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16.08.2019, Jamal Tuschick

Vorgestern Abend unterhielten sich Marion Brasch und Hendrik Otremba im Weddinger „Silent Green“ über Otrembas Roman „Kachelbads Erbe“.

Autofiktionale Kassiber

Marion Brasch, Hendrik Otremba

Das Blut der kalten Mieter wird gegen Frostschutzmittel ausgetauscht. 

Eine Heldin des Romans heißt Rosary. So heißt ein Lied von Otrembas Säulenheiligen Scott Walker.  

Eingebetteter Medieninhalt

Der Schauplatz passt antipodisch zum Titel des Abends. Das Silent Green, vielleicht spielt der Name des Kulturstützpunkts auf das gute alte Soylent Green an, war einmal ein Krematorium. Um die Jahrtausendwende wurde es aufgelassen und im Stil des historischen Augenblicks transformiert. Vielleicht stand ein Ofen da, wo jetzt die Bühne steht.

Marion Brasch sitzt als Moderatorin auf der Bühne. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kryonik für sie ein Thema war, bevor Hendrik Otremba seinen Roman „Kachelbads Erbe“ darum kreisen ließ. Darin verschaffte der Autor seinem Namen einen Kurzauftritt als Schriftzug auf einem Lieferwagen: „Otremba Funeral Service“.

Wikipedia sagt: In den USA wird Kryonik von gemeinnützigen Gesellschaften wie Alcor Life Extension Foundation und Cryonics Institute angeboten. Dort können sich Menschen nach ihrem Tod in Kryostase begeben.  

Otremba glaubt nicht an Kryonik. Die öffentliche Feststellung seiner Skepsis sorgt für Heiterkeit im Publikum. Nähere Umstände schildert der Autor drastisch: Das Blut der „kalten Mieter“ wird gegen Frostschutzmittel ausgetauscht; dann hängt man sie kopfüber in einen Tank voller Stickstoff. Einer kryonischen Wiederauferstehung lagern zwischen drei- und fünfhundert Tote entgegen. Otremba spielt nicht nur im Roman mit wissenschaftlichen und abergläubischen Erwartungen an ein Verfahren, das seine Darstellungen der schieren Scharlatanerie entrücken. Er laboriert an der Differenz zwischen den klinischen Verwahrbedingungen nach den gesetzlichen Bestimmungen und der verwinkelten und verschatteten Lagerhaustristesse, die ihm romanatmosphärisch unentbehrlich erschien.

Das musikalisch von Stella Sommer (Die Heiterkeit) begleitete und von Dominik Otremba im Schlussvortrag besiegelte Gespräch findet Freiflächen jenseits der Abseitigkeit des Zentralsujets.

Das Buch ist auch ein Stelldichein der Zentralgestirne und Verknüpfungspunkte im Leben des Autors; so etwas wie das existenziell aufschlussreichste Dokument – ein Schlüsseldossier.

Eine Heldin heißt Rosary. So heißt ein Lied von Otrembas Säulenheiligen Scott Walker. Solche Querverweise, Spezialbezüge und autofiktionalen Kassiber ergeben ein Register von Spezialeffekten mit Anspielungscharakter. Dahinter verblasst die Kryonik.

Killer Kim

Otremba erzählt von Stimmungen auf Reisen, von Fieberträumen in Vietnam. Der vietnamesische Killer Kim* trägt ein Delirium des Reisenden aus.

Zum Roman:  

Unter Anleitung des Titelhelden H.G. Kachelbad, ihrem Kollegen bei der Stiftung „Exit U.S.“, übt Rosary das „Verschwinden“. Der Dreh dabei: man „verhält sich nicht mehr zur Umwelt, sondern begreift sich wieder als Teil von ihr“. Fortgeschrittene überschreiten den Rubikon der Einbildung und erscheinen den Uneingeweihten unsichtbar. In diesem Zustand bewältigt ein vietnamesischer Auftragsmörder* seinen ersten Langstreckenflug. Doch bis dahin passiert viel in Hendrik Otrembas Roman „Kachelbads Erbe“. Die Handlung ergibt sich aus der Verfolgung von Lebensläufen ungewöhnlicher Zeitgenossen. Die von den Protagonist*innen bereits zu Lebzeiten angegriffene Normalsterblichkeit taucht als heimliche Heldin in den Kulissen auf. Wie viel einfacher wäre es für alle, mit geringerer Last die Stromschnellen des Zeitlichen zu passieren. Stattdessen wollen diese Leute den Anfang nach dem Ende der Menschheit erleben, Gott treffen und dergleichen mehr.

Geißelt Otremba ihre Hybris mit abgedeckter Satire und den Mitteln des Kolportageromans?

Hendrik Otremba, „Kachelbads Erbe“, Roman, Hoffmann und Campe, 430 Seiten, 24,-

Rosary bezeichnet ihren Arbeitsplatz als Institut. Tatsächlich handelt es sich um ein mieses Depot in einer Drecksgegend von Los Angeles. Otremba stellt einen Prospekt der Tristesse vor den Leser. Er schildert eine Abfallwelt. Der Trostlosigkeit zum Trotz lassen sich Persönlichkeiten (des öffentlichen Lebens) in einen „Kälteschlaf“ versetzen, um in einer Zukunft der menschengemachten Unsterblichkeit aufgetaut weiterzuleben.  

Während „Exit U.S.“ die sterbliche Leiblichkeit ihrer Klienten komplett verwahrt, lagert man anderenorts nur Köpfe ein; in der Erwartung, sie einmal auf effektivere Datenträger als Fleischkörper montieren zu können. Zweimal im Monat muss „flüssiger Stickstoff nachgeladen“ werden.

Rosary und Kachelbad versetzen Shabbatz Krekov in den „postmortalen Kälteschlaf“. Krekov hieß lange Richard Kallmann. Im Wien seiner Jugend gefiel er dem Glück. Er dichtete im Kreis von Dirnen, die mit ihm eine erotische Wohngemeinschaft bildeten. Das Lebensrad drehte sich, in Mexiko täuschte Kallmann auf die brutalste Weise Selbstmord vor und tauchte als Shabbatz Krekov sowohl unter als auch auf. Ende der Neunzehnhundertsiebzigerjahre schrieb er seinen letzten Roman, der noch belächelt wurde.  

Mit Kryonik lässt sich kein Geld verdienen. Rosary hegt den Verdacht, dass Stiftungsgründer Lee Won-Hong neben dem Tiefkühlgeschäft noch weitere Betätigungsfelder (hat), die weitaus tiefer im Schatten liegen als die Tanks in der Halle“. Der Boss stirbt vor den Augen seiner Angestellten.  

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