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23.03.2019, Jamal Tuschick

Versagend an den einfachen Stellen, bejubelt der Erzähler, der auch schon mal mit der Achselhöhle an einem Stuhlbein hängengeblieben ist:

Das Leben trotzdem

„Die schlimmste Sünde auf der Erde ist die Feigheit“, sagt Oleg Senzow. Der ukrainische Regisseur wurde 2018 mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte des Europaparlaments ausgezeichnet. Entgegennehmen konnte er die Auszeichnung nicht. Senzow sitzt in einem sibirischen Gefängnis am Nordpolarkreis im ewigen Winter. Als profilierter Annexionsgegner (der ukrainischen Halbinsel Krim) wurde er im Mai 2014 festgenommen und wegen terroristischer Organisationszugehörigkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Da er das Gericht nicht anerkannte, verteidigte Senzow sich nicht. Allerdings nutzte er das Recht auf ein Schlusswort für die Feststellung:

„Die schlimmste Sünde auf der Erde ist die Feigheit. Das hat der große russische Schriftsteller Bulgakow in dem Buch ‚Der Meister und Margarita‘ geschrieben, und ich bin seiner Meinung.“ 

Oleg Senzow, „Leben“, Erzählungen, übersetzt von Irina Bondas, Kati Brunner, Claudia Dathe, Christiane Körner, Alexander Kratochvil, Lydia Nagel, Olga Radetzkaja, Jennie Seitz, Andreas Tretner und Thomas Weiler, Voland & Quist, 110 Seiten, 16,-

 „Ich wollte immer sein wie alle, aber es ist mir nie gelungen.“

Der Erzähler als Vorschüler gibt die falschen Antworten im vorauseilenden Gehorsam. Er unterläuft den Komment des kritischen Abstands, der auch Kindern zugebilligt wird. Sie müssen sich nicht auf die Schule freuen. Sie sollen wenigstens im erinnerten Augenblick keine Lippenbekenntnisse abgeben. Versagend an den einfachen Stellen, bejubelt der Erzähler, der auch schon mal mit der Achselhöhle an einem Stuhlbein hängengeblieben ist, das Leben trotzdem. 

Bei der Abschlussfeier im Kindergarten bekommt er keine Schulmappe zum Fahnenappell. Seine Mutter ist Erzieherin, der Sohn fährt Achterbahn auf dem Parcours einer Sonderbehandlung. Die nachgereichte Schulmappe glänzt zwar in irgendeiner Exklusivität, kommt aber zu spät.

Der Erzähler ahnt bereits in den Paradiesen seiner sowjetischen Kindheit, dass Abweichungen tödlich sein können. Nichts beglückt ihn mehr als Gewöhnlichkeit. Er bedankt sich für nichts; gleichwohl glaubend, mit einer großartigen Kindheit gesegnet gewesen zu sein.

Vielleicht ergeben sich Senzows Geschichten aus heimlich verzweifelten Gefängnisgedanken. Ich will über das Naheliegende nicht spekulieren. Senzow hat einen heroischen Hungerstreik hinter sich. Vermutlich erschöpft sich seine Delinquenz im Maidan-Patriotismus.

Es gibt auch ein Ende der Erklärungen. Danach atmet man nur noch weiter. Der Klappentext sagt: „Die acht autobiografischen Geschichten zeigen, wie Senzow zu dem furchtlosen Menschen wurde, der er heute ist.“

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