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26.07.2019, Jamal Tuschick

Ich bin zwar eine Intellektuelle, eine intellektuelle Schwarze, eine Schwarze intellektuelle Radikalfeministin ohne Wenn, aber ich stehe auf Männer, deren versklavten Vorfahren im struggle for life die Tore zu einer anderen Welt der Kraft aufstießen. Ich mache mir absolut nichts aus meinen Kolleg*innen. Ich empfinde in ihrer Gegenwart selten Freude. Trotzdem verstörte es mich, wann immer ich eine neue Marke der Gleichgültigkeit auf meinem Claim entdeckte.

Trauerspiele der Selbststigmatisierung

„Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ - Caravaggio in der Pio Monte della Misericordia

Ich hatte mir eingeredet, dass nach Bens Auszug alles besser werden würde und ich endlich wieder frei atmen könnte. Auch das war ein Irrtum gewesen. Nichts war besser geworden seitdem. Vielmehr wuchs die Angst, als Beziehungsidiotin im Postdoc-Bruch-und-Plunder genretypisch vor mich hin zu vermodern. Zunehmend seltener wurde ich eingeladen. Mehr als einen Abend hatte ich den Gehemmtesten und Kurzsichtigsten unter lauter Gehemmten und Kurzsichtigen als Gnadenstation gedient und mir ihr Geseier angehört wie eine bescheuerte Beichtmutter. Mein Fresse, ich bin zwar eine Intellektuelle, eine intellektuelle Schwarze, eine Schwarze intellektuelle Radikalfeministin ohne Wenn, aber ich stehe auf Männer, deren versklavten Vorfahren im struggle for life die Tore zu einer anderen Welt der Kraft aufstießen. Ich mache mir absolut nichts aus meinen Kollegen. Ich empfinde in ihrer Gegenwart selten Freude. Trotzdem verstörte es mich, wann immer ich eine neue Marke der Gleichgültigkeit auf meinem Claim entdeckte.

Ich wollte verdammt noch mal von allen eingeladen werden und mich gehörig langweilen und lustig machen auf den Partys jener, die in Academia Fuß gefasst hatten und sei es auf dem Hochzeitsweg. Das graduierte Flittchen, das als Frau Professor mit Arschgeweih gerade noch die Kurve gekriegt hatte, und dem Honk-Schicksal in der weiblichen Ausführung nur entgangen war, weil der seelische Radius des geheirateten Professors die Grenzen eines Dreijährigen nicht überschritt, weshalb die Beutemacherin ihn unter Ausschluss der Öffentlichkeit auch wie einen Dreijährigen behandelte und sich deshalb sehr überlegen vorkam, obwohl sie selbst so dämlich und gefühllos wie ein Trampelpfad war, trug noch am meisten zu meiner Unterhaltung bei.    

Mit Ben hatte ich es länger als mit jedem seiner Vorgänger ausgehalten, aber schließlich war auch er mir nur noch zur Last gefallen.

Manchmal dachte ich mit einem Hauch von Wehmut an die bullige Immanenz eines College Footballspielers, der unter Freizeit Fernsehen verstand. Wie alle Schwarzen Aufsteiger, zumindest alle, die ich kannte, die in der zweifelhaften Obhut einer ledigen Mutter ohne Qualifikation aufgewachsen waren, hatte Ben seine süchtige Vorliebe für Süßigkeiten und Burger behalten. Ein halbes Jahr, nachdem er zum letzten Mal aufgestellt worden war, gruben meine Hände schon im Bauchfett. Ben verlor seine Form beinah von einem Tag auf den anderen. In Windeseile ging er aus dem Leim. Plötzlich begriff ich ein Phänomen meiner Kindheit in Baltimore, Maryland. Soweit meine Erinnerungen reichen, kenne ich eine Gruselfaszination für vierschrötig-ungehobelte Männer, Typen wie Sonny Liston, Louisiana Red und Howlin Wolf. Die meine ich jetzt nicht. Ich meine Typen, die so hätten sein können, jedoch von so viel Wanst und Trägheit beschwert wurden, dass es für einen Auftritt einfach nicht reichte. Ben bewegte sich mit Siebenmeilenstiefeln auf die verfettete Ausgabe eines Schwarzen Ex-Wasauchimmer zu.

