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16.03.2019, Jamal Tuschick

„Die Aussprache“ - Acht Frauen verhandeln ihren Platz im Himmel auf einem Heuboden. Miriam Toews erzählt eine wahre Geschichte mit den Mitteln des Romans.

Nachts kommen die Dämonen

„Sehr wenige Menschen auf der Welt sprechen Plautdietsch, und alle, die es tun, sind Mennoniten.“

Eingebetteter Medieninhalt

Das Vaterunser auf Plautdietsch

Ons Voda em Himmel!
Dien Nome saul heilich jehoole woare.
Lot dien Ritj kome;
lot dien Welle opp Ieed jrod soo
jedone woare aus em Himmel.
Jeff ons daut Broot, daut wie vondoag brucke.
Vejeff ons onse Schult,
soo aus wie dee vejewe, dee sich aun ons veschuljcht habe.
Brinj ons nich en Vesieetjunk,
oba bewoa ons von dem Beese.
Wiels die jehiet daut Ritj
en dee Krauft en dee Harlichtjeit
opp emma en emma.
Amen.

Die ursprüngliche Kolonie Molotschna wurde 1804 von Mennoniten auf dem Territorium der heutigen Oblast Saporischschja in der Ukraine gegründet und nach dem nächsten Fluss benannt. Annähernd sechzig Dörfer bildeten eine ethnisch-religiöse Außenseitergemeinschaft, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg zerstreute und vermutlich nicht nur in Bolivien ein zweites Molotschna in die Welt setzte.

Miriam Toews, „Die Aussprache“, aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark, Hoffmann und Campe, 249 Seiten, 22,-

Da bleibt man unter sich und zelebriert eine evangelische Sonderform der Existenz mit deutlich totalitären Zügen. In der Keimzeit des XXI. Jahrhunderts werden fast alle weiblichen Gemeindemitglieder wiederholt vergewaltigt – „von Dämonen oder dem Teufel, wie viele in der Kolonie glauben, angeblich als Strafe für ihre Sünden. Die Überfälle ereigneten sich nachts. Während ihre Familien schliefen, wurden die Mädchen und Frauen mit einem Betäubungsmittel auf Tollkirschenbasis besprüht … und damit bewusstlos gemacht.“

Jahre später stellen sich „Brüder, Cousins, Onkel und Neffen“ der Opfer als Täter heraus. Ein Ältestenrat unter der Führung von Bischof Peters erwägt eine selbstherrliche Bestrafung. Schlichtere Gemeindegemüter entdecken bei sich eine Neigung zur halsgerichtlichen Selbstjustiz. Nach einem Lynchmord erkennt Peters das Versagen seiner Schutzmacht und überstellt die Delinquenten der Polizei.

Miriam Toews erzählt eine wahre Geschichte mit den Mitteln des Romans.

Das Heuschobergremium

Acht Frauen nehmen es auf sich, in einer Spanne von achtundvierzig Stunden im Namen aller Opfer verbindlich zu werden. Sie verhandeln ihren Platz im Himmel auf einem Heuboden. Sollten sie nicht verzeihen können, müssten sie die Gemeinschaft verlassen und ihre Exkommunikation hinnehmen.  

Sich selbst verleugnen, vergeben, kämpfen oder gehen

Sie können nichts tun. Sie können vergebend oder kämpfend bleiben. Sie können sich in die Welt verabschieden.  

Wie vergibt man Vergewaltigung und Betrug?   

Ihre Argumente kommen aus einem Katechismus der Demut. Beinah jede Frau findet es anmaßend (weltlich), an der eigenen Person ein zu großes Interesse aufleben zu lassen. Nach Gott kommt der Gatte. Der Gatte ist eine Verkörperung der Männer. Die Männer stehen Gott näher als die Frauen (auf der mennonitischen Arche).

...

Salome, die Vesuvische, will Vergeltung. Andere sind nicht so abgeklärt.           

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