MenuMENU

zurück zu Main Labor

19.07.2019, Jamal Tuschick

Im Frühjahr 1983 begegnete Bruno in der Hauptstadt der DDR einer schwedischen Cellistin. Er nannte sie Svea in Briefen, die nie das Land verließen, in dem Bruno schließlich nicht mehr sein wollte, als ein Rädchen im Getriebe. Ein funktionierendes Teil. Den Untergang der DDR erlebte Bruno als persönliche Kränkung. Ihm war so viel angetan worden von Leuten, die nun als Lappen um die Ecken flogen. Lächerliche Ex-Machthaber. Unfähige, die der Gewalt nicht gewachsen gewesen waren, die in ihren Händen gelegen hatte. Bruno fand, dass alles umsonst gewesen war. Wieder vergrub er sich im Schweigen. Seinen Ängsten gab er neue Namen und Anschriften. Bruno flog nach Växjö und wunderte sich, dass er so wenig von dem verstand, was er hörte, und so viel von dem, was er las. Natürlich war Svea verheiratet. Sie verlor in den ersten fünf Minuten ihrer letzten Begegnung das Interesse. Bruno wollte Svea trotzdem (wenigstens einmal) sagen, was ihm nur deshalb widerfahren war, weil er sie geküsst hatte. Er hatte mit Kristall gerechnet, in Anbetracht der Preise im Café, aber als sie anstießen, klang es wie Blech. Svea winkte ab. War doch alles kalter Kaffee und Schnee von gestern. Bruno fühlte sich degradiert. Er saß dann einfach die fünf gebuchten Hoteltage ab. Er sah sich nichts an. Sein Groll unterhielt ihn genug.

Relegation

Eingebetteter Medieninhalt

Im Mai 1983

Man staucht ihn zusammen. Drei Führungskräfte schleifen Bruno über seine Grenzen. Er bricht zusammen, fürchtet Relegation und Gefängnis und den beruflichen Ruin von Mutter und Vater. (Die Eltern sind geschieden.) Man baut die Drohkulisse weiter aus. Bruno krümmt sich vor dem Prospekt wie ein Wurm.

Wir können deine Mutter auch ...

Bruno fühlt sich zusammengeschlagen. Dabei ist das erst der Anfang. Dr. Munk führt Bruno ab in den Keller. Bisher hat er von den Zellen nur gehört.

Ein deckelloser Eimer ist für die Notdurft vorgesehen. In der Schande geht die Scham zum Teufel.

Aus Brunos Aufzeichnungen

Das alles nur wegen der schwedischen Kammermusikantin Svea … Abgeleitet von Svealand, einem schwedischen Landstrich, verströmt dieser Name Scandi-Flair pur. Auch wenn du (noch) nicht schwanger bist: Es lohnt sich, einen Blick auf unsere Liste zu werfen – viele schwedische Vornamen sind hierzulande schon fast exotisch und daher eine besonders schöne Wahl für den Nachwuchs. ... mit der mich Dr. Munk im Garten des Paul Lafargue Jugendheims erwischte. Man sah einen Linientreuen auf Abwegen und statuierte ein Exempel nach der Devise: bestrafe einen und erziehe alle. Wie aber sollte ich als Gefallener den Genossen der Wahnfried Heuler Gemeinschaft weiter ermahnend im Gedächtnis bleiben. Man entschied, den einst Emporgehobenen nach einer Zeit der Quarantäne als menschliches Schlusslicht wiederauferstehen zu lassen.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Juni holte man mich aus der Zelle und schickte mich auf Transport. Ich wurde auf einen freistehenden Hof verbracht und einem Kommando zugeteilt, dass Laufgräben aushob und wieder zuschüttete. Es war eine Seelenmühle. Man zerrieb die Delinquenten mit Sinnlosigkeit.  

Ein formidabel organisierter Quäldienst kümmerte sich um uns. Mehr als einmal versank ich kopfüber bis zur Taille in der Latrine. Auch daran gewöhnt man sich. Spießrutenläufe gewannen die Alltäglichkeit von Spaziergängen.

Die Gesetze der Wölfe platzierten mich zu meinem Erstaunen nicht am Katzentisch. Ich habe eine Widerstandskraft, von der ich lange keine Ahnung hatte.

Alle hörten auf Siegfried. Er täuschte mich, indem er den Eindruck entstehen ließ, ich sei ihm egal. Siegfried hatte ein Herz für die Untüchtigen. Besonders gern trillerte und pfiff er Dickwänste die Treppe von der Aula zu dem Trakt mit den Schlafsälen hinauf.

Siegfried war ein Opfer hoher Machtdosen. Wie jeder Süchtige unterlag er einer Progression.  

Kaum war ich wieder in meiner Wahnfried Heuler Gemeinschaft wurde das Direktorium vor den Augen der Zöglinge ausgetauscht. Auch Dr. Munk trat man die Treppe herunter, während drei Kavaliere in Uniformen der FF Linienstraße ihren Dienst hoch über uns antraten. Ich wurde rehabilitiert und erhielt sogar die Erlaubnis, mit Svea Kontakt aufzunehmen.

Die Erlaubnis entsprach einer Anordnung von Dr. Freund, der mich wiederholt dazu einlud, mit ihm stark verdünnten Granatapfelsirup aus einem arabischen Bruderstaat zu trinken. Das war eine hohe Auszeichnung.

Zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung traf ich Svea wieder – als Fahnenträger der Begrüßungsdelegation, die das schwedische Ensemble nicht nur in Empfang nahm, sondern auch auf Schritt und Tritt begleitete. Svea nahm mich wahr, als einen, der es zu etwas gebracht hat. Ich widersprach nicht. Mein Auftrag lautete: Anbahnung einer Freundschaft und Aufbau einer Perspektive im feindlichen Ausland.    

Seither sind zwanzig Jahre vergangen. Es fällt mir schwer, mir den Pubertierenden nahezubringen, der seine größten Wünsche mit einer Person verknüpft hatte, die auf eine gedankenlose Weise verwöhnt und elitär war.

Svea wähnte sich mit mir auf der Chefebene. Sie war der Star ihrer Truppe. Ich war der erste Fahnenschwinger in einem Komitee deren Genossen alle nichts zu sagen und nur Bericht zu erstatten hatten.

Ich berichtete wahrheitsgemäß. Mir war klar, dass wir außerdem abgehört wurden. Sveas westliche Unbefangenheit erlebte ich als Belastung. In meiner alltäglichen Umgebung obwaltete die Vorsicht überall. Svea kannte keine Vorsicht. Nur einmal legte ich einen Finger auf ihre Lippen. Das verstand sie falsch.  

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen