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14.07.2019, Jamal Tuschick

Eine Großerzählung der Gegenwart ist der Klimawandel Hausmacher Art, als einer massiven Manifestation des Anthropozän. In dieser Geschichte sind alle Menschen gleich. Die Opfer der Expansionen und Ausbeutungsfeldzüge des Globalen Nordens tauchen im Text als gleichberechtigte Aktivist*innen von Verheerungen auf. Das funktioniert deshalb, weil es eine übergeordnete Geschichte gibt, in der die Bewohner*innen des Globalen Südens keinen Subjektstatus haben. Sie sind Gegenstände von Betrachtungen. Seinen Ursprung hat diese Diskriminierung am Mittelmeer. Das stärkste europäische Narrativ geht von einer Bewegung aus, die in Mittelmeerhäfen startet, sich über den Atlantik hinzieht und im dritten Akt den Pazifik erreicht.

Die Macht der Poesie

Sergio Raimondi

Entscheidend sind die Geschichten, die wir uns erzählen.  

Sergio Raimondi, „Probleme beim Schreiben einer Ode an den Pazifischen Ozean“, Essay, Wallstein Verlag, 52 Seiten

Die Longue durée des Kapitalismus entspringt dem Mittelmeer.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Amerika dem (auch von den Medici ausgestatteten) Westindienfahrer Kolumbus im Weg liegt. Ab 1492 liest man von Unternehmungen, die darauf gerichtet sind, eine Wasserstraße zwischen dem Atlantik und dem Pazifik zu finden. Binnenmeere hält man, sich aufatmend irrend, für flüssige Verbindungen. Die Genozide an den indigenen Völkern Amerikas vollziehen sich im Windschatten der strategischen Ziele. Die Ziele ejakulieren in der Vorstellung, nicht weit vor einem ließe sich Gold von den Bäumen pflücken.

Mental sind wir Europäer noch in dieser Bewegung. Jeden Tag fahren wir auf den Atlantik hinaus, dem pazifischen Goldland entgegen. Das erkennt Sergio Raimondi am Anfang seiner Meditation über „Probleme beim Schreiben einer Ode an den Pazifischen Ozean“. 

Raimondi listet die Zyklen der Invasion auf, die von einem europäischen Kern ausgehend, die Welt mit tödlichen Anhaftungen überzieht. Eine funkelnde Anschaulichkeit macht den Text brillant. Man hat alles vor sich. Die erweiterte Seetüchtigkeit spanischer Schiffe, gebaut, ausgestattet und bemannt von den Geldmaschinen der Neuzeit. Alles ist besser als die gesundheitliche Verfassung der oft delinquenten Matrosen, diesem zusammengefegten Hafengelichter, das ein Kapitän bei Tag und bei Nacht zu fürchten hat. Ein Ergebener liegt als Hindernis auf der Schwelle, solange den Schiffsführer die Träume quälen. Piloten und Navigatoren treten als Entdecker auf und dienen vorrangig der Erweiterung des Finanzkreislaufs.

Seekarten sind Staatsgeheimnisse.

Es gibt den genuesischen, den niederländischen, den britischen und den nordamerikanischen Zyklus. Fünf Jahrhunderte lassen sich in dieser Bemerkung zusammenfassen.

Terra do Bacalhau

1490 schaltet sich Giovanni Caboto in den englischen Handel mit Island ein. Dem Genueser Granden spielt das Kartenglück einen portugiesischen Staatsschatz in die Hände, die Seekarte des João Vaz Corte-Real, dem ersten portugiesischen Statthalter auf den Azoren. Der Ritter hatte vor dem Jahr 1450 Neufundland erreicht. Manche nennen ihn den Entdecker der Terra do Bacalhau, einer nach dem Stockfisch benannten Phantominsel, die in Erzählungen des 15. und 16. Jahrhunderts Gestalt annimmt. Den Kern der Sage lokalisieren Historiker auf einer nordatlantischen Insel, die heute zur kanadischen Provinz Nova Scotia gehört. Im frühen 16. Jahrhundert bezeichnen Kartografen sämtliche Inseln des Lorenzstroms als „das Land der Cortereals“ (João Vaz Corte-Real folgen drei Söhne auf See, der berühmteste ist Sebastian Cabot) oder Bacalhau-Eilande. Französische Fischer geben den Zuschreibungen mit Île du Cap-Breton eine andere Richtung.

