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11.04.2019, Jamal Tuschick

Generationsübergreifend wurden kurdische Namen durch kulturelle und politische Maßnahmen unterdrückt und unsichtbar gemacht. In diesem Beitrag geht es um die Möglichkeit bei der deutschen Einbürgerung die Namensänderung als politischen Akt zu begreifen, um der kurdischen Sprache Sicht- und Hörbarkeit wiederzugeben.

Namensänderung als Empowerment - Von Ageed

Wieso ändert man seinen Namen?

Es gibt Menschen, die ihre Namen ändern wollen. Zum Beispiel wenn jemand heiratet oder nicht in Deutschland geboren wurde und der Geburtsname einen Übersetzungsfehler hat. Oder es gibt Menschen, die wegen ihren Namen gemobbt werden oder Vorurteilen begegnen. Oder Trans*Menschen, denen bei der Geburt ein Name zugewiesen wurde, mit dem sie nicht leben wollen und können. Das wären nachvollziehbare Gründe, wieso man seinen Namen ändert. „Aber dass man seinen Namen aus politischen Gründen ändern lässt, das habe ich noch nie gehört“, sagte eine Freundin zu mir.

Unterdrückung von Kurd*innen durch Unsichtbarmachung kurdischer Namen - der Text erschien zuerst hier

Ich schreibe heute darüber und erkläre, warum ich meinen Namen aus politischen Gründen geändert habe. In Syrien werden die Kurd*innen als Minderheit unterdrückt und verfolgt und dürften in vielen Situationen, z.B. in Schulen und Behörden, ihre Sprache nicht sprechen, auch wenn in Nordsyrien (Rojava) in vielen Städten fast nur Kurd*innen lebten. Es gab tausende Kurd*innen, die als staatenlose Ausländer*innen galten. Die syrische Regierung verweigerte Ihnen die syrische Staatsbürgerschaft. Damit die Identität der Kurd*innen in ganz Syrien unsichtbar wird, verbot man kurdische Namen zu tragen. Bei den Kurd*innen ist es bekannt, dass kurdische Familien Stammesnamen besitzen mit denen sie bekannt sind. Offiziell haben die meisten aber einen arabischen/muslimischen Nachnamen, z.B. „Omar“ oder „Ali“. Generationsübergreifend wurden diesen Nachnamen durch kulturelle und politische Maßnahmen durchgesetzt. Auch die Vornamen mussten als offizielle arabische Namen anerkannt sein. Durch Bestechungen und Korruption konnte man kurdische Wunschnamen registrieren lassen. Allerdings konnte sich nicht jeder leisten für den Wunschnamen zu bezahlen. Auch fürchteten Eltern schlechtere Bildungs- und Berufschancen oder Diskriminierung, wenn Kinder einen kurdischen Namen tragen. Städte in den von Kurd*innen bewohnten Teilen Syriens wurden offiziell nur unter ihren arabischen Namen genannt, z.b Kobani (Ain Alarab) Terbe Spi (Alqhtania) Sere Kani (Ras Alain) Dereka Hamko (Almalkia). Unter der kurdischsprachigen Bevölkerung behielten sie jedoch immer ihre alten Namen. Ähnliches ist traurigerweise nicht nur in Syrien der Fall, sondern auch in der Türkei, im Iran und im Irak.

Viele können sich schwer vorstellen, wie es ist, wenn die Familiensprache ständig abgewertet wird, in der Öffentlichkeit nirgends einen Raum findet und nicht gelernt und gelehrt wird.

Das Kurdischsein war in Syrien offiziell so unsichtbar, dass ich – als ich eine Zeit in der Stadt Homs lebte – Menschen traf, die noch nie etwas von der größten sprachlichen Minderheit in Syrien gehört hatten und sich über meine „fremde Sprache“ wunderten.

Namensänderung als Chance zur Wiederaneignung kurdischer Identität

In Deutschland hat man die Möglichkeit seinen Namen zu ändern, aber leider erst wenn man deutscher Staatsbürger wird. Von ein paar Freund*innen habe ich erfahren, dass sie ihre türkischen Namen in kurdische Namen geändert hatten. Sie haben mir den Weg gezeigt, wie man vorgeht. Als ich durch die deutsche Staatsbürgerschaft diese Chance bekommen habe, habe ich nicht gezögert. Denn ich will mit dieser Geste Menschen mit ähnlichen Diskriminierungserfahrungen ermutigen, diesen Schritt zu gehen und der kurdischen Sprache Sicht- und Hörbarkeit zurückgeben.

Da ich gleichzeitig mit dem Nachnamen auch die Schreibweise meines Vornamens angleichen wollte, musste ich 2 Anträge stellen, sowohl beim Rechtsamt (Nachnamen) als auch beim Standesamt (Vorname). Die Änderung des Nachnamens sollte ich ausführlich begründen und schrieb über den Assimilationsdruck in Syrien. Als neuen Namen beantragte ich den kurdischen Namen, unter dem meine Großfamilie in unserer Stadt bekannt ist. Ob ich theoretisch auch „ Merkel“ oder „Beethoven“ hätte wählen können?

Einen neuen Namen zu haben fühlt es sich natürlich anderes an. Den alten Namen hatte ich 27 Jahre getragen. Auch meine Eltern waren nicht begeistert, zumal mein Name zuvor eine religiöse Bedeutung hatte. Sich auf einmal mit einem neuen Nachnamen vorzustellen klingt für mich manchmal sehr kurios, befremdlich und bizarr, aber alleine es geschafft zu haben ist ein unglaublich schönes Gefühl.

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