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13.03.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Funktionale Abwesenheit

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt außerhalb der Repräsentation

Die Entkräftigung des Martialischen in der Politik indiziert den Fortschritt entlang der Linien Entmilitarisierung und Säkularisierung. Der vom staatlichen Gewaltmonopol zur Mäßigung verdonnerte Zeitgenosse lässt sich beschwichtigen. Politik als Medizin/Sedativ - die Nachrichten sollen ihn beruhigen und nicht auf die Barrikaden treiben. Er hält sich fern der Abgründe auf.

Die meisten Leute vermeiden Ränder. Sie suchen die Mitte, von was auch immer.

Sofern sie in den Spiegeln gesellschaftlicher Repräsentanz sichtbar werden, wähnen sie sich auf einer Basis und in einem Konsens. Sie erleben sich als Subjekte der eigenen Rede. Politiker müssen bei ihnen anklopfen.

Nicht angeklopft wird bei den Diskursobjekten. Die werden angeschwemmt.

Man unterhält sich über angeschwemmte Leichen. An Urlaubsstränden aus dem Wasser gezogen. Namenlose einer Völkerwanderung, die es nicht geschafft haben, in europäischen Küchen und Kellern dem Wohlstand nah zu verelenden. Plötzlich springt mich eine Szene aus dem Jahr 1978 an. Ein Schwarm gutaussehender und erotisch hochmotivierter Jungsozialist*innen setzte in Holgers Raumschiff eine Debatte fort, die Stunden zuvor im Motz nach einem Referat zu Thesen von Alain Badiou begonnen hatte. Alle fühlten sich auf Holgers extravaganter, mit Agitationspop deklarierten Etage berechtigt. Wir durften uns bedienen. So glücklich wie ein fürstlich Entschädigter beobachtete Holger den Überfall auf seine Vorräte. Er antwortete, ich weiß gewiss nicht mehr wem: „Die Kunst der Politik besteht darin, den Bürgerkrieg abzuwenden.“

Das erschien mir lange die äußerste Marke der Pazifizierung zu sein: die Binnendiversität einer Gesellschaft nicht auf die Felder der Eskalation zu treiben. Heute weiß ich, dass wir genau das versucht haben, zugespitzt von einem Radikalitätsbegriff, der die Thesen der Roten Armee Fraktion nicht verwarf.

Der Plural schließt mich aus. Ich war im Tross der Stürmer*innen wegen Iris und Madeleine. Die Genossinnen besetzten mit vielen die Bühne der politischen Gemeinschaft als großes Tier, ohne die Kraft zur Einheit. Mich fasziniert in der späten Betrachtung die Vollständigkeit der Ausführungen. Jede Geste gehorchte einer Regie, die uns zu Marionetten degradierte, die sich überwiegend ungeheuer lebendig und individuell fanden.

Linkssein bedeutet dafür & dagegen in einem Atemzug. Die Linke wähnte sich in der gesellschaftlichen Mitte (nach einem langen Ritt angekommen) und zugleich als Motor der Innovation, ausgestattet mit einem evolutionären Auftrag. Das machte es so attraktiv, bei uns mitzumachen.  

Die SPD war die Partei des Radikalenerlasses. Zugleich hatte sie eine rebellische Jugendorganisation.

Der gute Tyrann

Mit günstigen Krediten zog Peisistratos das Prekariat aus Athen in die Landwirtschaft. Der gute Tyrann machte Lungernde erwerbstüchtig und hielt sie auf ihren Ländereien fern der Politik. In der Vergrößerung ihrer Vermögen vermuteten sie einen größeren Vorteil als in ihren Bürgerrechten. Peisistratos liefert ein Beispiel für die Erledigung der Politik in der sozialen Frage.   

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