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03.09.2019, Jamal Tuschick

William Melvin Kelleys Variation des biblischen Auszugs aus Ägypten - „Ein anderer Takt“ - entstand in einer amerikanischen Tauwetterperiode (kurz vor der nächsten Eiszeit) zur Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung. Der 1962 erstmals publizierte Roman konserviert einen Hoffnungsüberschuss und eine heruntergespielte Black Panther Radikalität. Das macht ihn zu einem besonderen Zeitzeugnis.

Weißer Fokus

Eingebetteter Medieninhalt

Er ist ein Gigant unter den Hünen seines Volkes – ein Tribun mit allen Attributen der urwüchsigen Überlegenheit. Seine Versklavung verlangt den größten Aufwand und misslingt doch, obwohl der in Ketten geschlagene und in hundertfach verstärkter Einzelhaft über das Meer geschaffte Herrscher (seine Rage bläht die Segel, mit einem Schlag schlägt er ein Loch in die Bordwand, die Besatzung fürchtet ihn wie sonst nur den Teufel und geht an seiner Wutstärke zugrunde) dem äußeren Anschein nach seiner Freiheit verlustig ging.

William Melvin Kelley, „Ein anderer Takt“, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Dirk von Gunsteren, Hoffmann und Campe, 300 Seiten, 22,-

Manche Leute gewinnen im Widerstand gegen zwingende Kräfte eine übermenschliche Größe. Siehe Nelson Mandela. So ist das auch bei „dem Afrikaner“, der de iure in den eigentümlichen Besitz von Dewey Willson gelangt. Der Westpoint Absolvent gab auf Geheiß von Robert E. Lee sein Patent zurück, als die Sache des Südens eine Sezession erheischte. Er übertraf die konföderierten Generäle, so dass sein Name auf der Liste der Siegreichsten unter den Verlierern oben stand. Dewey wurde Gouverneur in der Sphäre einer von ihm proklamierten Eigenstaatlichkeit zwischen Alabama und Mississippi am Golf von Mexiko.

Der Staat ist eine Erfindung des Autors. William Melvin Kelley veröffentliche seinen, gerade wiederentdeckten Roman in der Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung 1962. Sein Held ist eine Ahne jenes unbändigen „Afrikaners“, den übelste Umstände mit einem anderen charismatischen Tatmenschen auf Kollisionskurs bringen. Jahrzehnte später ruiniert Tucker Caliban sein Land, tötet das Vieh und stellt sich (wie Moses einst) an die Spitze eines Auszugs.  

When Israel was in Egypt's land/ Let my people go/ Oppressed so hard they could not stand/ Let my people go.

Tucker ist der Motor einer Entvölkerung. Mit ihm verlassen alle Afroamerikaner*innen den Staat. Darüber unterhalten sich Zurückgebliebene in einem Kaff namens Sutton.

Erhellend ist es, den Titel zu verstehen:

If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away. Henry David Thoreau

Ein alter Schwätzer namens Harper, der sich freiwillig demobilisiert hat, nur weil die Welt schlecht und voller Niederschläge ist, erzählt auf seiner Terrasse Müßiggängern eine Geschichte, die sie längst kennen. Tuckers Urgroßvater brachte ein männliches Baby mit in die Neue Welt. Dewey erwirbt Vater und Sohn, bevor der Afrikaner nach seinem eigenen Willen davonstürmend aufbricht und mit dem Sohn im Arm eine Schneise der Verwüstung in die Landschaft fräst. Er befreit die Sklaven der Gegend und verleibt sie einem Maroon-Stamm ein.

Einen ehemaligen Sklaven, der als Gehilfe des Auktionators auf den Sklavenmärkten amtlich wirkte, macht der Afrikaner zu seinem Adjutanten, dessen vornehmste Aufgabe darin besteht, den Sohn des Titanen zu hüten, während sich der Titan selbst mit Deweys Miliz herumschlägt. Der Hüter wird zum Verräter. Seine Begründung verrät etwas von dem revolutionären Impetus, den Kelley beflügelte:

„Warum verrätst du hin?“

„Weil ich kein Wilder bin, sondern Amerikaner.“

Dewey nimmt den Sohn an sich. Er nennt ihn Caliban. So heißt Prosperos Sklave in Shakespeares „Sturm“. Von da an sind die Nachkommen des „Afrikaners“ Familienangelegenheiten der Willsons, die nach dem Ende der leibeigenschaftlichen Sklaverei mit Lohnsklaverei im Beat bleiben, bevor, im Takt einer neuen Zeit, der dritte Dewitt Willson der Segregation abschwört und zum Aktivisten wird. Ausgerechnet ein Gerechter erscheint als Gegenspieler auf der Bühne des Dramas. Tucker Caliban erwarb das Land, das er schließlich mit zehn Tonne Salz unfruchtbar macht, von Dewitt III.  

Es ist nicht einfach nur ein Stück vom großen Kuchen, ein äußerster Plantagenzipfel, den Tucker Caliban zerstört. Tucker Caliban setzt eine Marke der Verheerung ab auf dem Lieblingsflecken des kolossalen Landnehmers und Rebellengenerals Dewitt Willson. Tucker Caliban fällt auch …

„Dann hat er die Axt genommen und den Baum neben dem Haus gefällt, zu dem der General immer geritten ist, weil er fand, dass es der schönste Baum von allen war.“

Nichts scheint verwegener und abwegiger als das Naheliegende. Die Schwadroneure um Harper ergründen die Motive des Exodus-Anführers Caliban auf der Folie ihrer Rassenvorurteile und den Ansichten der Verträglichkeit infolge ständigen Umgangs mit Schwarzen, die gleichwohl als Nigger bezeichnet werden. Kelley rückt Caliban in einen weißen Fokus. Rückblenden leuchten die historische Spur aus, die Caliban legt.   

Die Phantasie, die Kelley darauf verwendet, der weißen Perspektive gerecht zu werden, erfüllt nur einen Zweck: den vorherrschenden Hass und das Unverständnis nicht bloß ungehobelt auftreten zu lassen. Kelley gelingt es, dass Misstrauen der Herrenmenschen gegenüber den (ihren Attitüden) Ausgelieferten so genau zu schildern, dass man die Urszene wie ein Kinostandbild vor sich sieht: Auf einer Terrasse lungern entweder ausgezehrte oder fette Weiße und beobachten (scharfe Schatten auf den Straßenstaub werfenden) Schwarze, die auf dem Weg zu ihren abgelegenen Gehöften sind. Jede Wahrnehmung außerhalb des Arbeitskontextes (der sichtbaren Fortsetzung der Sklaverei) impliziert toxische Komponenten. Einerseits muss irgendwer die Arbeit machen, andererseits wäre es besser, sie wären alle tot.

Das ist eine Ansicht des Südens. Kelley exponiert sie. Der Autor spielt damit, wenn er einen Halbwüchsigen zum Spiegel eines aufgeklärten Erwachsenenstandpunkts machte. Dem Knaben Herold „Mister“ Leland wurde beigebracht, zu allen N… die älter sind als er Sir zu sagen. Die Ansage kontrastiert eine Straßenerziehung zum Ressentiment. Viele stecken in dieser Ambivalenz, sie stellt den Fortschritt dar. 

Kelley sagte mal, es sei ihm von Weißen zum Vorwurf gemacht worden, dass der Roman behauptet, zu wissen, was sie denken. 

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