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07.09.2019, Jamal Tuschick

Die Dinge konfrontieren den Tod der (vormaligen) Eigentümer mit ihrer Unverwüstlichkeit. Susanne Mayer erforscht in „Die Dinge unseres Lebens“ das nach dem Tod der verwitweten Mutter zum Museum gewordene Elternhaus.

Das Theater der Zeit

Fragte man die Mutter in ihrem Eigenheim, dann war das Leben davor eine Zumutung im einsperrenden Dunstkreis des schwiegerelterlichen Hofes gewesen. Die großstädtisch in Hannover aufgewachsene Mutter brauchte Stadtluft, zumindest Vorstadtluft. Sie hatte, ihren Mann hinter sich herziehend, das Weite in einem Neubaugebiet gesucht, das der Bundeshauptstadt nah lag. Als gelernter Landvermesser, Katasteramtsleiter (in Bonn) und Rosenzüchter (vor den Toren der Stadt) machte der Mann im Wirtschaftswunderland eine gute Figur.  Den Krieg, er hatte den Westfeldzug mitgemacht und war in Polen und Norwegen stationiert gewesen, „beschwieg (er so) kommunikativ, wie es der von Susanne Mayer zitierte Philosoph Hermann Lübbe dem deutschen Soldaten nachsagte.

Susanne Mayer, „Die Dinge unseres Lebens: Und was sie über uns erzählen“, Berlin Verlag, 293 Seiten, 20,-

Irmgard und Hans

Irmgard und Hans bauten auf Begriffe von einer soliden Partnerschaft, die aus dem nationalsozialistischen Ehehygienekatalog stammten. Man führte eine „Kameradschaftsehe“ im Nachgang eines der Nachkriegsnot gehorchenden „Bratkartoffelverhältnisses“.   

Im Jetzt eines von der Erzählerin erinnerten Sommers sind jene tot, die einmal mit Eigentümerrechten sich aus einem Habitat von Moselbauern in den verwitterten Neubau geflüchtet hatten, während der in Jahrzehnten zusammengetragene, zuzeiten ausgetauschte, aber nie aus dem Haus geschaffte Besitz in der Aufmerksamkeit der Erzählerin aufblüht.

Das Bett ist eine großartige Angelegenheit, von Messingleisten eingefasst. Die Erzählerin ergreift davon Besitz mit den Augen, eine weiterreichende Inanspruchnahme liefe auf eine Überforderung hinaus – in Anbetracht der Fülle übriggebliebener Dinge; Dinge, die Irmgard und Hans stoisch überdauern. Die Dinge konfrontieren den Tod der (vormaligen) Eigentümer mit ihrer Unverwüstlichkeit.

„Es war so etwas wie der Sommer meines Lebens.“

Mit diesem Satz beginnt die Erkundung des Bestands. Die Erzählerin ist allein mit den Möbeln und Geschichten, die das Interieur erzählt. Ausrangierte Sachen im Keller konservieren die Aromen eines Aufstiegs. Sie wurden von Neuanschaffungen verdrängt, matt nun auch schon lange wieder von Gebrauchspatina.

Susanne Mayer zitiert Roland Barthes: „Das Theater der Zeit“. Es bietet uns eine Bühne. Alle Verträge sind befristet. 

Das kalte große Elternhaus erscheint als Festung rheinischer Bürgerlichkeit und zugleich als verlorenes Paradies (nicht nur) einer Kindheit. Die einst vor Hoffnungen berstenden Räume sind im Akut der Bestandsaufnahme bis unter die Decken gefüllte Arsenale. An die Stelle des Gebrauchswerts tritt die Erinnerung als Faktor. Das Evokationspotential eines Urlaubsfotos, Mama im „Strandkleid aus Frottee“, zählt mehr als eine Nymphe mit Amphore, die als Kreuzfahrtsouvenir einen Platz im Garten zugewiesen bekommen hatte. 

Die Erzählerin sichtet nicht nur. Sie versichert sich auch mit Erinnerungen auf Flächen zur freien Verfügung in jeder Hinsicht.

Mich veranlasst das zu der Frage, welche Erinnerungen ich einmal fälschen werde, wenn es außer mir keinen mehr gibt, der es besser weiß. Ich habe die Behauptung in Umlauf gebracht, der in seiner historischen Bedeutung kurzlebige König von Westphalen, ein Bruder des Bonaparte, sei seinen Regierungsgeschäften auf der Wilhelmshöhe über Kassel im Pyjama nachgegangen. Dazu angestiftet hatte mich ein niederhessischer Allgemeinplatzhirsch von einer Schote. Es hieß, jener Jerome, genannt König Lustik (das harte g der Gegend), habe in Champagner gebadet. Nach dem Bad zog man den Wein wieder auf Flaschen. Stets gewann man eine Flasche dazu, da der Potentat sein Wasser in den Wein laufen ließ. 

Also, warum nicht im Pyjama regieren. Dann stellte sich meine Literarisierung als historisch verbürgt heraus. Anders gesagt, was kann eine Tochter über ihre Eltern wissen? Was lernt man beim Stöbern?

Der Erzähleinfall ist reizvoll. Er variiert die Sondierung von Dachböden, die Reiche für sich bilden. Das sind Refugien für Schmetterlingssammlungen in Zigarrenkisten. Nist- und Spielplätze. Schauplätze von Geheimnissen. Verwahrorte von Kartons: aus der Fasson getreten mit den Stiefeln der Zeit. Die Erzählerin findet Fotos, die ihre Mutter in der Gesellschaft heldischer Gestalten zeigen; Verehrer aus einer Reihe, die dem Vater vorangingen. Die Aufnahmen sind Inszenierungen mit Insignien von Luftwaffe und Marine.

Schicht für Schicht legt die Erzählerin das Leben der Vorausgeeilten frei. Der Vater hatte einer jugendlichen Empfindsamkeit keinen Raum gewährt, und war im Zuge einer Unterdrückung musischer Neigungen zu seinem Beruf gekommen. Jahre nach dem Sondierungssommer unterzieht die Erzählerin die alte Bilanz einer Revision. In konkreter Todesnähe gibt sie den kritischen Abstand auf und gesteht einen hohen Identifikationsgrad. Kein Apfel fällt weit vom Stamm. Die Binsen der Altvorderen fordern den Tribut der Anerkennung. Die Aussicht auf einen sichtenden Blick der Nachkommenden auf den eigenen Plunder verspricht eine Spielverlängerung in der postumen Phase.

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