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20.08.2019, Jamal Tuschick

In „Ein Leben lang“ untersucht Julia Grosse die Bedingungen des Unverbrüchlichen auf dem weiten Feld der Liebe auch unter revolutionären Vorzeichen. Sie bezieht sich auf Audre Lorde.

Herzenslust

Blanche beriet sich mit Audre Lorde. Sie fragte: „Glaubst du, dass Clare es ernst meint?“

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Obwohl ihr Geburtsjahr 1913 ein älteres letztes Friedensjahr bezeichnet, war 1938 das letzte Friedensjahr in der ständigen Rede meiner Großmutter. Das ergab sich aus einer Gleichsetzung von Frieden und Normalität. Oft beschrieb meine Großmutter sich mir als junge Ehefrau und Mutter, erfüllt von der Ehe mit einem Freigeist, der so wenig wie sie den Krieg kommen sah. Diese Verspätung in der Wahrnehmung betraf auch Kunst und Kultur. Meine Großmutter zog aus ihrer Zeitgenossenschaft keine Gewinne. Sie verpasste die Moderne von Proust über Picasso bis zu Paul Klee und Max Ernst. Die Welt rauschte wie an einem Zugfenster vorbei. Nie besuchte meine Großmutter eine legendäre Premiere, nie eine bahnbrechende Ausstellung. Nie gewann sie mit der Lektüre einer Neuerscheinung den Vorsprung der Initiierten. Gerade situiere ich sie als Antipode jener „echte(n) Bohemienne“ Gretel Sauvage, die zur Patronin einer schicksalhaften Begegnung wurde. In ihrem Kreis „lernten sich 1938“ Julia Grosses Großeltern kennen, um im Weiteren siebzig Jahre lange ein Paar zu bleiben.     

Julia Grosse, Ein Leben lang, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 235 Seiten, 15.99 Euro

Jede Zeit entwickelt ihre Widerstandsästhetik aus Verknüpfungen von Vergangenem mit Erfindungen der Gegenwart. Auf den Oppositionsmärkten treiben sich stets Zaungäste herum, die nur mal gucken wollen. Auch Grosses Großeltern schließen zu keiner Avantgarde auf. Immerhin erwerben sie von Sauvage ein „düsteres Ölbild“, das die Autorin Jahrzehnte später als Schinken im Flur einer Übergangsbleibe hängen lässt.

Die Großmutter ist eine verheiratete Zahnarzthelferin, als sie ihren Lebensmenschen trifft - einen rühmann’esken Prokuristen westfälischer Provenienz; „blitzgescheit und zum Fürchten gebildet“. Paul wirbt mit Verve, er bricht die Angebetete aus ihrer ersten Ehe. Dies vollzieht sich im Krieg; ein Herzfehler bewahrt Paul vor dem Wehrdienst.

Die beiden fahren nicht nur mit „Herzenslust“ in den Urlaub, sie leben alle Zeit herzenslustig miteinander; ohne je in Freizeitkleidung häuslich zu werden. Sie ziehen sich für ein Abendessen am Küchentisch so an, „wie andere fürs Restaurant“. Sie genießen sich förmlich.

Grosse betont, wie bewusst und intelligent die Großeltern sich zu lieben wussten. Toleranz, Umsicht und Fürsorge grassieren in dieser Beziehung. Jeder flirtet nach links und rechts, die Großmutter klassisch mit dem Skilehrer. Der „fast beißend perfekten Harmonie“ kann dieses Arrondieren nichts anhaben.

Affiziert und mitgenommen von einem Sonderformat der Liebe macht sich Grosse auf die Socken, um das Glück der (nach dem Standard der erweiterten Gegenwart) lebenslangen Gattenliebe zu ergründen. Sie besucht die Baumanns, sie Schauspielerin mit früh erloschenem Ehrgeiz, er Komponist. Sachen, die Baumann in der konkreten Nachkriegszeit für das Deutsche Theater erarbeitet hat, werden heute noch aufgeführt.

Die Schilderung streift das Sujet der verpassten Karrieren und mächtigen Entfaltungshemmnisse „unserer Mütter und Großmütter“, die ihren „Männern den Rücken freihielten“ und Stärke im Verzicht bewiesen.

Marianne Baumann formuliert das drastisch.

„Ich war im Grunde nicht mehr als ein Möbelstück.“

Heute rezensieren die Neunzigjährigen ihr Leben mit einer wohltuenden Kritik der Versäumnisse. Herbert Baumann bewältigt ein Mea culpa-Programm, er verwöhnt seine Frau nach Strich und Faden. Beide wurden in der totalen Verbundenheit zu wandelnden Liebesfackeln. Sie sind in der Lage, alles als Geschenk zu erleben, einschließlich der Krankheiten.

Das Altersglück der durchgreifenden Dankbarkeit beseelt auch Ursula und Karl Heinz Kalina. Täglich tanzen die versierten Foxtrotter in ihrem Wohnzimmer. So feiern sie das Fest des Lebens. Sie überschütten sich mit dem Pech der Zuneigung und hauen sich ihre Liebe um die Ohren.

Grosse exponiert die hemmungslose Rührseligkeit der Kalinas, die vor Ergriffenheit wegschalten, wenn sich im Fernsehen Leute das Jawort geben. Die Autorin arbeitet sich an der trivialen Gewähr ab, mit der Ursula und Karl Heinz sich ihre Liebe wie unter einem sakralisierten Kunstblumenbouquet garantieren. Kann man aufrichtig sein zu der Schlagerverlogenheit der „Amigos, Andrea Berg und Co“?

Offenbar kann man das.    

Blanche Wiesen Cook und Clare Coss finden ihre Aufnahme in der Sammlung von Liebesgeschichten, die das Leben schrieb, unter einem Motto von Audre Lorde:

„I am deliberate and afraid of nothing.“

Coss erzählt selbst von sich als einer Feministin, die ihres Mannes Boxershorts bügelte, bis „es klick machte“, irgendwann in den Sechzigern, kurz nach einem Umzug von New York nach Oxford, sich selbst spiegelnd in Picassos Büglerin, entschlossen, dass Ticket der Zukunft nicht verfallen zu lassen. Damals kannte sie Blanche seit drei Jahren. Beide waren Social Justice Warrior der ersten Stunde, bei „gedünstetem Fisch und Wein“ trafen sich ihre Hände.

Blanche berät sich mit Audre Lorde:

„Glaubst du, dass Clare es ernst meint?“

Grosse schlägt einen gewaltigen Bogen von der Einfalt zur Vielfalt … vom Winkelglück zur empowernden Liebe unter Aktivistinnen.

Bald mehr.

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