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15.03.2019, Jamal Tuschick

Kirsten Grieshaber las gestern Abend in der Berliner Tucholsky Buchhandlung aus ihrer Familiengeschichte „Willkommen im Café Zahav – Meine israelische Mischpoke und ich“.

Keine Adjektivallergie mehr

Kirsten Grieshaber

Wer/von wem/was/woraus? Kirsten Grieshaber ging durch die Schule des amerikanischen Agenturjournalismus. Ihre New Yorker Lehrer*innen infizierten sie mit einer Adjektivallergie. Die Liebe zur Arabeske verkümmerte jahrelang in der inneren Ausnüchterungszelle und anderen Verliesen des Unbewussten. Selbstverständlich hatte Grieshaber das großbärtige Arrestschlüsselensemble von den grauen Eichhörnchen im Central Park abschleppen lassen; so dass sie von sich nicht mehr sprechen konnte.

Das erzählte die Autorin ganz anders gestern Abend in der Berliner Tucholsky Buchhandlung, wo sie vor ihren Angehörigen nicht zuletzt ihre unter dem Titel „Willkommen im Café Zahav – Meine israelische Mischpoke und ich“ erschienene Familiengeschichte ausbreitete.

Die Rückeroberung der Seelen-Zitadelle liefert der romanhaften Schilderung die Richtung. Der orientalisch-jüdisch-israelische Ehemann markiert seine ohne ihn (nach deutschen Mehrheitsmaßstäben) komplett unauffällige Frau mit Insignien der Fremdartigkeit. Auf Usedom wird Eran als Türke identifiziert und Grieshaber mit ihrem bürgerlichen Portfolio zur „Türkenhure“.

Da ist er/sie - der Kulturschock im eigenen Land und die in Amerika ausgebliebene Differenzerfahrung. Grieshaber verwertet kaum die narrativen Chancen verfehlender Wahrnehmung. Sie bleibt die Tochter bemühter Eltern. Vor dem ersten Besuch des Bräutigams studieren die Eltern einen Ratgeber für koscheres Essen. Als Repräsentanten des geläuterten Tätervolks wollen sie nichts falsch machen. Sie haben für eine Aufführung im Gedächtnistheater (Michal Bodemann) auf der Wohnzimmerbühne weder Kosten noch Mühen gescheut, um eine koschere Lammkeule auf den Tisch zu bringen.

Erzähle ich zu viel oder schwelge ich im Vorhersehbaren, wenn ich verrate, dass Eran keinen Bissen von der Keule nimmt?

Grieshaber erlebt den Gegenzug als Braut in Israel. So hat sich das Kirsten nicht vorgestellt. Mit den besten Absichten begleitet sie ihren Zukünftigen, um dessen Familie kennenzulernen. Die „Schickse“ begegnet unerwartet heftigem Widerstand mit Wut und Verzweiflung. 

Kirsten Grieshaber, „Willkommen im Café Zahav – Meine israelische Mischpoke und ich“, Bastei Lübbe, 238 Seiten, 10,-

„Dass man mich wegen meiner Herkunft und Andersartigkeit diskriminierte, war für mich eine neue Erfahrung … Wütend über diese Diskriminierung, wurde mir mein Säkularismus wichtiger als je zuvor.“

Alle Beteiligten sind von religiösen Trennlinien gezeichnet. Erans Mutter Dana wuchs im Iran unter den erschwerten Bedingungen struktureller Herabsetzungen auf. Sie hadert mit dem Islam und dem Christentum, aber auch mit der orthodoxen Tobsüchtigkeit ihrer Tochter Yael.

Dana lebt in Rishon le-Zion, einer russischen Gründung des 19. Jahrhunderts im Speckgürtel von Tel Aviv. Nicht nur der jüdische Weinbau im Garten des Herrn nahm in Rishon le-Zion seinen Anfang. Auch die erste jüdische Brauerei nahm da in der Mandatszeit den Betrieb auf. 

Das Ehepaar Kirsten und Eran betreibt in Berlin-Mitte ein israelisches Restaurant; das Café Zahav ist berühmt für seinen Hummus. Außerdem publiziert es gemeinsam und getrennt. Es teilt eine New Yorker Vergangenheit. In Amerika haben Kirsten und Eran ihr europäisches Erbe zu schätzen gelernt. Sie halten Schabbat mit ihren Kindern, die laut halachisch-jüdischem Gesetz keine Juden sind. Die Familie feiert Chanukka und Weihnachten.

Kirsten Grieshaber erzählt nebenbei die Geschichte der Mizrachim. Erans Vorfahren waren orientalische Juden. Nach der israelischen Staatsgründung blieb ihnen die Wahl zwischen einer ohnehin zweifelhaften Konversion zum Islam und der Aufgabe ihres Besitzes in Khansar und Golpayegan (in der iranischen Provinz Isfahan).

„Als Miri geboren wurde, waren Eran und ich stillschweigend erleichtert, dass sie ein Mädchen war. Wir konnten das Thema … Beschneidung umschiffen.“

Die Autorin strengt einen Kulturvergleich an. Sie nimmt die eigenen Eltern in die Pflicht, ihre Räume Gegenbeispielen für die Störungen zu öffnen, die Kirsten als nichtjüdische Deutsche in Erans Herkunftsfamilie verursacht. Die anekdotische Evidenz verrutscht in Szenen, in denen Eran vom Weihnachtsbaum beinah erschlagen wird, nachdem er sich als mustergültiger Schwiegersohn erwiesen hat. Grieshaber schildert die anstrengende Realität spannungsreicher Koexistenz als ein Kampf um Gewinne im Millimeterbereich. Die binationale Familie kollidiert auf allen Feldern. Auf einem Berliner Spielplatz erlebt sie eine Verwandlung von Ablehnung in schamvolle Zustimmung. Repräsentanten des „Bionade Biedermeiers“ beteuern ihre Aufgeschlossenheit, nachdem ihnen Kirsten klargemacht hat, dass ihr Mann nicht zum Bodensatz der Migration gerechnet werden darf, sondern als Israeli It-Status genießt.

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