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14.03.2019, Jamal Tuschick

Wie funktioniert Solidarität im Neoliberalismus? Christine Freitag unterhält sich mit mir über Gott und die Welt.

Die göttliche Einsamkeit des Menschen

Christine Freitag

Tuschick: Ich war bei einem Vortrag des Soziologen Heinz Bude. Er sagt: „Solidarität ist die Formel für eine Gesellschaft, die den Glauben sowohl an den Markt als auch an den Staat verloren hat.“ Bude diagnostiziert eine allgemeine und immer weiter um sich greifende Abkehr von einer Gesellschaft der „starken Einzelnen“. Er bezieht sich auf Camus und die existenzielle, ich möchte sagen göttliche Einsamkeit des Menschen. Einsamkeit als Voraussetzung für Solidarität – geht das für Dich?

Freitag: Diese Besinnung auf den Einzelnen, der als erkennendes Subjekt untersucht, wie die Struktur der Wirklichkeit ist, kennen wir ja aus der Existenzphilosophie. Dort wird der Mensch in seinem Verhältnis zur Welt betrachtet, in all seinen Möglichkeiten der Erfahrungen beleuchtet, auch in seiner Angst, Verzweiflung und Einsamkeit. Das heißt aber zunächst, dass der Einzelne als Erfahrender denkbar sein muss. Können wir eine solche Beschaffenheit des menschlichen Seins überhaupt annehmen?

Tuschick: Ich vermeide im Verein mit Bude eine direkte Antwort. Im Übrigen bin ich bei Leibnitz und seinen Monaden. Bude setzt soziologisch ein „Wir“ ein oder voraus, dass der Kapitalismus schmiedet und seriell zur Verfügung stellt. Alle sind den gleichen Bedingungen unterworfen: Ausbeutung & Herrschaft. Bude konstruiert eine Figur, die von einer postexistenzialistischen Glut aufgehellt wird. Er führt drei Motive an, die uns für Solidarität einnehmen sollen:

Dankbarkeit und Schuld

Die Idee der Großzügigkeit

Die Bereitschaft zu teilen

Möchtest Du Dir jetzt gleich die rote Weste der Solidarität anziehen, oder ist Dir das zu wenig?

Freitag: Verstehe, Bude argumentiert aus der Perspektive einer „solidarischen Existenz“: Der Mensch ist nicht allein, sondern als Mit-Mensch den Bedingungen, vor welchen Sinnzusammenhänge geknüpft werden können, ausgeliefert. Dazu zwei kurze Gedanken:

1. Wer garantiert mir in solchen Gemeinschaften die Rückbindung an das Wohl des Einzelnen? Zwar müssen Organisationsformen entstehen, um eigene Zwecke mit Unterstützung anderer befördern zu können, doch dann wird zwangsläufig auch das Eigenwohl unter das Gemeinwohl geordnet. Was, wenn mir diese Einschränkung meiner persönlichen Freiheit so gar nicht behagt?

2. Das Eigentum an meiner Person (also an meinem Körper, meiner Arbeitskraft, meinem Denken etc.) ist nach John Locke ein Naturrecht, das ich nur dann aufgebe bzw. einer Gemeinschaft unterordne, wenn mir etwas geboten wird, was ich als Einzelner nicht befriedigend realisieren kann. Die Frage ist nun, was das überhaupt sein kann?

Tuschick: Ich glaube, so kompakt wie Du Deine Autonomiebombe schilderst, fühlt man sich nur, wenn man sich gesellschaftlich stark repräsentiert erscheint. Bei allen anderen, also sehr vielen, kommt das Gefühl einer ernsthaften Wahlfreiheit gar nicht auf. Seit der Antike steht jedes Gemeinwesen vor der Aufgabe, eine Masse der Armen, die gleichwohl Freiheit beanspruchen kann, im Boot zu halten. Zudem behauptet Bude, dass die großen Aufgaben der Gegenwart, er nennt das Klima und die Migration, von einer Konkurrenzgemeinschaft starker Einzelner nicht bewältigt werden kann. Hat er recht?

Freitag: „Konkurrenzgemeinschaft starker Einzelner“ - Ich stoße mich an dieser Formulierung. Wr entscheidet, wann jemand ein starker oder schwacher Einzelner ist? Und, weshalb stehen Einzelne zwangsläufig in Konkurrenz zueinander? Ich denke nicht, dass ich mich mit anderen vergleichen muss, um mich über meine Existenz (also mein „So-Sein“) vergewissern zu können. Es reicht doch schon ein „voneinander unbehelligt bleiben“.  

Tuschick: Das ist ein schöner Gedanke. Sich nicht zu behelligen. Man kommt mit der Freude aus, die in der Freiwilligkeit liegt. Doch zurück auf Los.

Zwischenstand

Tuschick: Das Gespräch nimmt einen ungewöhnlichen Verlauf. Wo ich stehe und gehe, heißt es: Wir wissen um die Kraft der Allianzen. Keine® will mehr für sich stehen. Für die #wirsindviel und #unteilbar-Klientel hat Bude sein Buch geschrieben. Er bezieht sich auf ältere Autor_innen und mischt deren Essenzen in diesem Tiegel: „Solidarität kommt vor Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit“. Dabei müsste es Dir doch hochkommen.  

Freitag: Offen gesagt, ich stehe immer noch vor Solidarinstitutionen, die sich in einer moralischen Krise befinden: Auf der einen Seite haben wir in gegenwärtiger Gesellschaft einen aggressiven Kapitalismus, der Arbeiter_innen mehr denn je zur Selbstoptimierung zwingt, und folglich soziale Bewegungen hervorbringt, die das Ziel des Gemeinwohls in den Mittelpunkt rücken. Auf der anderen Seite steht ein anspruchsvoller Individualismusgedanke, der den Einzelnen als selbstbestimmte Existenz betrachtet (und Selbstbestimmung gehört zur menschlichen Würde, deren Anerkennung durch die Europäische Menschenrechtskonvention abgesichert sein soll). Ich denke daher, Wohlfahrtszeitalter vs. Selbstbestimmung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, denn beide Positionen können eine Sensibilisierung für Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft befördern.

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