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26.04.2019, Jamal Tuschick

„A Tale of Two Sisters“ - Der Film erzählt in einer langen Rückblende das Martyrium der Psychiatriepatientin Su-yeon. Ausgangspunkt der Handlung ist ihre Rückkehr ins Elternhaus.

Grimms Märchen auf Koreanisch

Der Kritiker Jan Küveler 

Grimms Märchen auf Koreanisch

Eingebetteter Medieninhalt

Symbolismus von der Stange

Ganz am Anfang sieht man eine Gebrochene, die sich allem verweigert. Sie unterläuft professionelle Bemühungen und reagiert auch nicht auf privaten Zuspruch. Su-yeon ist versprengt und abgeriegelt. Die Verstörungen oszillieren in einem Spektrum zwischen Separatismus und Feindseligkeit.

A Tale of Two Sisters/Psycho-Horrorfilm. Regie: Kim Jee-woon. Mit Lim Su-jeong, Moon Geun-young, Yeom Jeong-a  

In „A Tale of Two Sisters“ werden die Ursachen einer adoleszenten Krise aufgedeckt. Su-yeon sieht sich ständig neuen Belastungen ausgesetzt: in familiären Verhältnissen, die sie einerseits beinah alles entbehren lassen, was Familie bedeuten kann. Andererseits befördert sie die Konstellation in einen exklusiven Zustand. Su-yeon hat nur noch ihren Vater, den Arzt Bae Moo-Hyeon.

Eine jüngere Schwester und die Mutter sind tot. Die Stiefmutter ist nicht erreichbar. 

Eines Tages holt Moo-Hyeon die Tochter aus der Psychiatrie nach Hause. Su-yeon halluziniert ihre Schwester Su-mi (Lim Su-jeong) und ihre Stiefmutter Eun-joo (Yeom Jeong-a). Sie bevölkert ihre ursprüngliche Umgebung mit imaginierten Personen in Psycho-Szenen. Ist sie eine Norma Bates? Hat sie jemanden auf dem Gewissen?   

Moon Geun-young spielt die vom Wahnsinn furios Ergriffene somnambul-aggressiv. Sie erscheint sich als Hüterin ihrer Schwester und als Gegnerin der zweiten Frau ihres Vaters und genauso erscheint sie sich als ihre Stiefmutter. In dieser Rolle legt sie sich ins Ehebett. Der Vater verzieht sich aufs Sofa. Da berührt ihn Su-yeon töchterlich, während die böse Stiefmutter ihr die Leviten liest.

Su-yeons seelische Abstürze sehen aus wie Balanceakte. Su-yeon untermauert eine Schutzbehauptung, indem sie ihren angeblichen Nachtdurst mit Wasser aus dem Kühlschrank stillt. Auf einen Fleischlappen reagiert sie hysterisch. Der Zuschauer erlebt eine Tobende, doch der Vater verschläft den Aufruhr.

Kim Kap-soo spielt Moo-Hyeon wie unter Wasser oder in einer Blase abgekapselt. In der Wahrnehmung des viel besser informierten Außenstehenden reagiert Moo-Hyeon asymmetrisch, zumindest unverständlich.

Das ist genial inszeniert.

Moo-Hyeon hat stets nur seine irre Tochter vor sich. Er verhält sich schuldbewusst defensiv. In seinem Ereigniskorridor existiert die zweite Tochter so wenig wie die Stiefmutter, die in zuarbeitenden Funktionen als Krankenschwester die Verdrängung der leiblichen Mutter seiner Kinder einst einleitete. Fotos, die Su-yeon wie einen Schatz hütet, dokumentieren den Prozess.

Die Geschichte einer versäumten Rettung

Regisseur Kim Jee-woon spielt in seinem Märchen auf eine koreanische Volksweise an, die in Grimm’scher Manier eine Stiefmutter zur Gigantin der Boshaftigkeit hochjazzt. Die Figur der bösen Stiefmutter gestaltet in wohlfahrtsfreien Zeiten ein Versorgungsdilemma. Die Überlebenden einer verstorbenen oder anders unerreichbaren Mutter konkurrieren mit den Nachkommen der neuen Frau ihres Vaters in ungünstigen Positionen. Neben der täglichen Fürsorge steht auch das Erbe zur Debatte.  

Su-yeon restauriert sich in diesem Konfliktphantasma als widerständige Stammesverteidigerin. Sie erfindet eine Feindin, um als Rivalin starke Auftritte zu haben, und sie erfindet sich in der feindlichen Gestalt als reizvolle Gattin.  

Su-yeon managt eine Albtraumfabrik. Ihr Symbolismus ist zwar Dutzendware, aber das macht nichts. Es wird im Garten gebuddelt, der Mond geht dramatisch auf, eine Zwergpapageienleiche zeigt sich bedeutungsvoll.

Verschlossene Türen. Panische Augenaufschläge. Geträumte Blutspuren.

Einmal sperrt Eun-joo Su-mi in einen friesischen Bauernschrank. Sollte auch Su-yeon ihrer Schwester dergleichen angetan haben? Zweifellos trägt sie schwer an einer Schuld.

Kim Jee-woon verzichtet auf traditionelles Dekor und Interieur. In der Nachbesprechung des Films, ich sah ihn im Berliner Koreanischen Kulturinstitut, behauptete eine Koreanerin, den Mittelschichten ihrer ersten Heimat dienen europäische Ausstattungen als Beweise, das Gegenwartstempo mitgehen zu können.