1497 landet Coboto an der Küste Neufundlands und nimmt die tundrische Natur für Heinrich VII. als Terra de Prima Vista in Besitz. Der englische König wähnt sich von den Spaniern und Portugiesen bereits abgehängt. Die Unternehmung wird von Spanien mit Bezug auf die päpstliche Weltteilung von 1494 als Eingriff in fremde Hoheitsrechte gerügt.

Sebastian Cabot segelt auf der ersten Neufundlandfahrt des Vaters mit. Er wechselt in spanische Dienste und wieder zurück unter Heinrich VIII. Zu seiner Zeit als Kapitän unterscheidet man zwischen Kanada, Neu-Wales und Labrador. Nach Cabots Tod nennt man alles zusammen (eine Weile) Cabotia.

Die Santa Maria krängt in ihr Verderben

In der ersten Morgenstunde des 24. Dezembers 1492, einem Montag, schiebt eine Strömung die Santa Maria auf eine Sandbank im Rio de los Mares. Der Steuermann hat einem Schiffsjungen das Flaggschiff überlassen. Der Junge ruft erst um Hilfe, als das Ruder aus den Angeln fährt und Wasser gegen die widrig stehende Karavelle aufkocht. Kolumbus erscheint an Deck. Er befiehlt, einen Anker weit hinter das Schiff zu werfen, um es im Heranzug flott zu kriegen. Das Manöver misslingt. Schon sitzt der Kiel fest im Sand, das Schiff geht sofort aus den Fugen. Der Strom trifft mit voller Breite eine Längsseite. Die Santa Maria krängt in ihr Verderben.

Die Seekarten portugiesischer, italienischer und französischer Argonauten liefern die erste Geschäftsgrundlage. Es folgt die Gründung der ersten Wertpapierbörse in Amsterdam, die Institutionalisierung der Ostindien-Kompanie, die Etablierung eines Finanzzentrums in London … immer wieder ergeben sich Störungen. Mitbewerber treten aggressiv in Erscheinung.

Das 16. Jahrhundert geht seinem Ende längst entgegen/ als England Anstalten erst macht/ auf den Meeren sich zu bewähren. 1599 ruft Elisabeth ihre besten Kaufleute, den Grafen von Cumberland sowie zweihundert Ritter zusammen und befiehlt die Gründung der Ostindischen Handelscompagnie. Compagnie bedeutet Brotgenossenschaft. Die Königin erstrebt mit der English East India Compagnie eine Brotgenossenschaft des Reiches.

Die Tochter Anne Boleyns gibt einem Zeitalter ihren Namen. Ihren Zeitgenossen erscheint sie fad. Kein Mensch ahnt Virginias Bedeutung für die Zukunft. Die Gründung ändert das politische Gefüge der Welt. Sie führt zu einer Entmachtung der lateinischen Staaten im überseeischen Betrieb. Britannia rule the waves.

Epochenobsession

Potentaten greifen auf Piraten zurück. Ein Pirat gründet die Bank von England.

William Paterson (1655 – 1719) ist zunächst nur ein Schotte auf der Flucht. Pleite erreicht er Panama. Er sieht sofort, welche Vorteile ein Kanal der christlichen Seefahrt brächte. Die Verbesserung der Handelswege in den Fernen Osten ist eine Epochenobsession.

Paterson wird Pirat. Nach einem Schusswechsel zum Nachteil von John „Aloha“ Blake macht er Karriere als Kapitän eines Kaperfahrers. Er kritisiert die Anlagemöglichkeiten seiner Prisen als deutlich zu wenig gewinnbringend. Deshalb gründet er die Bank von England. Es versteht sich, dass Paterson in den Adelsstand erhoben wird.

Die Eroberung von Traumzeiten

Großbritannien verliert seine Vormachtstellung an eine ehemalige Kolonie. Die US-Amerikaner machen sich, so Raimondi, mit einem „industriell-militärischen Komplex“ fit und setzen den Eroberungszug fort. Erobert werden: „Rohstoffe, Territorien, Sprachen, Kulturen, Vorstellungswelten und sogar Episoden im tiefsten Schlaf“.

Raimondi fragt nach dem Verhältnis dieser Exploitation-Kampagne, die keine Grenze aushält, zur Poesie. Er konfrontiert den Kapitalismus mit der Poesie. Er fährt Pound auf, lädt mit Pasolini nach. Alles ist Sprache. Jedes Ding erwacht in seiner Benennung und findet da seine Bestimmung. Es bleibt ein Gegenstand der Navigation. Deshalb sind die Navigatoren die wichtigsten Personen an Bord des Lebens.

