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18.08.2019, Jamal Tuschick

Paul Theroux machte in dem 1981 erstmals erschienenen, fünf Jahre später mit Harrison Ford, und River Phoenix verfilmten, auf Deutsch über dreißig Jahre vergriffenen Roman „Moskito Küste“ einen Mann mit Eigenschaften zum Abarbeitungsgegenstand des halbwüchsigen Helden. Charlie erschlägt die omnipotente, von echtem Genie überstrahlte Attitüde des Vaters. In der Dschungelhölle von Honduras überführt Allie Fox Wasser in Eis in einer Art Ofen. Paul Theroux beschreibt den nordamerikanischen Frontiergeist im lateinamerikanischen Urwald als zivilisatorische Entgleisung.

Eis aus Feuer

Es ist eine Höllenmaschine. Sie stinkt und randaliert in einer Einöde von Massachusetts wie zur Verhöhnung solider Ingenieursleistungen. Doch erfüllt der Apparat seinen Zweck. Sein Erfinder Allie Fox, ein semi-illuminierter, cholerisch bramarbasierender Querulant, führt ihn einen Spargelfarmer vor. Der Landwirt winkt ab. Er hält das feuerheiße Kühlgerät für brandgefährlich.

Paul Theroux, „Moskito Küste“, Roman, auf Deutsch von Werner Waldhoff, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 490 Seiten, 14,-

Die Unwirtlichkeit des Landstrichs, der als Schauplatz der gespenstisch geschilderten Szene herhalten muss, speist sich aus vielen Quellen. Auf jeden Fall wurde er auch monokulturell verpestet. Von jeher lässt man da den Spargel schießen wie es dem Wetter gefällt - und stechen von Entwurzelten, die als „Wilde“ wahrgenommen werden und auf ihre Weise mehr schlecht als recht, aber doch im Geist einer tribalen Verbundenheit unter Weißen leben. 

Charlie Fox traut ihnen jede Gemeinheit zu. Der Sohn des Erfinders hat das Schlimmste gehört, aber nicht von seinem Vater, der den Indigenen die Kraft zum Eigensinn zu Gute hält. Der alte Fox ist selbst ganz und gar bärbeißiger Eigensinn. Allie Fox weiß alles besser auf der Grundlage eines apokalyptischen Weltbildes. Die relevante Welt endet an den Grenzen Amerikas. Fox beweist die Selbstverausgabungsbereitschaft eines Pioniers. Ihn quält ein verzweifelter Patriotismus; er verweigert den Kauf eines Schlauchs aus japanischer Produktion. Den Verkäufer beschimpft er als Vaterlandsverräter.

Paul Theroux machte in dem 1981 erstmals erschienenen, fünf Jahre später mit Harrison Ford, Helen Mirren und River Phoenix verfilmten, auf Deutsch über dreißig Jahre vergriffenen Roman einen Mann mit Eigenschaften zum Abarbeitungsgegenstand des halbwüchsigen Helden. Charlie erschlägt die omnipotente Attitüde des Vaters.

„Ich wuchs auf in dem Glauben, dass die Welt ihm gehörte und dass alles, was er sagte, der Wahrheit entsprach.“

Schon die ersten Verwicklungen unterminieren den hoffnungsvollen Glaubenssatz. Charlie stolpert über Kaskaden der Widersprüchlichkeit. Der notorische Lügner und Aufschneider Allie besteht darauf, ganz und gar wahrhaftig zu sein. Er stellt seinen Sohn vor unlösbare Rätsel. Allie schillert zwischen Gewalttätigkeit und Fürsorge. Er tobt von der Gerechtigkeit zur nackten Willkür und wieder zurück.

Man muss wissen, Charlie lebt nicht allein mit dem Wahnsinnigen. Er gehört einer richtigen Familie mit Zwillingen, noch einem Bruder (Jerry) und einer auch ihren Mann liebenden Mutter an. Gleichzeitig mangelt ihn der kalte Entzug der Selbstversorger. Einkaufstouren führen zur Müllkippe. Jeder Kontakt mit den Instanzen der Normalität ist gefährlich; Allie lässt seine Kinder nicht zur Schule gehen, er bewegt sich auf einer roten Linie. Extremer Individualismus ist das eine. Das andere sind Gesetzesverstöße eines Außenseiters, der es nicht zu fahrlässig findet, Schutzbefohlene über einen sozialen Abgrund balancieren zu lassen.

Nach den bescheidenen Maßstäben der neuen deutschen Literatur wäre der Roman schon zu Ende erzählt, bevor Fox und die Seinen nach Mittelamerika migrieren. Man landet in der Hafenstadt La Ceiba, „das Meer (ist) glatt und grün“.

Im Dschungel von Honduras 

„Kein Kokosnusskönigreich“ gewährt Charlie Aufnahme „mit freier Kost und Grashütten und sonnigen Tagen“. Vielmehr riegeln ihn Luftwurzeln ab. Lianen bilden lebende Vorhänge. Unergründliche Einheimische, darunter schneeweiße, Pyramiden bauende „Indianer“, bezeugen eine kolossale Verirrung, die sich in der Unverwüstlichkeit des Vaters ins Monströse auswächst.

Große Penisse und gewaltige Goldvorkommen werden auf der Mythenleiste narrativ zusammengezogen. Engelsgleiche begegnen „Teufeln aus Nicaragua“.

Theroux beschreibt den nordamerikanischen Frontiergeist im lateinamerikanischen Urwald als zivilisatorische Entgleisung. Die Familie Fox pervertiert in ihrer Tüchtigkeit. Allie baut ein Kälteaggregat mit den Dimensionen eines Kraftwerks und nennt es Fat Boy – eine nukleare Botschaft zwischen Fat Man und Little Boy. Kurz gesagt, Allie schreibt Geschichte. Er schleift Eis durch die Gegend, um höchst desinteressierte Bürger des Waldes zu beeindrucken. Die Herrschaften leisten sich den Luxus weißer Sklaven. Im Gegensatz zu dem Yankee-Ami Allie haben sie einen brauchbaren Begriff davon, was Natur da bedeutet, wo sie menschliche Maßlosigkeit so furios wie mühelos einhegt. Das wissen auch die Weißen in ihrer Gewalt. Sie lachen nur müde, als ihnen Allie die Freiheit hinter der nächsten Flussbiegung in Aussicht stellt. Es ergibt sich beim Lesen ein Assoziationspotpourrie zwischen „Apocalypse now“ und „Fitzcarraldo“.   

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