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25.08.2019, Jamal Tuschick

John Fantes „Arturo Bandini Trilogie“ ist nun bei „Blumenbar“ erschienen und lädt zu einer Wiederentdeckung des Autors ein. Heute widme ich mich dem ersten, erstmals 1938 veröffentlichten Roman „Warte bis zum Frühling, Bandini“. Die Geschichte eines Heranwachsens unter schwierigen Bedingungen entstand unter dem Eindruck einer wirtschaftlichen Depression. Aufgeladen wurde sie von dem, den Protagonisten untergejubelten, vulkanischen Wesen ihres Urhebers. Die Bandinis überleben auf der Grundlage äußerster Genügsamkeit im Gehäuse eines hausgemachten Optimismus, der mit einer fadenscheinigen Unverwüstlichkeit wetteifert. In dieser Familie gibt es keine Fatalisten.

Die Eroberung Amerikas

Eingebetteter Medieninhalt

Svevo Bandinis Religion ist der Knoblauch. Allein das beweist, dass Svevo keiner dieser Italo-Amerikaner ist, die ihre Abstammung feiern, um sich gegen alle möglichen anderen Minderheiten lautstark abzugrenzen. Der in Colorado mit äußerstem Widerwillen gestrandete Maurer bleibt sein Leben lang ein Kind der alten Heimat. Geboren und aufgewachsen in den Abruzzen, einer Region, die ihrer geografischen Lage zum Trotz als nördlichster Zipfel Süditaliens verortet wird. Das hat historische Gründe. Die Abruzzen gehörten zum Königreich Sizilien.

John Fante: „Arturo Bandini. Die Trilogie“. Aus dem Amerikanischen von Alex Capus. Blumenbar, Berlin 2019. 606 Seiten, 24 Euro

In der Gegenwart des Geschehens ernährt das Maurerhandwerk den fünfköpfigen Bandini-Stamm so schlecht, dass der Ernährer seine Schuhe mit Pappe flickt.

Denn es ist Winter in Colorado.

Die Bandinis leben in der Walnut Street von Rocklin, einem Ort, den es tatsächlich in Kalifornien gibt. Fante spielt darauf an, er bringt die narrativ gezeugte Koinzidenz in einer Nebenbemerkung unter.   

Der alte Bandini dient zumal seinem ältesten Sohn Arturo als Vorhut auf dem Territorium neuweltlicher Unwägbarkeiten. Der Knabe geht den Weg der Knilche. Er haut den Kopf seines jüngsten Bruders Federico durch die Küchenfensterscheibe, und führt den nächstälteren August vor; er pubertiert penetrant.

Der Welt erscheint Arturo „niederträchtig, selbstsüchtig und verdorben“.

Fadenscheinige Unverwüstlichkeit

Kein Zweifel, John Fante spiegelt sich in den rabiaten Selbstermächtigungen des quartiermachenden Migrantensprösslings, der sowohl im Verhältnis zu seinen Eltern als auch zu den ihm nacheifernden Brüdern verpflichtende Vorsprünge hat.

Arturo muss über die Barrieren, die Maria und Svevo Bandini in ihrem Einwanderermilieu vergattern. Nichts weniger als die Eroberung Amerikas wird von ihm erwartet. Die wurde zuvor schon von seinem Schöpfer vollbracht.

Fante war ein Idol von Charles Bukowski, der allgemein einen Mangel an Realismus in der Literatur beklagte, und nur wenige Schriftsteller gelten ließ; so wie direkt neben Fante Nelson Algren. Fantes Prosa changiert zwischen Anspielungen des Epischen, kunstvollen Redundanzen und ebenso kunstvollen Verknappungen. Manchmal erzählt Fante so breit wie Thomas Wolfe, manchmal kürzt er wie Ernest Hemingway. Zum Assoziationsspektrum gehört die Beat Literatur. Soviel zur Einordnung.

Die Blumenbar Ausgabe der Arturo Bandini Trilogie bewahrt die ursprünglichste Verve. Die Geschichte eines Heranwachsens unter schwierigen Bedingungen erschien erstmals 1938 zwar unter dem Eindruck einer wirtschaftlichen Depression, doch aufgeladen von dem vulkanischen Wesen seines Urhebers. Dessen Bandinis überleben auf der Grundlage äußerster Genügsamkeit im Gehäuse eines hausgemachten Optimismus, der mit einer fadenscheinigen Unverwüstlichkeit wetteifert.     

Die Schulden der Familie sind umfassend. Nichts gehört ihr. Nicht das Haus, in dem Armut und bedrückende Enge herrschen (die Brüder teilen sich ein Bett), und nicht die Lebensmittel, die in den Stoffwechselkreislauf eingespeist werden. Maria Bandini lässt über Wochen und Monate anschreiben.

Fante schildert eine Ausgelieferte, die sich mit ihrem Rosenkranz tröstet und ihre Amerikanisierung unterbindet. Maria wirkt als Protagonistin eines Rückschritts. Sie verweigert die Erfüllung der Kontributionen. (So ging sie ohne Schulabschluss in die Ehe, obwohl die Minimalgraduierung in ihrer Herkunftsumgebung der Regel entsprach.)

Längst ist die Brautblüte dahin. Maria schuftet sich still und ergeben dem Grab entgegen; eine Dulderin im Zwiegespräch mit ihrem Herrn; während der älteste Sohn sich nur „für Baseball und Mädchen“ interessiert. Wie sein Vater flüchtet sich Arturo bei jeder Gelegenheit in Rage. Heute würde man von Impulskontrollverlusten sprechen und einen Mangel an Selbstbeherrschung monieren. Im Jetzt der 1920er Jahre stellt sich das Thema anders dar. Arturo beobachtet, wie sein Vater sich vorsätzlich vergisst und verinnerlicht die Lektion. Er trainiert Wut, um seiner Integrität einen stabilen Rahmen zu geben. Er baut auf Furor. Mit dieser als Einsicht deklarierten Preisgabe endet der erste Roman „Warte bis zum Frühling, Bandini“. Der letzte Satz variiert den Titel. Morgen widme ich mich dem zweiten Teil der Trilogie.  

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