„Was also wäre eine Poesie, die sich dem Kapitalismus gewachsen zeigt?“ fragt er.  

Raimondi vergleicht die Ausdrucksfähigkeit eines Gedichts mit der Belastbarkeit eines Containerschiffs. Das macht Transportlogistik zum Thema und einen Hafen zum Vers.

Mit einer Illumination, die plötzliches Begreifen gestattet, beginnt sein Nachdenken über das Verhältnis eines maßlosen Verlangens zu einem maßlosen Verlangen.

Adorno erwartet von einer Moderne, dass sie sich dem Hochindustrialismus gewachsen zeigt. Weniger ist nichts.

Adorno präzisiert die Gegenkraft ohne Kenntnis der kommenden Krise seiner in den letzten Zügen liegenden Gegenwart. Er stirbt in der Steinzeit des Informationszeitalters. Raimondi fischt eine maritime Metaphorik aus der Biografie. Er sieht Adorno im Exil; eine kalifornische Terrassensituation in Sepia. Das Stille Meer dient der Aussicht.

Nicht weit vom Schuss geht wenige Jahrzehnte später der erste Intel-Mikroprozessor in Serie.

Aus der Werbung

Die Firma Intel ist untrennbar mit der Geschichte der Personal Computer verbunden. Der erste Mikroprozessor von Intel aus dem Jahr 1971 ist der 4004. Er ist ein 4-Bit-Prozessor. Er war aber nur für Einsatz in Taschenrechnern geeignet. Der erste Mikroprozessor von Intel, der in Home-Computern Anwendung fand, ist der 8-Bit-Prozessor 8008 aus dem Jahr 1972. Der Nachfolger 8080 folgte im Jahr 1974. Dessen flexible Programmierbarkeit fand in Bastlerkreisen sehr viel Aufmerksamkeit. Auch in der Anlagensteuerung und in Mikrocomputern mit dem Betriebssystem CP/M wurde der 8080 verwendet. Seine Weiterentwicklung, der 8085, fand keine weite Verbreitung.  

Adornos Forderung nach einer Poesie auf der Höhe des Kapitalismus, den er „Hochindustrialismus“ nennt, entspricht einer Radikalität, die gegen eine negative Hypertrophie Stellung bezieht. Raimondi übertrifft Adorno, indem er feststellt, dass der Kapitalismus gegen die Dichtung keine Chance hat.

„Der Kapitalismus ist niemals auf der Höhe der Poesie.“

Und doch finde ich diese Abrechnung weniger interessant als die Konturierung der größten westlichen Erzählung. Wer nicht zur See fährt, ertrinkt in einer Pfütze. Wer zurückbleibt, bleibt in jeder Hinsicht zurück. Der Aufbruch ist alternativlos. Raimondi beschreibt, wie John Keats den Triumphzug der Spinnmaschine jambisch begleitet, und William Carlos William ein Fließband aus Worten baut. Der Autor interveniert geschickt, indem er Zeitungsausrisse, die das Börsengeschehen vor hundert Jahren überliefern, in Folianten entdeckt. Seine Phantasie hat sie dahin gesteckt. Raimondi möchte die Sprache „als vorrangiges Material“ erscheinen lassen. Sie soll die Vorgesetzte des Geldes sein und das Militär besser als jeder Geheimdienst informieren.

Lesen hilft

So verführerisch wie ein gewisses Parfum ist Raimondis Angebot an einer Stelle, da zeigt der Autor dem Leser einen Admiral der Royal Navy, der es versäumt, Walt Whitmans „Passage to India“ seine Aufmerksamkeit zu schenken. Whitman verkoppelt in dem Poem eine Ingenieursleistung, den Bau des Suezkanals und dessen Eröffnung 1869, mit der Spiritualität Indiens. Raimondi rechnet im Konjunktiv zum verpassten Lektüregewinn des Admirals ein antizipiertes Begreifen des „Übergangs der britischen Hegemonie zur nordamerikanischen“. „Die gerade erst aus der Taufe gehobene US Navy“ wird die „bis dahin unbesiegbare (britische) Seestreitmacht überflügeln“.

Bedenkt man, dass die ersten amerikanischen Kriegsschiffe 1775 in See stechen (die neue Marine scheitert im ersten Einsatz auf dem Lake Champlain 1776), und dass Whitmans Gedicht erstmals 1871 erscheint, erkennt man Raimondis Mutwillen. Nichts wird hundert Jahre lang aus der Taufe gehoben. 

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