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16.05.2019, Jamal Tuschick

Aus- und abschweifende Bemerkungen zu Monika Rincks Lesebuch „Champagner für die Pferde“ und zu Johannes Bobrowski.

Die Produktionsbedingungen der Poesie

Die Grenzen zwischen der Poetisierung des Lebens und der Poesieproduktion verschwimmen. Rinck denkt darüber nach und bleibt bei einer Arbeitsplatzbeschreibung hängen.

Wie leben fleißige Dichterler? fragt die Dichterin. Die Erweiterung des Dichters zum Dichterler versteht sich nicht von selbst. Vielleicht habe ich die Erklärung überlesen. Rinck spricht die „steifen Beine“ lang Sitzender an. Sie rückt die Dichterexistenz in einen Rahmen der sozialen Unverträglichkeit. Die Konzentration auf das Wort schließt vieles aus. Sie verändert die Welt für den Konzentrierten.

Rinck zitiert H.C. Artmann, der aussagte, man könne auch eine Dichterin ohne Werk sein. Verweilen wir an dieser Stelle, bevor wir dahin gehen, wo Rinck für Nero eine Lanze bricht. Ein poetisches Leben sah ich einige führen, die das jetzt, angenagt vom Rattenzahn des Alters, nicht mehr können. Sie waren selbstbezogen und bescheiden und wirkten anziehend. Man wollte mehr von ihnen wissen. Zur Verfügung standen ihnen außer Kurs geratene Wörter.

Lasen sie mit größerem Ernst als die meisten?

Ein poetisches Leben ließ sich auch alleinstehend mit Kind führen. Dafür stand Peter Handke ein. Eine große Spaziergängerin und Naturliebhaberin war jede.

Der lyrische Weltentwurf als Summe unausgeführter Ideen. Vereinzelte Besuche von Spätvorstellungen. Erinnerungen an ältere Verwandte und früh gestorbene Freundinnen. Stets sah man in einen Garten. Am Kirschbaumstamm lehnte ein Rechen. Ein schiefgesessener Campingstuhl stand im Schatten der Hecke. S. öffnete das Fenster. Der Rahmen war aufgequollen, der Auftrag splitterte. Der Griff saß nicht mehr richtig.

S. erwähnte Johannes Bobrowski, der früh ein Großvorhaben der Absicht unterstellte, „das Land zwischen Weichsel und Ural mit seinen Völkern, mit Historie und Landschaft“ in Gedichten Gestalt annehmen zu lassen.

Ein Unterfangen wie eine Talsperre.

Und jetzt kommst du, oder ich, mit was denn?

S. strich elegisch das Haar zurück. Heute nenne ich die Geste dekorativ. Doch damals erschien sie mir wie ein Zeichen Gottes und seines guten Willens.

S. blieb bei Bobrowski. Sie vermisste ihr Sarmatien. Erschien ich ihr lächerlich, da ich so weit davon entfernt war, Verluste zu melden. Die verlorenen Ostgebiete waren für mich ein ganz und gar abstrakter Begriff, kontaminiert mit jener Schuld, von der mein Vater sprach. Die Heimatvertriebenenverbände waren revanchistisch. Ihre Führer wollten die Zeit zurückdrehen. Sie hintertrieben die Annäherung durch Wandel.

Bobrowskis Landschaften

Mein Vater kannte Bobrowski nicht. Der Dichter hatte seinen Erzählraum gegliedert. Lyrisch distanzierte er Ost- und Westpreußen von den baltischen Staaten und einem finnländischen Zipfel. Nördlich schritt er nach Schweden aus. Das Schwarze Meer entging ihm nicht. Die Ostsee lag dichter an seinem Herzen. In der Antike firmierten Bobrowskis Landschaften, einschließlich der Badewanne Europas unter der Sammelbestimmung „Sarmatia“. Der mythische Klang war von Anfang an da.

Sarmatische Reiterinnen  

Da lebten sie: die Amazonen unter dem baltischen Himmel in der eurasischen Steppe. Sie repräsentierten die Kurgankultur; schütteten Hügel über ihre Toten auf und kleideten sich wie Männer.

Bobrowski erinnerte östliche Gegenden, so wie er sie als Kind gesehen hatte, und setzte die Bilder in antike Rahmen. Fremdsprachliche Splitter vom Finnischen bis zum Polnischen referieren einen Europabegriff, der den Osten als breite Borte dachte. Dies geschah in Konkurrenz zu einer aufsaugenden Perspektive, die das Zentrum der Welt in den Osten verlegte und den Westen zum Saum machte.  

Was die Bobrowski-Rezeption ausblendet, ist Bobrowskis Nachkriegserstaunen darüber, so tief in Brandenburg noch Deutscher zu sein, anstatt ein Fremder weit weg von Zuhause.  

„Mir reicht“, sagte S. „zu lesen, was Bobrowski geschrieben hat.“

S. kam es besonders darauf an, dass Bobrowski eine Sprache für sich hatte, die wie ein Resonanzraum Gewöhnliches aufnahm und ungewöhnlich einkleidete.

Wir sprachen über Klangbilder, während der Nachmittag verstrich. Uns gefiel der Einfall, man müsse ein Land verlieren, um eine Sprache zu gewinnen.

S. hatte ein schmales Bett. Darin war ihre Urgroßmutter gestorben. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entsprach es der Regel, in einem Bett geboren zu werden, in dem schon gestorben worden war.

„Wir haben nichts“, flüsterte S. in mein Haar. „Wir sind verarmt.“

„Ich bin nicht arm“, dachte ich. Schon war ich zum Dissidenten geworden.  

Aus „Stromgedicht“  

Traum,

jählings,

aus Feuern der Habichtsnacht,

Tieraug,

Blitz unter reglosem Lid

vor, Pfeilbündel Schilf,

wo der Otter, ein Herzsprung,

taucht.

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