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02.09.2019, Jamal Tuschick

Die Kinderschreckfigur „Der schwarze Mann“ ist überall in Deutschland bekannt. Sie hat nichts mit Rassismus zu tun. Auch das berichtet Marvin Oppong in „Ewig anders. Schwarz, deutsch, Journalist“.

Seelische Schnittwunden

Strahlendes Land - ein Film von Marvin Oppong

Eingebetteter Medieninhalt

„Der schwarze Mann“ ist als Kinderschreckfigur überall in Deutschland bekannt. Er hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern tritt als Repräsentant des Todes und als ein Relikt von Pest-Riten auf. Heute weckt er falsche Assoziationen. Das gibt Marvin Oppong in seinem Lagebericht zu bedenken.   

Marvin Oppong, „Ewig anders. Schwarz, deutsch, Journalist“, Dietz Verlag, 236 Seiten, 22,-

Welches Kind denkt an den schwarzen Tod, wenn vom „schwarzen Mann“ die Rede ist. Zwischen den Entvölkerungsfeldzügen des berühmten Erregers und der Gegenwart, in der in der Konsequenz ahistorischer Assoziationen ein Schwarzer Mensch als Angstauslöser missbraucht wird, sind Jahrhunderte geschaltet, in denen die europäische Kolonialgeschichte mit volkstümlichen Sozialrezepten Symbiosen einging. Erst im Gegenlicht einer neuen Sensibilisierung erkenne ich, wie grundrassistisch meine Erziehung in den 1960er Jahren war. Das war etwas Konstituierendes: an sich (abgesehen von mir) ohne den Makel einer Abweichung dem Salz der Erde (übrigens auch dem Licht der Welt) zugerechnet zu werden. Ich wurde mit Beschwichtigungen nach innen und außen eingebaut – mit beträchtlicher Entfernung zu jedem Ideal. Das Kind war in den Brunnen gefallen.

Oppong sagt, wer von pädagogischer Warte heute noch den „schwarzen Mann“ ins Rennen schickt, handelt rassistisch. Verweist der Rassist auf den Ursprung der Erzählung, spricht er nicht weniger demagogisch als jener, der mit welchen Begründungen auch immer darauf besteht, das N-Wort einzusetzen, womöglich mit dem Brüller, es kursiere unter Schwarzen.

Ein konfrontierter Kollege kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und so auf ein „Gasthaus Zum Mohren“ und das „Mohrenbräu“. Er hätte auch noch den „Zehn kleinen Negerlein“ jede Menge „N- (oder) M-küsse“ anbieten können.  

Ginge es nach mir, müssten alle zur Herabsetzung geeigneten Bezeichnungen ersetzt werden, ungeachtet ihrer Genese. Die Jetztzeit fordert ihr Tribut. Unter rassistischen Bedingungen gibt es keine Gleichberechtigung.  

Mach kein Palaver

Oppong erzählt, wie sich das anfühlt, weit und breit der einzige Schwarze zu sein. Ein Dreikäsehoch erkennt in ihm ein adoptiertes Kind, um ihn dem eigenen Schwarzweißschema einzupassen. Oppong erlebt die Einordnung als Kränkung. Mit überbordendem Selbstverständnis wird er beraubt. Man raubt ihm das Recht auf Selbstbestimmung. Er verliert seinen Objektstatus an eine Marke aus der Nachbarschaft, die ihm im Brustton der Überzeugung erklärt, wer er ist: ein angenommenes Kind; ein verlorener Findling am Rand der Siedlungshighways.

Kolonialismus ist kein Thema in der Schule. Erst mit fünfzehn erfährt Oppong, dass „Deutschland Kolonien hatte“. Während die koloniale Weltordnung immer noch bildbestimmend ist und das kollektive Unbewusste beherrscht, werden die Voraussetzungen der Deutungsmachtverhältnisse verschwiegen.

Wo kein Kläger, da kein Richter. Da es in einer weißen Gesellschaft keinen Markt für die Problematisierung von Rassismus gibt, findet auch kein alltäglicher, den Akutwerten entsprechender Informationstransfer statt. Ein rassistischer Übergriff fällt regelmäßig in das Nichts eines allgemeinen Desinteresses.

Haben wir (die Gesellschaft) nicht stets Wichtigeres zu bedenken als die Empfindlichkeiten eines Außenseiters, der sein ewiges Anderssein täglich reingerieben bekommt.

Ich bin Oppong dankbar für alle die Beispiele, die er aus seinem persönlichen Erleben zusammengetragen hat. Sie dokumentieren lauter Mikroverletzungen, kleine seelische Schnittwunden.

Sie können nicht heilen. Erst am Ende dieser Lebensgeschichte wird der Schmerz seinen Hut nehmen.      

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