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11.03.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Das Salzmann Labyrinth

Ingo Schulze spielte noch keine Rolle

Wir waren über das Neolithikum nicht hinausgekommen. In kleinen Gruppen streiften wir herum. Unsere Wandmalereien stanken ab gegen das Ahnenwerk in der Höhle von Chauvet. Nur die Megafauna hatte sich verkrümelt.

Sonst war alles da. Eine unserer Höhlen war die aufgelassene Zeltfabrik in Bettenhausen – das Salzmann Labyrinth. Ein Verein gründete sich als Jagdgemeinschaft. Zur Beute rechnete ich sagenhafte Stimmungen. Allmählich kristallisierte sich ein Gebietsrechtsbegriff heraus. Man ließ sich zu Nachtdiensten einteilen, zog Zäune, verlegte Ketten, setzte Schlösser in massive Türen, erfand Sicherungen.

Wir hätten viele Iraner, die Chomeini geholfen hatten, an die Macht zu kommen und nun vor ihm auf der Flucht waren, gut unterbringen können.  

Tschechen nach dem Prager Frühling, Chilenen nach Allende, Vietnamesen nach 1975; 1979 kamen Iraner, während die Abiturienten meiner Generation das Weite in Berlin suchten. Ich war einmal sitzengeblieben und sah sie langhaarig gehen und kurzhaarig zu Weihnachten vorbeischneien.

Iris wandte sich gerade von Erich ab und Yves zu. Als fünftes Rad am Wagen war ich fester Bestandteil des Ensembles. So fest wie überflüssig. Gewiss war ich zu bequem, um von vertrauten Wegen abzuweichen. Morgens um zwei fand ich mich in der „Standuhr“ ein, wo Junkies Joyce besprachen. Iris zitierte Sartre, so als sei er ihr Souffleur: Sollte der Kommunismus sich als unmöglich erweisen, sei das Menschheitsprojekt im Ganzen nicht interessanter als ein Ameisenstaat.

„Der Kapitalismus ist doch nur Politik gewordener Instinkt. Wir brauchen eine Verwandlung“, sagte sie.

Ich hörte die Regisseurin, die erst mal alles verwandelte, bevor sie weitersah. Später kamen dazu Deklinationen der Diversität; die Schematisierung von Differenz; die Verarbeitung der Weltreligionen in kurzen Ehen.

Alles war Verfahren und sollte (nicht nur in Göttingen oder Hildesheim) Schule machen. Ich hatte noch ein halbes Jahr Schule abzusitzen/durchzustehen. Das bedeutete, die morgendliche Müdigkeit musste weiter ausgehalten werden.

Ich besuchte meine Großeltern und sah in der Besenkammer nach, ob alles beim Alten geblieben war. Das Anwesen der Alten grenzte beinah an der Fachwerkburg, in der Simone oft allein mit ihren Katzen den lieben Gott einen guten Mann sein ließ; ein Alltag zwischen Monotonie und Passion. Die Mutter lehrte Stadtplanung an der Gesamthochschule und übernachtete ständig bei ihrer Frau.

„Bald hast du es geschafft“, sagte Simone.

Sie nahm einen Topf in der Schale gekochter Kartoffeln vom Herd.

„Holst du die Butter aus dem Kühlschrank?“

Simones Versuch, familiär zu wirken, ließ mich an absplitternden Rost denken. Die nautische Dämmerung kehrte ein und verklärte den Horizont.

Wir lagen auf der Westernveranda und hörten das Klirren der Ketten in Waldemar Ferdinands Kuhstall. Am Tor klemmte eine Fleischbank, die zu meinen Lebzeiten gewiss nicht einmal heruntergeklappt worden war. Für ein halbes Reh hatte ich Ferdinands Hinterland am Bach mit der Sense gemäht, nach einer Unterweisung zum Umgang mit Dengelhammer und Wetzstein. Ferdinand performte die Bearbeitung des Sensenblattes; ergriffen vom pädagogischen Eros. Er hielt Kaninchen in einem Käfigstapel und machte sich einen Spaß daraus, sie hochtrabend anzusprechen.

Der bäurische Kreislauf erschöpfte sich in Redundanz und einer Schwermut der Glieder. Jetzt amtierte Ferdinand vor seinem Fernseher. Das Programm flackerte aus dem Panoramafenster eines neuen Anbaus. Die meisten Dorf- und Siedlungs-Mütter und -Väter saßen vor Fernsehern. Die Versager hielten ihre allabendliche Sitzung in der Trinkhalle im Einkaufszentrum ab. Eigensinnige machten noch in ihren Gärten herum oder tranken in der Vereinsgaststätte unter Aufsicht von Lotte Pohl. Die Übersteuerten nutzten das Bürgerhaus, um irgendwas auszuknobeln. Der Geschichtsverein tagte im Gemeindehaus, in dessen Keller die alten Herren und Damen des Tischtennisvereins trainierten. Neben der Zehntscheune fand das Fußballtraining der Jugendmannschaft im Flutlicht statt. Im Glockenturm der evangelischen Kirche bewunderten christliche Pfadfinderinnen die Luftnummern der Mauersegler.