Ich sah ihn weiterhin jeden Tag auf dem Campus. Ich wusste mich eingereiht in eine endlose Schlange der Verflossenen. Manchmal war mir das zu wenig egal.   

Meine Studenten konnten mit ihr nichts anfangen. Die einzige Schwarze Lehrkraft im Department sah zu sehr wie eine von ihnen aus. Ich erschien zu unangepasst, um als Autorität durchzugehen. Zudem war ich deutlich zu klein für mein Gewicht, von mir aus auch zu schwer für meine Reichweite, wenigstens von der Warte einer optimalen Relation. Ich war nicht fett, noch nicht mal dick. Ich hatte damals einfach nur diese kompakte Masse von sechsundneunzig Kilo anzubieten. Trotzdem lag man auf mir nicht weich.

Ich erfüllte meinen ersten Arbeitsvertrag in Paradise, Pennsylvania. Die Stadt zog sich wie eine Schramme durch landwirtschaftliche Nutzflächen. Sie hatte eine Vergangenheit als Hochburg chiliastischer Protestanten, die aus Deutschland und den Niederlanden eingewandert waren. Sie wirkte modellhaft auf die von hessischen und friesischen Mennoniten betriebenen Gründung von Germantown, seit 1854 ein Stadtteil von Philadelphia. Die Gründerväter und -mütter nannten sich „Tunker“ und bildeten die „Schwarzenauer Bruderschaft“, die es noch gibt.

Es gab in Paradise kaum noch einen Hinweis auf diesen Aspekt der Reformation. Ein baptistischen Regime bestimmte die religiösen Leitlinien. Das gesellschaftliche Leben lag brach. Überall ließen sich Rückzüge beobachten.   

Meinen aus Haiti eingewanderten Eltern verschwieg ich meine Beobachtungen. Der Aufsteigerehrgeiz bestimmt alles in meiner Familie. Es geht um Bildung und Status. Drei Mal besser sein zu müssen als alle Konkurrenten, um nur in die engere Wahl gezogen zu werden, zählt zu den Selbstverständlichkeiten. Das soziale Durchsetzungsvermögen erhöht die Lebensspannung. Ein traumatischer Antrieb ergab sich für mich beim ersten Besuch meiner Großeltern auf Haiti. Die Armut der Zurückgebliebenen löste den Schock aus. Der Schock erhöhte meine Anpassungsbereitschaft bis zum manisch-panischen Pegel.

Trickreich stachelten meine Eltern den Lerneifer ihrer Kinder auf. Fremd war ihnen die soziale Lethargie einiger Nachbarn; die Bereitschaft von Deklassierten, mit Secondhandlösungen vorliebzunehmen.

Warum lernen die nicht, fragt ich mich als Heranwachsende. Ein paar Jahre später stellte sich die Frage im Zusammenhang mit meinen Studenten. Ich betrachtete beschriftete Körper und weitere Trauerspiele der Selbststigmatisierung.  

Ich habe das Mittelstandsportfolio in Schwarz. Das gibt Auftrieb und ist Auftrag. Mein Elternhaus ist eine Prägeanstalt für jene Münzen, die in Academia zählen. Das lässt sich nicht immer gleich gut verkraften, hängt daran doch die Forderung, maschinenhaft über sich hinauszuwachsen und jede Herausforderung anzunehmen. Damals, als ich Ben den Laufpass gab und wochenlang fürchtete, nie wieder einen fürwahr attraktiven Mann einnehmen zu können, machte ich mich mit Gin Tonic locker, drehte auf ultraleger und verausgabte mich beim Bowling. 

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