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26.04.2019, Jamal Tuschick

Der Satiriker Leo Fischer erzählt in „Der Kaffee am Arsch der Welt“ von einem „Gedankenexperiment“ ohne Gedanken.

Die Hände im Schoss der Pubertät

Ein Zwangsaufenthalt in Montabaur führt den Erzähler mit Karl Marx zusammen. Vermutlich sind beide wiederauferstanden von den Toten, um sich in einem Restaurant „am sprichwörtlichen Arsch der Welt“ niederzulassen, wo „von den Transformationen der Medienbranche schwer gezeichnete“ Kollegen ohne Genderstern tafeln. Vielleicht tafeln sie deshalb so maskulin, weil im „Schluckspecht 3000“ nur die Servicekraft weiblich ist.

Leo Fischer, „Der Kaffee am Arsch der Welt“, Riva, 143 Seiten, 12,-

Leo Fischer findet viele Wege den eigenen als Müßiggang getarnten Schlendrian zum Betrachtungsgegenstand zu machen. Seinem Helden serviert Simone zum „Kaffee der Erkenntnis“ eine Geschichte, in der ein Obdachloser dem Handlungssubjekt seinen Penis zeigen möchten.  

Das klingt eher nach kaltem Kaffee. Der Erzähler halluziniert ein Panoptikum mit E. Kant, R.D. Precht und T.W. Adorno zusammen, das bei einem Spiel namens Sterben gesellig wird. Wabernder Wahnsinn ergreift Besitz von den Verhältnissen und ihren Insassen. Die Kneipe wird zur Röhre in einem Bergwerk des Nichts und der erschöpften Inspiration im Geist liegengebliebener Hände. Doch Fischer hält durch. Er befrachtet das losgelassene Ich mit Gedanken zur Sterbehilfe im Sinne eines Fortschrittsmotors.

Ich würde gern aus einer weiteren Zusammenfassung ausscheren und poetische Gewinne in eine Klammer ziehen. Das klappt nicht, weil wir in Prechts Kopf sind, Fischer, sein Kaffeetrinker und ich. Precht ist wir alle in einem „Gedankenexperiment“ ohne Gedanken. In Precht gähnt der Weltgeist. Fischer erzählt im „Kaffee am Arsch der Welt“ von einer Hohlform, die als Philosoph im Fernsehen vorkommt.    

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