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08.05.2019, Jamal Tuschick

In Radka Denemarkovás elegischer Mystifikation „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ kriegen Schränke Platzangst.

Koitaler Fleiß

„Von oben gesehen ist alles brutal einfach“, heißt es am Anfang eines Romans, in dem Schränke Platzangst kriegen und Schwalben sich über die Dummköpfe tief unter ihren Fittichen unterhalten.

Das Phantasmagorische erscheint als realistischer Prager Bezirk.  

„Die Gästewohnung fürchtet sich vor der Ausbuchtung des aggressiven Bücherregals über dem Bett“ in der Wohnung einer Schriftstellerin. Birgit Stadtherrová schreibt Biografien über Päpste und Präsidenten und sie unterrichtet Dilettant*innen. Gemeinsam mit Freundinnen baut sie ein Archiv aus, das Gewalt gegen Frauen dokumentiert. Es geht um ein Begreifen, das dem Denken keine Rast gestattet, kein seelisches Aufatmen. In seinen Verzögerungen liegen die schärfsten Urteile nach Maßgabe einer Halsgerichtsordnung, erarbeitet von einem Selbstermächtigungstribunal - einem kleinen Frauengerichtshof – einer dem lethargischen Staat vorgreifenden Versammlung.

Von zehn Büchern, die mir nicht entgehen, transportieren drei diese Sendung. Das Empowerment Phantasma nässt bürgerliche Sehnsüchte. Es schwitzt durch alle Schichten.  

Radka Denemarková, „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“, Roman, aus dem Tschechischen von Eva Profousová, Hoffmann und Campe, 304 Seiten, 24,-

Ein Laienschreiber aus Stadtherrovás Schüler*innenschar wird erhängt aufgefunden. Das ruft den Ermittler auf den Plan. Da taucht kein postmoderner Phil Marlowe auf und durchkreuzt das Dunkelholz der Machenschaften. Der Ermittler ist ein Schleicher und schüchterner Denker, angeleitet und vielleicht auch verführt von einem nachrangigen Naturalismus der Simplifikation. Er streift einen Gipfel der Gegensätze, indem er sich Stadtherrovás Kennedy-Biografie vornimmt. Nach Stadtherrová ließ der prüde und „impotente“ FBI-Direktor John Edgar Hoover den sexsüchtigen John Fitzgerald K. kaltmachen.

Hoover erkannte im koitalen Fleiß des Präsidenten „eine Bedrohung von nationaler Tragweite“.   

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