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30.08.2019, Jamal Tuschick

In dem Roman „Und ich war da“ erzählt Martin Beyer von einem NS-Aktiv-Mitläufer, der auch anders gekonnt hätte.

Die Diskretion der Feigheit

Der Anfang nimmt das Ende vorweg. Da erscheint einer, der weiß, wie es geht. Johann Reichhart stammt aus einer bayerischen Abdecker-Dynastie. Er hat Metzger gelernt und sich als Scharfrichter bewährt. Die Vollstreckung zahlreicher Unrechtsurteile („Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Hans Filbinger) werden ihm in der Bundesrepublik das soziale Genick nicht brechen. Doch noch ist Krieg. Auf einem freien Feld trifft er seinen versehrten Assistenten. August Unterseher steht kurz vor dem Selbstmord. Reichhart bietet ihm so zynisch wie aufgeschlossen seine Erfahrung und das Equipment eines weitgereisten Henkers an.

Jeder, der über das III. Reich und den Faschismus schreibt, erzählt die Geschichte vom Ende her. In einer Bemerkung zu seinem aktuellen Roman „Und ich war da“ weist Martin Beyer besonders darauf hin. Er erinnert sich an ein Erlebnis in der 11. Klasse. Auf die Frage des Ethiklehrers, „wer von euch glaubt, in den 1930er Jahren immun gegen die nationalsozialistische Propaganda gewesen zu sein?“, hob Beyer den Arm, ohne zu zögern. Er wähnte in diesem Augenblick nicht nur sich, sondern auch seine Vorfahren und deren Nachbarn im Besitz eines verdammenden Nachkriegswissens. Später beschämte ihn die Erkenntnis der naiven Weltauffassung und eines moralischen Übersprungs, in dem sich eine billig zu habende Selbstpreisung artikulierte.

Mit mir wäre kein Nationalsozialismus zu machen gewesen. Mein Immunsystem hätte das nicht zugelassen.

Martin Beyer, „Und ich war da“, Roman, Ullstein, 186 Seiten, 20,-

Die auf der Gegenwartsleiste schier unerklärliche Faschismusfaszination der Vielen, die sich nach der Niederlage als Mitläufer*innen disqualifizieren ließen, liefert Beyers Roman einen Antrieb. Darunter quirlt und strudelt die Ambivalenz. Der Autor stellt seinen Helden in eine unbequeme Reihe. Augusts Vater Hermann ist ein Koloss, ein kolossaler Leisetreter. Am Stammtisch oberbayrischer Dorfobristen passt ihm nichts, doch beschweigt er den Dissens. Er privatisiert sein Unbehagen und veröffentlicht schlau und doch gequält die Signale der Gefolgschaft.

Hermanns Ansichten sind nüchtern und brutal gescheit. Er rechnet sich die Landwirtschaft aus - Kosten und Nutzen - seine Berechnungen stimmen. August entzieht sich dem Vater mit den üblichen Vorbehalten nicht zuletzt. Er liebäugelt mit den „blutgenossenschaftlichen“ Überhöhungsfloskeln eines Hitlerjugendführers. Er will mit dem Wind und Teil einer Bewegung sein.

August nimmt Anteil an der Empfindlichkeit eines wortsüchtigen, womöglich nicht ganz arischen Pauls, der unter den „ungeschlachten Bauernjungen“ einen schweren Stand hat. Man hilft sich, die Gestapo ist schon überall und unterzieht den Volkskörper strengster Beobachtungen. Das produziert vorauseilenden Gehorsam genauso wie einen stillen Widerstand. Da treffen sich der musische Paul und der klotzige Hermann in gemeinsamer Seelennot und könnten es, wüssten sie es denn, nicht glauben.

Das Vieh von einem Vater geht allmählich vor die Hunde, da ihm alles gegen den Strich geht. Genauso allmählich tritt August aus dem Schatten des Übermächtigen. Jetzt erst zeigen sich die Konturen seines Charakters. Jeder könnte ihn für unzuverlässig halten, ohne ernsthaft an zu ihm zu zweifeln. Er erscheint gerade deshalb vertrauenswürdig, weil er sich nicht stark macht. Der HJ-Führer vertraut ihm. Die das Paul-Programm erweiternden Widerstandsgeschwister Isabella und Peter wenden sich erwartungsvoll an August.

August bewahrt sich in der Antriebslosigkeit und flüchtet in die Ornithologie, bis er eingezogen wird.

In einer Rückblende beschreibt August Erlebnisse an der Ostfront als Schlusspunkte jedweder Kontinuität in seinem Leben. Wäre August der Autor gäbe es die Geschichte nicht. Erzählen setzt das Vertrauen in den Fortgang der eigenen (in der großen Geschichte wie in Bernstein eingelassenen) Geschichte voraus. Solange dieses Vertrauen nicht zerrüttet ist, koppelt man nicht integrierbare Vorgänge aus und lässt sie biografisch links liegen. Das artikuliert sich auch im „Schweigen der Soldaten“, das August für sich nach dem Krieg beansprucht. Er übergeht die Zäsur, die sich mit dem Ende der Kontinuität zwangsläufig und alternativlos verbindet.  

Das heißt, es gibt eine Kontinuität nach Stalingrad. Der Autor trifft diese Feststellung, er belastet August mit Schuldgefühlen. August erlebt sich als Leidender (Opfer?) und erkennt sogar seine Lächerlichkeit in dieser Rolle. Er gefällt sich selbst nicht, so wie ihm die Verhältnisse im III. Reich nicht gefallen haben. Doch da ist ein weibliches Interesse an der Person jenseits der „klapprigen Verdrängungsmaschine“.

August notiert auf Geheiß seine Träume, die als Heraufbeschwörungen das Bewusstsein streifen. Er träumt vom Krieg und erinnert in erträumter Vergegenwärtigung, dass der väterliche Schläger, dem ein Totschlag seines Augusts einmal fast geglückt wäre, nicht als nationalsozialistischer Träumer vom „Lebensraum im Osten“ zur Verfügung stand.

Die Anpassung endete an der Gesinnungsgrenze. Was aber war der Rest an Dagegen wert? Was unterschied August von seinem Vater? Was unterschied die meisten Deutschen voneinander? Wie sehr kam es darauf an, nicht zu sehr Dafür gewesen zu sein?

Beyer gibt der Vorstellung Raum, dass die Diskretion der Vorbehalte und Einwände, mit der August etwa im Zuchthaus Stadelheim (wo er dem Scharfrichter bei der Ermordung der Geschwister Scholl Hilfsdienste leistet) seelisch wirtschaftet, die Vorbehalte und Einwände von jedem Eigengewicht befreit.

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