen Puderquaste und Hirn hat etwas mit Deutschen und Deutschland zu tun“, behauptet Sükran in „Koppstoff“. Sie bezeichnet sich als „mutierte Türkin“.

Zaimoglu diktierte später am Abend im Café Orange, Orange war die Farbe des ambitionierten Augenblicks: „Koppstoff ist keine Aufbereitung von Weibsbildposen wie man sie aus Verlagsfrauenreihen kennt, von wegen die Dame von nebenan wird nach Schicksalsschlag zur Nikol Machiavella. „Koppstoff“ ist ein Angriff auf viele Mürbemacher: das System, Männerpopanztum, Katalogfraulichkeit, die Köpfe alten Stils und alter Mode, die Trautheiten der Experten, die keine Ahnung haben. Zwischen Foxtrott und Ekstase bleibt wenig Raum in der Provinzkiste, als die sich Almanya bisher den Kanakas enthüllt hat. Sie haben es satt, nach einem Skript zu leben. Das ist es, sie haben die Furniergemütlichkeit satt, das kommt in „Kopptuch“ zur Sprache.“

Zaimoglus eruptive Rhetorik wurde nachgeahmt, das war oft lustig und selten gelungen. Man sprach sich mit „Bruder“ an. Der ethnisch differente Mittelstandsnachwuchs übte eine ausgedachte Folklore stämmigen Betragens. Ich wollte nicht von jedem „Bruder“ genannt werden.

Es gab auch Groll. Zaimoglus Freude an Furore mobilisierte die Etappe der Angepassten. Man setzte Zaimoglu dem Vorwurf der Demagogie aus. Man denunzierte ihn als Propagandist eines prahlerischen Gangstertums. Tatsächlich bediente er sich überall und borgte sich für seine Posen Accessoires. Seine Ausgelassenheit, das Federnde und osmanisch Opulente der Performance reizte die Bemühten. Zaimoglu störte sämtliche Strategien der Konfrontationsvermeidung.

Festgestellt wurde, dass für die Mehrheit der Minderheit die Realität anders aussah als für die Garde mit ihrem Aplomp.

Nächste Woche mehr.

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