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01.05.2019, Jamal Tuschick

Gestern Abend präsentierte Wolf Biermann im Berliner Ensemble seinen Novellenband „Barbara“ gemeinsam mit seinem „Seelensohn“ Manuel Soubeyrand und dem Kritiker Andreas Öhler. Der Altmeister erklärte: Eine Novelle müsse man erzählen wie einen Witz.

Wie Heiner Müller einmal etwas nicht zugeben wollte

Wolf Biermann ist auch ein Signierkünstler

Viele Witze funktionieren nach dem Loreley-Prinzip. Der Adressat wird in ein Missverständnis/Missverhältnis gelockt und da stehengelassen. Er lacht, um nicht als der Blöde dazustehen, der er ist. Wolf Biermanns Novellen sind und geben Aufschlüsse über Erstarrungen und Verzerrungen unter den Charaktermasken in einer vom Autoritarismus geformten Gesellschaft. Zieht man die Weimarer Republik ab, stellt sich die DDR als Mündungsdelta totalitärer Einflüsse dar. In der überschwemmten Landschaft fällt kein Strich trocken. Wo man nicht Gefahr läuft zu ertrinken, droht man zu versinken. 

Soziale Sümpfe und seelische Moore sowie pittoreske Aussichten auf eine verreckte Vegetation und tote Alligatoren ... unter solchen Umständen ist das Theater ein rettendes Ufer und Sexualität ein Strohhalm. Das erklärt schon den ganzen Biermann. 

Es gibt viele Geschichten, in denen Biermann eine Rolle spielt. In meiner Generation kennt ihn jeder und nicht wenige kennen ihn aus westdeutschen Wohnzimmern, die in den 1970er Jahren Schauplätze von Gesprächen mit und über Biermann waren. Die Privatisierung einer öffentlichen Person vollzog sich selbstverständlich, auch wenn ich heute nicht mehr weiß, woher die Selbstverständlichkeit kam.

Er war eine Galionsfigur, „vertrieben in die Heimat“, so Heinrich Böll. Der Hamburger Biermann kehrte nach seiner Ausbürgerung dahin zurück, wo er kaum siebzehnjährig weggegangen war, als gläubiger Kommunistensohn.

Biermann war ein Held der Mädchen, die mir gefielen. Sie besaßen in jedem Fall Biermanns zweite Schallplatte „Chausseestraße 131“. Das Cover hat für mich noch erotischen Signalcharakter. Gestern Abend trat Biermann nahe seiner alten Wohnung in der Chausseestraße im Berliner Ensemble auf. Ruhmsüchtig nach eigener Angabe, beherrschte er die, so sagte Biermann, „wegen Brecht heilige Bühne“ mit bekenntnishafter Unverschämtheit. Direkt vor mir saß Angela Merkel und rührte sich kaum. Biermann kam gleich auf sein „Zentralorgan“ zu sprechen. Die Einwände des Alters gegen seine Potenz haben ihn „vermenschlicht“. Trotzdem erscheint ihm das eigene Nachlassen und Ausbleiben einer Erektion schwerwiegender als ein „Weltuntergang oder Krieg“.

Nicht viele können so etwas auf einer Bühne sagen, ohne runterzufallen. Sein Verehrer Andreas Öhler stellte ihm ein paar Fragen, die Biermann Launen zuschlug, die wie Banditen im Unterholz auf ihre Gelegenheiten lauerten. In Etappen nahm Biermann die Bühne in Besitz. Das Bühnentier markierte die Ecken und unterließ es, Öhler entgegenzukommen. Im Berliner Ensemble war Biermann einst als Eleve im Regiefach unter der fossilen Feudalität des Brecht’schen Fin de Siècle fröhlich zu spät gekommen. Er zählte die Leichen und verliebte sich zwei Jahre nach Brecht in eine, die vom Meister aus Paris ans Haus geholt worden war und in der DDR zu bleiben sich vorgenommen hatte wegen des besseren Theaters da.

Brigitte Soubeyrand stiftete Biermann zu einer Bartfrisur an, die ihn Georges Brassens ähnlich machen (und sein Markenzeichen werden) sollte. Die Weltläufige hatte 1958 ein Baby für aber nicht von Biermann. Auch die Geschichte vom „Herzenskind“ Manuel, dem „im Alter von drei Monaten“ auf der BE-Bühne Biermann geborene „Seelensohn“ ist oft erzählt worden.

