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29.08.2019, Jamal Tuschick

Die durch die Bank hochgradig pazifizierten und in einen wohlfahrtsstaatlichen Mantel gehüllten skandinavischen Gesellschaften bringen nicht nur ein groteskes Gewalttheater in sämtlichen artifiziellen Spielarten und Schattierungen hervor, sondern auch eine (auf den sozialdemokratisch grundierten Flächen) besonders grotesk erscheinende Blut-Delinquenz.

Verfolgungsfuror

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Es gibt keine Untersuchung über die Gründe eines eklatanten Gegensatzes. Die durch die Bank hochgradig pazifizierten und in einen wohlfahrtsstaatlichen Mantel gehüllten skandinavischen Gesellschaften bringen nicht nur ein groteskes Gewalttheater in sämtlichen artifiziellen Spielarten und Schattierungen hervor, sondern auch eine (auf den sozialdemokratisch grundierten Flächen) besonders grotesk erscheinende Blut-Delinquenz. Das ist das Kettensägen-Massaker im Ikea-Milieu. Es liefert dem norwegischen Schriftsteller Jo Nesbø eine literarische Steilvorlage nach der nächsten.

Jo Nesbø, „Messer“, Roman, aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob, Ullstein, 560 Seiten, 24,-

Interessierte Leser wissen alles über Nesbøs Dauerhelden Harry Hole. Der alkoholkranke Kommissar stammt aus Oslo-Oppsal und dient im Oslo Crime Squad. In der Handlungsgegenwart von „Messer“ ermittelt er nach einer Suspendierung auf eigene Faust. Er wird eingeholt von einem Gespenst seiner Vergangenheit, einem Vergewaltiger und Mörder mit besonderen Gaben. „Der Verlobte“, wie Svein Finne ob seiner Manie, den Opfern ein Eheversprechen abzunötigen, genannt wird, riecht Eisprünge und lehrt Bären das Fürchten. Seine Liebe gehört den Messern. Einst besaß er siebenundzwanzig ausgesuchte Stücke. Ihm ist, als habe Harry, der Svein vor Jahrzehnten als Debütant zur Strecke und für zwanzig Jahre ins Gefängnis brachte, die tödlichen Schönheiten persönlich eingesackt.  

Svein verfügt über ein aufreizendes Repertoire. Es ergibt sich in einer Mischung von Einfalt mit Raffinesse. Gekrönt wird es vom Terror der Furchtlosigkeit. Sveins Welt- und Menschenbild stammt aus dem Gruselkabinett des Sozialdarwinismus. Er hält sich für berufen. Im Auftrag eines zornigen Gottes erfüllt er die Mission der erzwungenen Befruchtung beliebiger Frauen im öffentlichen Raum. Er nötigt seine Opfer, ihre Schwangerschaften nicht abzubrechen. Sveins schwebt ein Rudel ihm ähnlicher Räuber als Ideal vor. Seine Träume werden für andere zu Albträumen.      

Harry ist nun Ende vierzig und mit Rakel gerade noch verheiratet, wenn auch nicht mehr in häuslicher Gemeinschaft vereint. Hinter ihm liegt eine Zeit der Bewährung als Ziehvater von Rakels Sohn Oleg, der dem in jeder Hinsicht überwältigenden Harry beruflich nacheifert. Obwohl sich Harry ständig unmöglich benimmt, fallen ihm Frauen und Freundschaften wie vom Fließband zu. Er nimmt das alles wie durch Nebelschleier wahr, während er seiner außerordentlichen Spürnase folgt, um Svein endgültig aus dem Verkehr zu ziehen.

Harrys Verfolgungsfuror hat das stärkste Motiv. Rechtsstaatliches Handeln war gestern. Harry fühlt sich an keine Regeln mehr gebunden. Das kommt nicht nur vom Morphium, mit dem er die alkoholische Druckbetankung ergänzt.   

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