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26.07.2019, Jamal Tuschick

„Frühlingserwachen“ - Den Titel werden viele mit einem Drama von Frank Wedekind verbinden. Nun überschreibt er auch eine Autofiktion. Die Heldin heißt wie die Autorin. Isabelle Lehn hat „einen Körper, der sich verweigert“.

Fehlende Suizidenergie

Isabelle Lehn im Gespräch mit Marlen Hobrack

Die Erzählerin versucht es mit Pornos und hält nicht durch bis zu den Höhepunkten der anderen

Eingebetteter Medieninhalt

In unseren Breiten ist das Frühjahr die Jahreszeit der Selbsttötungen. Der Erzählerin fehlt die Suizidenergie. Das Defizit schönt sie als Lebensleistung.

Isabelle Lehn, „Frühlingserwachen“, Roman, S. Fischer-Verlag, 256 Seiten, 21,-

Manchmal fürchtet sie, dass sich ihr Gesicht ablöst. Ihr Therapeut weiß, was sie meint, wenn sie sagt: Ich fürchte, mein Gesicht löst sich ab.

Lehns Erzählerin „stinkt wie Abfall“, wenn sie morgens aus dem Schweißbad steigt.

„Jede Nacht verliere ich drei Liter Schweiß.“

Den Mann, den sie rituell nur einmal im Jahr trifft, erlebt sie als „Symptom“. Sie favorisiert biologistische Deutungen. Sie macht dem „Buchmessenmann“ Komplimente, die ihr helfen, „sich daran zu erinnern, dass ich ihn eigentlich gar nicht will“. Sie zitiert Virginia Wolff: „Aber auch ich ist nur ein zweckmäßiges Wort für jemanden, den es nicht wirklich gibt.“  

Die Erzählerin versucht es mit Pornos, verliert ihre Erregung, registriert ihr graues Schamhaar und lässt sich vom Therapeuten sagen:

„Sie pathologisieren sich selbst.“

„Frühlingserwachen“ - Den Titel werden viele mit einem Drama von Frank Wedekind verbinden. Nun überschreibt er auch eine Autofiktion. Die Heldin heißt wie die Autorin. Isabelle Lehn hat „einen Körper, der sich (nicht nur einer Schwangerschaft) verweigert“. Lauter den Körper vom Geist spaltende Formulierungen kursieren im Schamuniversum. Überall fordern Schranken der Scham zum Anhalten auf. Lehn überwindet die Barrieren. Ihre Poetologie fasste sie einmal so zusammen: „Wann immer es wehtut, gehe ich einen Schritt weiter.“ Vielleicht suchen deshalb nach Lesungen Leute den direkten Kontakt zur Autorin, um ihre eigenen Geschichten loszuwerden. Die Textradikalität wirkt animierend. Es herrscht die Autosuggestion, der Mitteilungscharakter ziele auf das Private. Folglich verfehlen die Reaktionen alle möglichen Ziele. Eine mit schwarzem Humor bewaffnete Verstimmte erscheint in der Doppelrolle Schöpferin und Heldin so einladend, dass die Verleiteten das Buch für einen Spiegel der eigenen Krisen halten. Die literarische Überwindung von Schamgrenzen verstehen sie als Aufforderung, selbst abzulegen.

„Ich wäre beim Schreiben gern reiner Geist und manchmal vergesse ich meinen Körper.“

Isabelle lebt in keiner Öde, sondern in Postdoc-Academia. Außerdem ist da einer auf der anderen Seite des Bettes, der manchmal näherkommt. Er heißt Vadim nach Nabokov, hat winzige Ohren, russische Vorfahren und deutsche Eltern. Wie Boris Vian spielt er Trompete.

Vadim liefert die stärksten Einwände gegen Isabelles ausgestellte Sozialaversion. Er verfügt über eine Kompetenz, die gewiss nicht resonanzlos vor sich hin brummt. Das Paar gibt sich Mühe beim Paarlauf. Was im Weiteren passiert, könnte man schnell vergessen. Aber Isabelle baut sich ein Nest aus lauter Ernteresten. Egoistisch reklamiert sie ihr Leid für sich und schützt es vor Relativierungen angesichts der Not anderer.

Schon wieder Herbst. Noch hat sich kein Verlag gemeldet, um nicht nur den Empfang des Manuskripts zu bestätigen. Scham - Sex - Literatur – Geflüchtete, lärmend in der Yoga-Lounge eines Park - Hoffnungen, die sich auf Pilates richten und von Sekt gedämpft werden - Affen auf einem Felsen im Zoo: Isabelle lässt nichts aus.

Meine Lieblingsszene spielt auf einer Buchmesseparty. Isabelle sucht die Nähe einer Lektorin, die Zigaretten schnorrt und die Flucht vor der angehenden Autorin ergreift. Die Branche ist sich selbst genug. Literaturlieferant*innen sind Säue, die durchs Dorf getrieben werden, wenn sie Glück haben.

Schön auch die Einlassung zu der erfolgreichen Marcella. Sie hatte etwas mit einem Jungverleger, der allerdings nicht auf sie, sondern auf ihr jüngstes Manuskript scharf war. Jedenfalls erzählt Marcella so die Geschichte.

Mein Fazit: Isabelles Ehrgeiz und ihre Enttäuschung zeigen, wie gesund sie ist. Das blühende Leben trägt zwar manchmal einen grauen Kittel, aber bei seelischem Bedarf auch das extra für einen Anlass gekaufte Kleid.  

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