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13.08.2019, Jamal Tuschick

„In dem Fall ist auch das Datum zum Gedicht von Bedeutung... damit man nicht denkt, es wäre ein Nachruf auf Toni Morrison.“ Diese Bemerkung setzt Franz Dobler vor seine jüngste lyrische Sendung an das Mainlabor. „Strange Fruit“ ist kein Nachruf, sondern ein Aufruf, nicht zu sorglos in den Tag zu gehen.

... die Klinge in den Augenspiegeln eines Kindes

STRANGE FRUIT

(7. Juli 2019)

Im Zug sitzen in meiner Nähe

vier schwarze Kinder, Alter so fünf bis acht

und singen und lachen und schreien

in Vorfreude auf das Legoland

in Begleitung eines schwarzen Mannes

der sie mal beruhigt und mal anfeuert.

Ein ganz schöner Lärmangriff

auf einen müden alten weißen Mann

der sich auf sein Buch zu konzentrieren versucht

ein Essay von Toni Morrison

(received the 1993 Nobel Prize making her

the first African-American woman to be selected)

über Rassismus in der amerikanischen Literatur.

 

„Noch immer wird viel nationaler Trost

daraus gezogen, dass man die Träume von demokratischer Gleichheit aller weiterträumt,

was dadurch ermöglicht wird, dass man Klassenkonflikte, Wut und Ohnmacht

bei der Darstellung von Rasse

unter den Teppich kehrt.“

 

Eine verdammt schwierige Sache also

und bei dieser Hitze, bei diesem Lärm

und ich bin fast versucht

diese Kinder endlich zurechtzuweisen:

Seid leise und benehmt euch ordentlich

damit ich Missy Morrison verstehen kann!

Wäre es nicht besser, wenn Sie den Kindern

den Toni-M.-Sound zeigen würden

(sage ich gleich zu diesem Vater)

anstatt dieses dämliche Legoland

mit seinen verzerrten Perspektiven

und falschen Hoffnungen, wenn ich das

mal sagen dürfen würde, Mister!

 

In einem anderen Zug war es

ein weißer Junge, der mich

mit seinem permanenten Quängeln quälte.

In der Sitzgruppe neben mir

traktierte er seine arme Mutter

er wolle jetzt diesen Apfel essen

den sie jedoch zuerst schälen müsse

weil er ihn sonst nicht essen könne

worauf die Mutter immer wieder erklärte

dass sie kein Messer habe und

diesen Apfel nicht schälen könne

den er aber unbedingt jetzt essen wollte

wenn er nur endlich geschält wäre

und ich dachte: I cannot believe that shit

that I will be killed by a fuckin apple!

 

Bis mir einfiel, dass ich ja was hatte

womit ich diese Terrorgruppe

zum Schweigen bringen könnte

und mit meinem Messer in der Hand

baute ich mich vor ihnen auf und sagte:

Hier haben Sie das verdammte Messer!

Das ich in dem Moment mit einem

durchdringenden Zzzck aufklappen ließ.

Der Junge verstummte sofort

hatte zum ersten Mal im Leben

den Tod vor Augen.

Die Mutter starrte mich ängstlich an

ehe sie dankbar lächelte und sagte:

Siehst du, der Mann hilft uns.

Aber der Mann wollte wie üblich

einfach nur sein eigenes Leben retten.

 

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