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27.04.2019, Jamal Tuschick

Un-Su Kim schildert in seinem Thriller "Die Plotter" die Berufsmörderbranche als Metabusiness.

Die Geldsorgen eines toten Mannes

Eingebetteter Medieninhalt

Raeseng ist ein Kind des Regens und der Missachtung. Man fand ihn im Nonnenmüll vor einem Kloster. Ein Plotter der alten Schule erzog ihn zum Killer in einer Bibliothek voller Enzyklopädien. Old Racoon ist ein Brockhaus-Fetischist, ein satyrischer Sarkastiker, der den Auftragsmord auf eine neue Stufe der Effizienz gestellt hat.

Er weiß: Auch ein Löwe, der sich von seinem Rudel entfernt, wird zur Beute wilder Hunde.“

Im Jetzt der Romanereignisse gibt ein Optimierer, der in Racoons Schmiede geformt wurde, den Meister zum Abschuss frei. Da erklingt kein Ruf der Wildnis, vielmehr folgt das Kommando der kapitalistischen Logik: das Bessere ist des Guten Feind.

Un-Su Kim, „Die Plotter“, Roman, aus dem Englischen von Rainer Schmid, Europa Verlag, 360 Seiten, 18,-

Der Tod ist ein Witz in der Unterwelt des koreanischen Schriftstellers Un-Su Kim. Am besten, man findet ihn so erheblich wie die Geldsorgen eines toten Mannes, oder wie den Wunsch einer Zielperson, als schöne Leiche in jenen Himmel zu gelangen, den ein Mörder ihr verspricht.  

Mordmühlen im Monsun kapitalistischer Optimierung

Täter führen mit ihren Opfern makabre Beratungsgespräche zum Thema mehr oder weniger angenehme Todesarten. Raeseng lässt sich von einem greisen General, der mit seiner Macht jeden Schutz verloren hat, ausgiebig bewirten, bevor er ihn ins Jenseits transferiert. Er erschießt auch den Hund des Alten aus lauter Empathie. Schließlich macht ein Blindgänger im Klo Raeseng darauf aufmerksam, dass seine Lebensuhr so gut wie abgelaufen ist. Ausgerechnet dieser Spezialist für das Unvermeidliche (nach den Gesetzen des Marktes) fängt an mit seinem Schicksal zu feilschen und gegen die Bank zu spielen. Er taucht unter, degradiert sich beruflich in der Verchromungsstation einer Fabrik und gewinnt die geradezu hysterisch zukunftsorientierte Liebe einer Kollegin.

„Sie erwies sich als unvorstellbar gute Hausfrau.“

Un-Su Kim schildert die Berufsmörderbranche als Metabusiness. Die titelstiftenden Plotter sind Unternehmer, die ihren Auftraggebern geräuschlose Auftragserfüllung garantieren. Patzen sie, sind sie sofort weg vom Fenster. Wie auf einem Fließband rückt ein anderer bis zu ihrer Stelle auf. Un-Su Kim gewinnt dem seriellen Charakter der Angelegenheit viel ab. Er beschreibt die Prozesse der Ablösung in ihren Varianten. Die Agenten der Mordmühlenbesitzer bezeichnet er als Einwegspritzen, deren Wegwerfcharakter sie von Würde freistellt und es ihnen noch nicht einmal erlaubt, sich mit einem negativen Schwur zu identifizieren. Es gibt keine Räuberehre und schon gar keinen Kriegerkodex für schlichte Totmacher. 

Neben Killern agieren Tracker (Späher) und Cleaner (Killerkiller).   

Der kommende Mann heißt Hanja. Unter der Oberfläche leichtfertigen Betragens lauert ein Predator. Raeseng tippt auf einen Alligator.   

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