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18.04.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Jagdhaussommer

Wir waren oft in London

Eine Spekulation auf das Epochale

1927 schreibt Walter Benjamin: „Fjodor Wassiljewitsch Gladkow hat in Russland Epoche gemacht. Sein Hauptwerk „Zement“ war der erste Roman aus der Periode des Wiederaufbaus. Alsbald wurde die Umwelt, die er darin aufstellt, Schauplatz; von der Prosa aus eroberte sie die Bühne, auf der „Zement“ sich nun seit Monaten behauptet“.

Wie stets in utopischen Märchen des sowjetischen Anfangs: zeigt sich in „Zement“ ein zur Rückständigkeit tendierender Mann aus dem Volk. Der Schlosser Gleb Tschumalow macht sich für ihn gerade. Er kehrt heim aus dem Krieg und findet seine häuslichen und beruflichen Verhältnisse marode. Das Zementwerk seiner zivilen Existenz liegt still und seine Frau hält sich für eine Person mit Rechten. Die Alte hat den Nerv zu argumentieren:

„Wenn doch der Besitz abgeschafft und Gott tot ist“.
Gleich wird ein Hund in der Pfanne verrückt. Gleb dringt in die Frau, um sie eines Besseren zu belehren:

„Soll ich dir zeigen, wozu Gott dich gemacht hat? Gleichberechtigung hatte er jedenfalls nicht im Sinn.“
Gleb Tschumalow erscheint zur unentwegten Tüchtigkeit verdonnert. Wenn die neue Gesellschaft nur ein Einsehen hätte. Doch die Nomenklatura der siegreichen Bolschewiki übersieht den alerten Heimkehrer.

Die Gattin verkörpert den Widerstand und die Entwicklung der rückständigen Landbevölkerung mit effektiver Widerborstigkeit. Der Roman erzählt nicht und erzählt doch von den Tücken des Überbaus, dem marxistischen Regal für Intellektuelle. Die internationale Attraktivität des Marxismus für Theoretiker wurde von Marx nicht vorausgesehen, gehörte der akademische Komplex doch seinem dekadenten Wesen nach zum Überlebten der Bourgeoisie. Nun bildet der Überbau sich parasitär aus, die Zementproduktion zur Fortsetzung wirtschaftlichen Handelns steht erst einmal nicht auf der Funktionärsagenda. Heiner Müller zitiert Lion Feuchtwanger, um sein Interesse an „Zement“ zu begründen:

„Was mich an der Geschichte interessiert, ist das Feuer, nicht die Asche. Ich wäre froh, wenn „Zement“ begriffen würde als ein Beitrag gegen die politische Weltverschmutzung durch antisowjetische Propaganda; die Darstellung der Kämpfe und Mühen von gestern als eine Ermutigung im heutigen Klassenkampf; die Helden des Stücks als Vorbilder, die nicht in allem vorbildlich sind: Man kann von ihnen auch noch lernen, das und das besser zu machen als sie.“
Müller äußerte sich so 1973. Ich las Gladkows Roman sieben Jahre später in meinem Jagdhaussommer. 

„Fünftausend rosa Slips bejahen nicht das Leben.“ Heiner Müller

Müller sagte mir noch nichts. Ich war neunzehn und hatte spätzündend zum ersten Mal eine richtige Freundin: die in Berlin als Tochter einer radikalfeministischen Stadtplanerin geborene Simone Schilling. Sie hatte zu „Zement“ geraten. Wir wohnten gemeinsam in einer Filiale der Försterei Fahrenbach, die vor uns Lustschießern als Freudenhaus gedient hatte. Der Wald war voller Wild und funktionierte wie eine Freilandzucht. Vor der Hütte standen auf einer freigehaltenen Fläche vier Hochstände, die nie genutzt wurden, solange Simone und ich Thoreau dann doch nicht nachahmten. Ich leistete in dieser Zeit meinen Zivildienst mit Essen auf Rädern ab und genoss die pünktliche Regelmäßigkeit eines gemeinsamen, wenn auch nicht allein zweisamen Daseins.

Simone hatte noch den einen oder anderen neben mir. Sie schuf mühelos, von mir stets zu spät erkannten facts on the ground. Sie überrollte mich mit einem Repertoire, dass Simone mit der Muttermilch eingesogen hatte. Sie erklärte mir Gladkow mit Müller. Mir war nicht klar, wie viel besser sie Müller verstand als ich. Ich kannte Kampffertigkeit nur in den körperlichen, taktischen und strategischen Spielarten eines Sportlers. Ich beherrschte mehr als eine Grundschule. Ich musste noch lernen, welche Vorteile in einer ideologischen Grundschule stecken.   

Facts on the ground

Das war das Zauberwort. Man intervenierte mit abgedeckter Härte. Man gab nichts preis. Wie konnte ich glauben, dass mir eine Frau in meinem Alter turmhoch überlegen war, soweit es das Durchsetzungsvermögen betraf. Ich will nicht davon anfangen, dass ich die Miete für die Hütte aus den gesetzlichen Folgen einer Heimschlaferlaubnis aufbrachte. Dass ich in den Kaufunger Wald gezogen war, weil Simone da leben wollte. Sie legte mir ein Fotoalbum vor. Antike Aufnahmen dokumentierten Straßen-, Strand- und Hafenszenen in der Manier eines hyperrealistischen Sepia-Sozialismus. Sie illustrierten einen Mythos in kurzen Hosen. Ausgangspunkt des Geschehens war eine sozialistische Organisation im Jugendstil. Bereits Simones Großmutter war Sozialistin gewesen. Ich habe euch schon von Emma erzählt, die als Demente nach Kassel evakuiert wurde. Doch geschah dies erst zwei Jahre nach dem Jagdhaussommer.

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