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16.08.2019, Jamal Tuschick

Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering fragt in seinem Brevier der rechten Rede „Was heißt hier wir. Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten“ nach Gründen für die „Verhexung des politischen Diskurses“.

Historische Peanuts

Eingebetteter Medieninhalt

Die alte Bundesrepublik unterhielt viele Korporationsbetriebe außerhalb des Bundestages und der Länderparlamente in Vereinen, Verbänden und Verbindungen. In der vorpolitischen Sphäre wurde ein deutsches Nachkriegs-Wir konservativ geprägt und als bissfeste Münze in den Kreislauf einer zweiten Meinungswährung eingespeist. Ein gesellschaftlicher Limes trennte neue und alte Wettbewerber von der Macht des Wir jenseits der Teilhabeaushandlungen. Es gab eine anspruchsvolle Konsens-Zugehörigkeit zu abstrakten Gesellschaftsnormen, eine GG-Bürgerschaft, die von dem schollendeutsch-völkisch-imperialen Wir nicht erfasst wurde. Die westdeutsche Spaltung unterschied eine vom II. Weltkrieg ausgehende, die Niederlage Deutschland schuldhaft zurechnende, Amerika skeptisch betrachtende, die Ost-Annäherung durch Wandel begrüßende, eine neue Elite anstrebende Formation von jenen, die in der Verkleinerung Deutschlands einen Unfall der Geschichte und das größte Übel der Gegenwart sahen. Sie hoben das Temporäre am Status quo hervor.

Müßig zu fragen, wer das in Rede stehende, seinem Wesen nach revanchistische Wir in seinem Portfolio hatte. Es ist kein Zufall, dass Alexander Gauland der zu den Wasserträgern kohlrepublikanischer Granden gehörte, dieses Wir aus den Widerstandsnestern der Reaktion in den öffentlichen Raum transferierte. Das AfD-Wir stammt vom Pata negra der CDU. Nur der Aufschnitt ist dicker. Postuliert wird das Wir der Besitzstandswahrer*innen mit Traditionslinien, die geeignet sind, dem Dritten Reich (in böser Suggestion) einen Episodencharakter zu verleihen.

Daher kommt der „Vogelschiss“.

Heinrich Detering, „Was heißt hier wir. Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten“, Reclam, 60 Seiten, 6,-

Der „Vogelschiss“ und die „Hexenjagd“ haben zwei unterschiedliche Quellen des Bedeutungsverlustes jenes je nach Lesart umwitterten oder umnachteten Wir. Der „Vogelschiss“ stellt Vorgänge im Verlauf der tausend Jahre von 1933 bis 1945 als historische Peanuts hin: im Sinne von Hilmar Koppers „Wir reden hier eigentlich von Peanuts“.

Die Verkleinerung erfolgt auf der Folie von tausend Jahre deutscher Geschichte und suggeriert eine Reichskontinuität, die es nie gegeben hat. Jeder, der an einer Universität den Ernst beobachten konnte, mit der das kodifizierte römische Recht von dem geschieden wird, was als germanisches Recht kursiert, weiß, dass nichts fruchtbarer und beflügelnder wirkt als eine unbefriedigende Faktenlage. Da fehlt dann wenig, bis zum (aus den Stimmungen der Epochen) gefühlten/gesiebten Recht.

Die „Hexenjagd“ kommt aus dem Verlust der selbstverständlichsten Deutungshoheit. Vermutlich verdankt die AfD ihre Existenz der Tatsache, dass es auf den öffentlichen Bolzplätzen keine rechte Hegemonie mehr gibt. Der ungewohnte Rechtfertigungsdruck ruft Bekenner*innen auf den Plan, die aus ihren Herzen keine Mördergruben machen wollen. Kaum haben sie sich bekannt, schreien sie „Hexenjagd“ … gequält von der isolierenden Tatsache, dass nicht alle in das gleiche Horn stoßen. Ich ohne wir macht Angst. Zumal, wenn sich auf der anderen Seite ein kompaktes Wir abzeichnet.

Die „Hexenjagd“ ist eine Chiffre. Sie beklagt den Zustand, sich mit der Mehrheit nicht im Bunde zu wissen. Gauland verwandelt die Klage in eine Avantgarde-Position, wenn er in einem FAZ-Interview 2018 behauptet: „Wir sind der Pfahl im Fleische eines politischen Systems, das sich überholt hat.“

Schon im nächsten Satz zieht er sich auf den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zurück, nur um gleich wieder vorzupreschen. Detering zitiert so: „es müsse `mehr weg als nur die regierende Bundeskanzlerin`“.  

Reizvokabeln gegen Sprechverbote

Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering spricht von einer „Verhexung des politischen Diskurses“. Ich glaube, in Wahrheit ist lediglich die Toleranz gegenüber einer im weitesten Sinn politischen Schmähpropaganda gesunken, die Jahrzehnte lang den rührig umgegrabenen Bodensatz bildete. Kam die befreiende Pöbelei nicht wie auf Bestellung von der Bierbank, dann pöbelte der Landesfürst eben selbst. Seit Heiner Geißler nennt man das die Besetzung der Mitte.

Sagt jemand, Rechts ist die neue Mitte, ist das nur eine Umkehrung der lieber-als-Logik, mit der rheinische Republikaner den roten Teufel an die Wand malten. Detering fragt, wie man diesem („mit einem System der Zweideutigkeit“) verkoppelten Schema entkommen könne.

Bald mehr.

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