Der Kritiker Jan Küveler fragte:

Gibt die Tochter dem Vater die Schuld am Tod der Mutter?“

Gibt der Vater Su-yeon die Schuld an Su-mis Tod?  Erzählt „A Tale of Two Sisters“ die Geschichte einer versäumten Rettung?

Eingebetteter Medieninhalt

Symbolismus von der Stange

Ganz am Anfang sieht man eine Gebrochene, die sich allem verweigert. Sie unterläuft professionelle Bemühungen und reagiert auch nicht auf privaten Zuspruch. Su-yeon ist versprengt und abgeriegelt. Die Verstörungen oszillieren in einem Spektrum zwischen Separatismus und Feindseligkeit.

A Tale of Two Sisters/Psycho-Horrorfilm. Regie: Kim Jee-woon. Mit Lim Su-jeong, Moon Geun-young, Yeom Jeong-a  

In „A Tale of Two Sisters“ werden die Ursachen einer adoleszenten Krise aufgedeckt. Su-yeon sieht sich ständig neuen Belastungen ausgesetzt: in familiären Verhältnissen, die sie einerseits beinah alles entbehren lassen, was Familie bedeuten kann. Andererseits befördert sie die Konstellation in einen exklusiven Zustand. Su-yeon hat nur noch ihren Vater, den Arzt Bae Moo-Hyeon.

Eine jüngere Schwester und die Mutter sind tot. Die Stiefmutter ist nicht erreichbar. 

Eines Tages holt Moo-Hyeon die Tochter aus der Psychiatrie nach Hause. Su-yeon halluziniert ihre Schwester Su-mi (Lim Su-jeong) und ihre Stiefmutter Eun-joo (Yeom Jeong-a). Sie bevölkert ihre ursprüngliche Umgebung mit imaginierten Personen in Psycho-Szenen. Ist sie eine Norma Bates? Hat sie jemanden auf dem Gewissen?   

Moon Geun-young spielt die vom Wahnsinn furios Ergriffene somnambul-aggressiv. Sie erscheint sich als Hüterin ihrer Schwester und als Gegnerin der zweiten Frau ihres Vaters und genauso erscheint sie sich als ihre Stiefmutter. In dieser Rolle legt sie sich ins Ehebett. Der Vater verzieht sich aufs Sofa. Da berührt ihn Su-yeon töchterlich, während die böse Stiefmutter ihr die Leviten liest.

Su-yeons seelische Abstürze sehen aus wie Balanceakte. Su-yeon untermauert eine Schutzbehauptung, indem sie ihren angeblichen Nachtdurst mit Wasser aus dem Kühlschrank stillt. Auf einen Fleischlappen reagiert sie hysterisch. Der Zuschauer erlebt eine Tobende, doch der Vater verschläft den Aufruhr.

Kim Kap-soo spielt Moo-Hyeon wie unter Wasser oder in einer Blase abgekapselt. In der Wahrnehmung des viel besser informierten Außenstehenden reagiert Moo-Hyeon asymmetrisch, zumindest unverständlich.

Das ist genial inszeniert.

Moo-Hyeon hat stets nur seine irre Tochter vor sich. Er verhält sich schuldbewusst defensiv. In seinem Ereigniskorridor existiert die zweite Tochter so wenig wie die Stiefmutter, die in zuarbeitenden Funktionen als Krankenschwester die Verdrängung der leiblichen Mutter seiner Kinder einst einleitete. Fotos, die Su-yeon wie einen Schatz hütet, dokumentieren den Prozess.

Die Geschichte einer versäumten Rettung

Regisseur Kim Jee-woon spielt in seinem Märchen auf eine koreanische Volksweise an, die in Grimm’scher Manier eine Stiefmutter zur Gigantin der Boshaftigkeit hochjazzt. Die Figur der bösen Stiefmutter gestaltet in wohlfahrtsfreien Zeiten ein Versorgungsdilemma. Die Überlebenden einer verstorbenen oder anders unerreichbaren Mutter konkurrieren mit den Nachkommen der neuen Frau ihres Vaters in ungünstigen Positionen. Neben der täglichen Fürsorge steht auch das Erbe zur Debatte.  

Su-yeon restauriert sich in diesem Konfliktphantasma als widerständige Stammesverteidigerin. Sie erfindet eine Feindin, um als Rivalin starke Auftritte zu haben, und sie erfindet sich in der feindlichen Gestalt als reizvolle Gattin.  

Su-yeon managt eine Albtraumfabrik. Ihr Symbolismus ist zwar Dutzendware, aber das macht nichts. Es wird im Garten gebuddelt, der Mond geht dramatisch auf, eine Zwergpapageienleiche zeigt sich bedeutungsvoll.

Verschlossene Türen. Panische Augenaufschläge. Geträumte Blutspuren.

Einmal sperrt Eun-joo Su-mi in einen friesischen Bauernschrank. Sollte auch Su-yeon ihrer Schwester dergleichen angetan haben? Zweifellos trägt sie schwer an einer Schuld.

Kim Jee-woon verzichtet auf traditionelles Dekor und Interieur. In der Nachbesprechung des Films, ich sah ihn im Berliner Koreanischen Kulturinstitut, behauptete eine Koreanerin, den Mittelschichten ihrer ersten Heimat dienen europäische Ausstattungen als Beweise, das Gegenwartstempo mitgehen zu können.

Der Kritiker Jan Küveler fragte:

Gibt die Tochter dem Vater die Schuld am Tod der Mutter?“

Gibt der Vater Su-yeon die Schuld an Su-mis Tod?  Erzählt „A Tale of Two Sisters“ die Geschichte einer versäumten Rettung?

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