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15.04.2019, Jamal Tuschick

In „Licht über dem Wedding“ gelingt es Nicola Karlsson, die alte Geschichte von den Randfiguren im Glanz ihres Eigensinns noch einmal neu zu erzählen.

Aschendes Tageslicht oder Die Kneipe als Kontrast

Eingebetteter Medieninhalt

Als Ostbrachen nach Neunundachtzig zu Partykulissen avancierten, ersetzte Wolf Hermann den gelernten Zimmermann als fähigen Autodidakten. Der Student zimmerte das Clubinterieur im Stil der elegisch ruinierten Brandmauer zusammen und schillerte als Liebhaber in einem Dauerfeuer der Gelegenheiten. Von Susann bekam er Agnes.  

Nicola Karlsson, „Licht über dem Wedding“, Roman, Piper, 318 Seiten, 20,-

Susann, Sandy, Nicole … im Jetzt des Romangeschehens ist Wolf ein Wrack im Wedding, das Wodka frühstückt. Wolf kann sich „an keine gute Post in den letzten fünfzehn Jahren erinnern“. Er hat eine Vogelmeise und päppelt einen Spatz nach dem nächsten zu Tode. Seine Verwahrlosung schließt die Vernachlässigung der Tochter ein. Für Agnes hat Wolf nur ein Leben an der Kante übrig. Das Mädchen beißt sich durch, wie aufgeschäumt von einer Wut ohne Namen. Die Mutter konnte der Trostlosigkeit im Plattenbau nichts abgewinnen. Sie brachte es über ihr Herz, den Tagelöhner mit abgebrochenem Studium und das Kind im Dreck sitzen zu lassen.

Wenn sich eine Autorin freut:

Wenn dein Buch erscheint, schreiben oder reden im besten Fall die Leute da draußen über deinen Roman. Manchmal freut man sich, manchmal ärgert man sich, manches Mal ist man sogar gekränkt. Und dann gibt es diese Momente, die sind natürlich die Besten, wenn man entdeckt, dass da jemand den Text genauso gelesen hat, wie Du ihn geschrieben hast. Als hätte man in der Kneipe über die Personen diskutiert, haben wir aber nicht! Danke Jamal Tuschick. You made my day.

Der beißende Geruch von Pisse folgt Agnes in die Gegenwart. Die derb Pubertierende vermisst Hundescheiße in rauen Mengen auf der Straße. Gentrifizierung hat ihr Gebiet erfasst, ohne einen Gehwegschaden zu beheben. Allerdings klebt weniger Hundescheiße am Trottoir. Die verdichtete Öde weicht auch mit solchen Signalen der verdichteten Unterschiedlichkeit. Die Schicken möbeln den Wedding auf und erhöhen den Verdrängungsdruck auf die Abgedrängten. In Agnes‘ Freundeskreis sorgt die öffentliche Hand für das Nötigste. Der Lebensunterhalt lässt sich mit erreichbaren Beschäftigungen ohnehin nicht finanzieren.

Das erzählt Nicola Karlsson in „Licht über dem Wedding“ so genial, dass man den Roman bis zum Schluss nicht aus der Hand legen kann. Karlsson gelingt es, die alte Geschichte von den Randfiguren im Glanz ihres Eigensinns und eines getöpferten Stolzes noch einmal neu zu erzählen.

„Bunte Glühbirnen hingen im knorrigen, krummen Geäst des toten Pflaumenbaums über dem Plastiktisch:“ ein beinah perverses Vergnügen an den Details eines vom Trassenlärm erschütterten Glücks im Winkel spricht sich in der Liste aus. Während Wolf und Agnes als Protagonisten der Gewöhnlichkeit kaum auffallen, fällt Hannah Hoch im Wedding aus dem Rahmen. Hannah wird von der Bekleidungsindustrie bemustert. Sie repräsentiert die Armutsvariante einer Modelexistenz. Jarett Kobek nennt solche Performerinnen Content Slaves. Sie schlachten sich selbst aus.

Hannah sucht ständig fotogene Hintergründe, um davor in vorgetäuschter Zufälligkeit zur Selfie-Lieferantin zu werden. Nicht alle Schauplätze sind ungefährlich. In Helgas Kneipe, deren Schäbigkeit die Eleganz eines Kleides kontrastieren soll, muss Hannah ihrem Inszenierungswahn ein Blutopfer bringen. Hundertsiebzigtausend Follower heizen ihre Einsamkeit paranoid auf.

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