„Ich bin ihm im Alter von drei Monaten geboren worden.“

Manuel Soubeyrand las gestern Abend aus „Barbara“ nicht die Ruth-Geschichte, in der Biermann, sich dem (auf einem Weltnabel tobenden) Spund noch einmal anverwandelnd, Ruth Berlau als von Brecht verbrauchte Person schildert.  

„Die alte Frau“ (ist) knapp über fünfzig.“ Vor ihrem Fenster steht auf dem Karlplatz eine von Brecht in die Lyrik gebrachte Pappel. „Der große Lehrer“ hatte Berlau ausgemustert, als er zum Schreiben seiner Stücke keine Zuarbeiterin mehr brauchte, weil er keine Stücke mehr schrieb. Nun ist Brecht tot und Berlau versucht so ein bisschen brechtig Biermann zu ihrem Adlatus zu machen. Biermann erlebt die Zeit am Berliner Ensemble als „rationalen Rausch“.

Postume Entzweiung

Soubeyrand las die Krug-Geschichte. Sie sorgte für eine postume Entzweiung. Kann man hier nachlesen. Biermann beschreibt Manfred Krug als Provinzbaal, kraftgenialischen Großgaukler und als eine gegebenenfalls bis zum Wut-Tsunami sich aufschaukelnde Erscheinung, die der (den preußischen Untertanengeist fördernden) DDR-Amtsgewalt in die Parade zu fahren, die Traute besaß. Krug sei „zum Kotzen und zum Küssen gewesen“. Die Darstellung läuft gewiss auf eine Selbstcharakterisierung hinaus. Auf der anderen Seite des Geschehens agierte der gleichfalls mächtig aufspielende Robert Havemann. Solange Havemann mit der SED-Macht im Bunde war, habe er, so Biermann, alles genossen, mitgenommen und auf die Spitze getrieben, was ihm geboten wurde. Daraus sei dem Dissidenten Havemann mehr als ein Strick gedreht worden.

Biermann wehrte sich auf der Bühne nur wenig gegen den im Raum stehenden, von Daniel Krug vehement erhobenen Vorwurf eines Geheimnisverrats. Wie Daniels Vater, der große Krug, einmal nachts blind ins Dunkle einer Fahrzeugkabine schlug und ausgerechnet Havemann voll traf, ohne zu wissen, wer aufstöhnend zusammensackte, wird am besten von Biermann selbst nacherzählt. Ich will schnell dahin kommen, wo für mich der Boden aus einem Fass geschlagen wurde: bei Heiner Müllers Rücknahme der Unterschrift auf der Protestnote gegen die Biermannausbürgerung 1976.

Nach einer Mucke in Köln durfte Biermann nicht mehr heim. Honecker hatte ihm Hausverbot für die ganze DDR erteilt. So wichtig war ein Gitarrensänger.  

Biermann trug auf der BE-Bühne das in „Barbara“ nachzulesende, reichlich postpubertäre Gedicht vor: „Erst in Deinen Armen wurd ich ein Mann / Im Spiele des Nehmens und Gebens / Ich blieb der ich bin, seit ich dich gewann / Und wurde ein Andrer, endlich! Das war / In der Hälfte schon meines Lebens.“

Es sollte nie einer erfahren

Es sollte nie einer von der Rücknahme erfahren. Unter dieser Bedingung erklärte sich Müller bereit, zu widerrufen. Siehe Brechts „Leben des Galilei“.

Man habe sich nach Neunundachtzig auf einer Frankfurter Messe zufällig getroffen, noch im Einzugsbereich von Stasi-Tiefausläufern, und alle „Probleme endgültig beschwiegen“. Schließlich habe Müller, seine vernuckelte Zigarre im Anschlag, die Distanz zu Biermann verkürzt und mit einer vom Nikotinatem verseuchten und vom Rauchen brüchigen Stimme gemunkelt:

„Wolf, es gibt auch ein Menschenrecht auf Feigheit.“

Meine Besprechung von „Barbara“

Als die Baracke noch fröhlich war

Das muss man Wolf Biermann lassen: er altert erfrischender als die Zeitgenossen. Sein Spätwerk ranzt nicht so wie die letzten Sachen von Grass und Walser.

Wenn ich daran denke, dass ein Poster von Tom Jones zur Freude meiner Mutter im Hobbykeller am Mauerwerk klebte, so dass der Waliser mit dem Testosterontenor wie ein Schiedsrichter über die zahllosen Tischtennismatches zu wachen schien, die meine Mutter, einst Südwestdeutsche Meisterin, bis ins hohe Alter fast immer gewann.  

