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26.08.2019, Jamal Tuschick

In ihrem Roman „Vater Unser“ erzählt Angela Lehner Schwänke aus dem Leben einer internierten Rebellin.

Zirkus des Affektiven

Eingebetteter Medieninhalt

Eva Gruber nimmt ihre Verwahrung im Otto-Wagner-Spital (OWS) auf die leichte Schulter. Sie foppt den behandelnden Arzt Doktor Korb, der seinen psychiatrischen Aufgaben unauffällig nachkommt. Eine geschlossene Anstalt ist „seine Hood“. Er residiert in einem Interieur, das Gruber edel erscheint. Die Patientin setzt edel mit Mahagoni gleich. Sie könnte sich informieren und den Namen des Baums in Erfahrung bringen, dessen Holz zu Korbs Möbel verarbeitet wurde. Das unterlässt sie.

Angela Lehner, „Vater Unser“, Roman, Hanser Berlin, 283 Seiten, 22,-

Korb gibt Gruber Rätsel auf. Der Psychiater wirkt so glatt und poliert wie die Oberflächen im Büro. Ist Korbs Persönlichkeit Inventar geworden?

Ständig entgleitet Gruber sich und anderen entweder in die Vermeidung oder in die Konfrontation. Sie trifft ihren Bruder Bernhard im Spital. Sie memoriert ihre Familiengeschichte. Bernhards Ängstlichkeit dopt von jeher ihre Wut.

Gruber rockt vor sich hin. Ihr wird eine monströse Tat zur Last gelegt, aber der Internierungsgrund kommt selten zur Sprache. Auch die Monsterpotenz des Vaters, der vielleicht (doch nicht) den Missbrauch auf eine Doppelspitze getrieben hat, taucht nur am Rand auf. Bei einer gruppentherapeutischen Sitzung muss sich Gruber nicht nur gegen den einsitzenden Bruder, sondern auch gegen die in Freiheit vergehende Mutter zur Wehr setzen.

Mich irritiert ein Sprachbild:

„Meine Stimme versickert … wie in Treibsand.“

Vielleicht ist das Bild besonders gelungen. Vom Treibsand verschlungen wäre jedenfalls kaum weniger passend. Das ist Grubers Zustand. Sie verschlingt und wird verschlungen in einem Zirkus des Affektiven. Da sieht man sie manches Kunststück vollbringen. Gruber ist übermotorisiert. Sie vibriert wie die Chassis eines Kleinfahrzeuges, das von einem Boliden-Kraftwerk angetrieben wird. Die Energie verschießt sich im Art déco der Psychiatrie. Immer wieder queren Erinnerungen die Längsachse der Gegenwartserzählung. Wie ein Pfarrer religionspädagogisch ambitioniert Freigiebigkeit zur Schau stellte, bis ihn eine Krankheit aus Grubers Kindheit nahm. Und Tschüss.

Wer Lutscher verteilt, ist selbst ein Lutscher.

Im OWS findet das freie Spiel der Kräfte unter erschwerten Bedingungen statt. Korb bleibt im Vorteil, auch wenn er seinen Beruf in Grubers Augen eher unbeholfen ausübt, und Grubers Scharfsinn ihn auf jeder Wildbahn deklassieren würde. Sie haut ihm ihre Sextheorien um die Ohren, sie schlägt ihn regelrecht mit ihren Ansichten.

Gruber behält den Überblick in einem Armleuchterpanoptikum. Lehner erzählt das so, als könne ein Fehler auch bei Gruber liegen, ein Wahrnehmungsfehler auf der Strecke zwischen Selbst und Fremd. Zum Glück lässt sich Gruber keine Pathologisierung gefallen; schon gar nicht von Korb, der ihr ihre widersprüchlichen Ansagen vorhält, und sich erdreistet festzustellen:

„Sie haben einen außergewöhnlich hohen Wertekodex entwickelt, an dem Sie andere messen. – Sie halten sich aber selbst nicht daran.“

Gruber wischt die diagnostische Einlassung vom Tisch der Relevanz. Sie kommt moralisch in den Spagat. Man nennt das Flexibilität.  

P.S.

Nichts wird wahr ohne sein Gegenteil. Man kann den Bruder hassen und lieben wie in einem Atemzug. Das beweist sich einmal mehr in dem Verhältnis, dass Eva und Bernhard zum Schluss vereint.  

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