Die Luft des 19. Jahrhunderts

Von bestimmten Kräutern hieß es, sie wüchsen selbstherrlich auf den Gräbern von Mördern. Die Unterschiede zwischen natürlichem und grammatischem Geschlecht beschäftigten niemanden.

Ferdinands Misthaufen verströmte seine Aromen.

Die Sozialdemokratie verlor in der Siedlung und dem Dorf, dem die Siedlung Anfang der Sechzigerjahre zugemutet worden war, ihre Basis. Auf der anderen Seite einer progressiven Öffnung der Partei für grüne Themen rutschte eine Abteilung ins faschistische Sediment. Simone kannte die Gründe, weshalb Bürger*innen mit ihren Wahlentscheidungen die eigene Basis angreifen. Heute nennt man solche Verirrungen Politik des Unmuts. Es gab noch keine Galionsfiguren dafür, wie Trump und Putin in der Gegenwart. Die Repräsentanten des Unmuts waren kleiner Lichter, die ihre Reden in Hinterzimmern schwangen. Sie predigen Herders Genie der Völker. Die Lightversionen großer Gesänge wurden als Abgesänge nicht erkannt. Die Menschenfischer spielten Soul für arme Weiße.

Als 1833 in Großbritannien die Sklaverei abgeschafft wurde, fand es die Krone angebracht, die sechsundvierzigtausend Sklavenhalter auf den Inseln ihrer Besorgnis zu entschädigen. Die Kompensationen folgten einem Rechtlichkeitsbegriff, der sich bis heute aus unserem Verständnis nicht verabschiedet hat. Nach Hegel übersteigt das „Dasein des freien Willens“ juristisches Recht. Es erfasst sämtliche Freiheitsgrade. Folglich ist ein Mensch außerhalb des Rechts als lediglich wollendes Subjekt „nicht berechtigt“. Seine Ansprüche stecken in utopischen Floskeln. Zu den Infamien der Welt zählt, dass weiße Gesellschaften den Standpunkt einer systematischen Entrechtung einnehmen können, ohne offensiv rassistisch zu wirken.

Simone zählte auf, was alles schwerer wiegt als Geld und trotzdem zieht. Was uns treibt, sei lediglich der Wunsch nach Anerkennung.

Wie nah die Häuser zusammenstanden. Mein Interesse an Simone war lange nicht groß genug gewesen, um mir klarzumachen, dass ich viel Zeit in ihrer Nachbarschaft verbracht hatte. Nun gab Simone mir zu verstehen, dass sie viel mehr über mich wusste als ich über sie. Meine Schwester war noch klein genug für den Sandkasten im Garten meiner Großeltern gewesen, als Simone mit ihrer Mutter aus Berlin ins Dorf gezogen waren, mit dem denkbar größten Außenseiterportfolio. Auch ich schnitt die Tochter einer alleinerziehenden, dramatisch auftretenden Professorin.

So wie sie herumlief, so herausgestochen, konnte Margot Schilling nur Anstoß erregen.

Sie regte den Direktverkauf an und animierte die zuerst höchst widerwilligen Erzeuger, auf ihren Höfen Verkaufsstellen einzurichten. Die Landwirte fanden eine Menge herabsetzende Bezeichnungen für Margot, die weiterhin versuchte, die neue Energie (den ökologischen und direktdemokratischen Spirit) in der SPD zu halten. Ihre Bemühungen erinnerten an Handballtorwartparaden.

Der ewige Alarm einer Überengagierten hatte Simone gegen die Verheißungen des Aktivismus immunisiert. Sie war sachlich und ließ sich von harten Ansprachen nicht verstören.

Im Dorf atmete man die Luft des 19. Jahrhunderts. Es gab einen alten Hochmut. Solange Kassel Residenzstadt gewesen war, hatte das Dorf zum Hof gehört. Ein im Zweiten Weltkrieg zerlegtes Schlösschen (das den Dreißigjährigen Krieg überlebt hatte) diente dem Fürsten und seiner Entourage als Herberge auf seinen Jagdausflügen in dem ursprünglich fränkischen Königsforst (Kaufunger Wald/Söhre), der erstmals in einer Urkunde erwähnt wird, die einen Besitz von Karl dem Großen anzeigt. Die Bauern war schließlich so reich, dass sie ihre Söhne aufs Friedrichsgymnasium schicken konnten. Ferdinands Urgroßvater fuhr mit einem größeren Gespann als der letzte Kurfürst auf die sonntägliche Promenade.

Die Landwirte waren wüste Knochen. Sie hatten satt zu essen, als nach dem Krieg alle anderen hungerten. Sie legten die gegen Wurst eingetauschten Teppiche auf den Hund gekommener Städter in ihren Schweineställen aus.

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