Biermann erfüllte in der DDR, „als die Baracke noch fröhlich war (Manfred Krug)“, Aufgaben, die im Westen Tom Jones erledigte. Er verkörperte den Künstler in viril. Interessant finde ich, dass sich der alte Barde, den neuen Spielregeln zum Trotz, als Hecht im Karpfenteich weithin zu erkennen gibt und seine Eroberungen im Safaristil schildert.   

Wolf Biermann, „Barbara. Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“, Ullstein 285 Seiten, 20 Euro

Während er mit Brigitte Soubeyran „wie verheiratet“ zusammenlebt, beschleicht den noch unbekannten Dichter (nach einer krankheitsbedingten Phase monogamer Enthaltsamkeit) das Verlangen, einer Krankenschwester nahezukommen, halb fatalistisch der Gier ergeben, halb scheusalisch die Gunst einer Stunde nutzend.

Auf der letzten Zielgerade muffen auch Erinnerungen an die vitale Liebe wenigstens wie mit Mottenpulver imprägniertes Zeug. Da hilft kein Baudelaire und nicht das Aufsagen französischer Verse. Es hilft kein kalauern. Heine in Paris als Steigerung zu Gott in Frankreich. Die Matratzengruft als Olymp. Jeder weiß, wo Biermann seinen lyrischen Vogel, diesen greisen Geier, herhat. Gleichwohl wundert es mich, mich sagen zu hören, dass im Vergleich mit den verbliebenen Granden seiner Generation Biermann sich am besten schlägt. Er sieht den Tölpel vor dem Thron der Jahre. Der Künstler als junger Mann idealisiert die reizende, von dem Ganeff Lacenaire, dem Pantomimen Debureau, dem Schauspieler Frederic und dem Adeligen de Monteray verehrte Garance in „Kinder des Olymp“. Die Szenen des Glücks im hauptstädtischen Winkel der Deutschen Demokratischen Republik erreichen die cineastische Grazie des Films von Marcel Carné.

„Diese Frau war einfach der saftigste Pfirsich, den ich je gepflückt hatte … Ich zappelte als Fisch in ihrer Reuse.“

Die Segensreiche überflügelt ihre Konkurrenz in der Annäherung an das Ideal, so dass sie sich den Beinamen Garance verdient. Sie wird von der Stasi zum Einsatz frauenspezifischer Methoden (Stasijargon) angehalten und in Westberlin auf den Strich geschickt.  

Proust griff auf seine Vergangenheit zu, indem er dem Geschmack von Madeleines nachspürte. Biermanns Memorabilien sind nicht die Pfirsiche als Symbole des Erquicklichen. Vielmehr erschöpft sich das Agens der späten Produktion in der Liebe zu Einer und in Erinnerungen an politische Kämpfe als an das Überstandene. Die, die Biermann übelwollten, sind tot. Er hat ihre Leichen im Fluss der Zeit vorbeischwimmen sehen. Er hat den Angriff eines Staates auf seine Person überstanden.

Der Poet bringt peinlich mit Pein in Verbindung. Er deklariert die Episoden als Novellen. Der Autor tritt an den Erzähler ab, was er dem Leser nicht anders verraten will. Das ist ein Vexierspiel, in dem immer noch Vorsicht walten könnte. So als käme es jetzt noch darauf an.

„Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit.“

So auf den Punkt brachte Goethe die Novelle in einer von Eckermann 1827 festgehaltenen Bemerkung. Die Novelle ist eine Form der Neuzeit ohne antikes Vorbild. Sie verlangt das Ereignis von schicksalhafter Bedeutung als Neuigkeit. Attraktiv erscheint die Vorgabe deutschen Autor*innen nicht, ich habe nur eine Zahl, 2001 erschienen sieben Titel, die als Novellen ausgewiesen waren.

Wie Biermann über Ruth Berlau spricht, die er erst trifft, als sie „schon ein alkoholisiertes Wrack“ ist, erfüllt die Bedingung schicksalhafter Bedeutung.

„Brecht starb, um sich nicht länger verhalten zu müssen.“ Heiner Müller

„Die alte Frau“ (ist) knapp über fünfzig.“ Vor ihrem Fenster steht auf dem Karlplatz eine von Brecht in die Lyrik gebrachte Pappel. „Der große Lehrer“ hatte Berlau ausgemustert, als er zum Schreiben seiner Stücke keine Zuarbeiterin mehr brauchte, weil er keine Stücke mehr schrieb. Nun ist Brecht tot und Berlau versucht so ein bisschen brechtig Biermann zu ihrem Adlatus zu machen. Biermann erlebt die Zeit am Berliner Ensemble als „rationalen Rausch“.

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