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11.05.2019, Jamal Tuschick

Am 24.11.1919 bricht Alma M. Karlin auf. Von Triest fährt sie – ihre Schreibmaschine „Erika“ im Gepäck – via Peru, Kalifornien und Hawaii nach Japan, dem erklärten Ziel ihrer Reise. In „Einsame Weltreise“ schildert die polyglotte und mit allen Wassern gewaschene Schriftstellerin die Wechselfälle ihrer Weltreise.

Die großen Reisenden des 19. Jahrhunderts wollten ihre Epoche in die Schranken weisen und als Entdecker von Ursprüngen selbst historisch, wenn nicht sogar mythisch werden. Man war Amateur und in jedem Fall Botschafter einer überlegenen Zivilisation, die den Rest der Welt zu einem Randgebiet erklärte.

Der weiße hemdsärmelig-tropenbehelmte Riese (in der Safariweste) unter Pygmäen ist ein Klassiker des Afrikaromantizismus.

Die Triumphmärsche im Dschungel kann man sich nicht kläglich genug vorstellen, aber ihre Überlieferungen waren grandios. Und ewig tränkte eine Melange aus Waffenöl und Schweiß den in Schweinsleder gebundenen Dramenband. Shakespeare diente dem fieberkranken Forscher als Formulierungshelfer.

Alma M. Karlin, „Einsame Weltreise“, AvivA Verlag, 393 Seiten, 22,-

Alma M. Karlin entspricht dem Typus und auch wieder nicht.

„Ich dachte mir die Welt wie Europa.“

Da hat sie sich geschnitten, die junge Weltreisende ohne Vermögen. Die äußere Anlage ihrer Existenz schillert vor Armut, aber die Eisenschmiede ihrer Persönlichkeit formte einen Gentleman im Rock nach den Maßen ihrer stürmischen Vorgänger.

Die wenigen Weißen, die man sieht, gehen mit finsteren Gesichtern durch die Straßen.“

Karlin ist voller rassistischer Grillen und schnurrig vorgetragener Vorurteile. In Peru kommt sie sich vor wie „der einzige Dollar unter entwerteten Geldsorten“. 

Sie ist eine fabelhafte Beobachterin im Zentrum aller Betrachtungen. Ihre Perspektive bleibt ungetrübt. Es geht Karlin darum, nicht zu „zersplittern“ und „rein“ zu sein. Als Schriftstellerin erscheint sie sich einmalig, dazu befähigt, der Menschheit etwas Großes zu geben. Sie vergleicht sich mit Kolumbus.

Sie zahlt keinen geringen Preis für ihre Extravaganz und die Verweigerung der Vorformen des Pauschaltourismus. Es widerstrebt ihr förmlich da anzuhalten und einzukehren, wo andere sich vor den direkten Konfrontationen mit dem Fremden isolieren. Zugleich begegnen ihr Einheimische oft mit äußerstem Unverständnis. Der weißen Frau in ihrem Revier fehlt die Abschirmung der distinguierten Europäerin.

„Ich schreibe als Frau und für ein Weib ist der Körper ein unberührbares Heiligtum. Verschenken kann man es an … einen Heiligen; Wilde davon Besitz ergreifen zu lassen, ist etwas anderes.“

Die abgebügelten Verehrer sollen Karlins Reserve als weithin bekannte „Abneigung gegen Vertraulichkeiten“ zur Kenntnis nehmen. Doch kennt die Verschlossenheit Grenzen. Gelegentlich flirtet Karlin gegen das Heimweh an.

„Das was hier in gestreiften Hosen neben mir ging, war Europa, war die Heimat.“

„Jedermann ging vom tiefernsten Gespräch sofort zum gemeinsten Verhalten über.“  

Karlin tappt in manche Falle der kulturellen Differenz. Sie verdingt sich als Lehrerin. Einmal unterrichtet sie die dreizehn Kinder eines Mannes, selbstverständlich in allen Fächern, „mit Ausnahme von Mathematik und Physik“.

„Oft weckte mich ein Erdbeben schon früh am Morgen.“

Obwohl zur Emsigkeit verdonnert, bewahrt Karlin die Ruhe einer Narkotisierten. Ihre Lebhaftigkeit ist etwas Äußerliches. Erscheint es ihr angezeigt, sich umzubringen, um einen Aufstand zu beenden,

„Wenn Indianer einmal wildgeworden sind, kann sie niemand beherrschen.“

den ihr irritierendes Wesen ausgelöst hat, sieht sie sich kaltblütig nach einem Messer um.

Mut, Naivität und Zuversicht bestimmen das Verhalten der Reisenden. Karlin will etwas aus sich machen, durchaus auch im Geist einer ausgedachten Berufstätigkeit. Sich nicht auf das Vorgestanzte verlassend, muss sie ständig improvisieren. Sie pimpt ihre Boulevard Ansichten mit pseudohistorischen Abrissen:

„Ich erfuhr viel über den Aberglauben in Peru.“

Sie sieht die indigene Bevölkerung schwanken zwischen dem katholischen Gott der Kolonialherren und den „Göttern der Inkas“. Der konventionelle Ansatz wirkt aufreizend. Karlin könnte mehr wissen und sich den Reisepanoramen gewachsener zeigen. Sie weigert sich geradezu:

Chinesen und Japaner, selbst wenn sie reich sind, „fahren in der Dritten unter der menschlichen Ausschussware.“

„Irgendein Wesen“ wurde „aus mehreren Rassen zusammengegossen“.

Schließlich gelangt Karlin nach Korea. Sie skizziert Gegenden im Gegenlicht japanischer Impressionen. Sie kostet das koreanische Sauerkraut.

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