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08.09.2019, Jamal Tuschick

In „Gegen Morgen“ erzählt Deniz Utlu von einer Siegerneigung, dicht am Schweißgeruch des eigenen Erfolgs noch den Misserfolg eines Gegenspielers lustvoll einzuatmen.

Versunkene Kosten

Eingebetteter Medieninhalt

Es gibt diesen Moment in jedem Leben. Kurz vor Anbruch des Tages stellt sich am Ende der zig Mal in die Verlängerung gegangenen Jugend etwas als beschwerlich dar, dass bis dahin leicht zu bewältigen war. Es ist vielmehr eine Wahrnehmungsverschiebung als eine physische Veränderung und gewiss nicht vergleichbar mit einem Stoß ins Kreuz oder einem Tritt zur Knieinnenseite, der ein Einlenken bewirkt. Das unter Druck gesetzte Bein vollführt eine komplizierte Figur. Der Prozess des Nachgebens folgt dem Weg des geringsten Widerstands.

Dann ist die Jugend vorbei wie eine Stunde, von der man sich mehr versprochen hat.

Noch wirkt die Spielanordnung vertraut wie ein Mondflug im Traum. Das Flugzeug, in dem der Erzähler sitzt, reiht sich über Frankfurt am Main in die Landungsschlange ein. Wegen hohem Verkehrsaufkommen ist es schon dreißig Minuten länger in der der Luft als angekündigt. Der Stress nimmt zu.  

Deniz Utlu, „Gegen Morgen“, Roman, Suhrkamp, 269 Seiten, 22,-

Das ist ein Anfang. Gleich landet man auf dem viertgrößten Flughafen Europas. Kein anderer europäischer Flughafen bietet so viele Nonstop-Flüge nach Seoul oder Shanghai. Über zwanzigtausend Fahrzeuge und Geräte sind da im Einsatz. Eintausendsiebenhundertneunundvierzig Uhren zeigen die Zeit an. Ramp Agents nennt man die Leute auf dem Vorfeld. 

Im Sinkflug gerät die Maschine in schweres Wetter; der Luftfahrt-Terminus-technicus hat nautische Ursprünge. Denken Sie an die Luftschiffe des Grafen Zeppelin. In der plötzlichen Anpassung halluziniert Kara (Schwarz) einen Bekannten namens Ramón als Passagier in seinem Sichtbereich.

„Ramón, der durch alle Prüfungen fiel … für den nie Raum blieb, der immer zu viel war, immer überflüssig, nie willkommen, nur da.“

Kara hält unter Beschuss an studentischen Gepflogenheiten fest. Die normative Kraft des Faktischen trotzt dem utopischen Gesäusel eines Dreiunddreißigjährigen. Er erinnert sich, während das Flugzeug im Luftlochrodeo bockt, an schöne Momente im Kreuzberger Bergmannkiez.

Abbruch des Landeanflugs. Der Kapitän meldet den Ausweichflughafen Hannover. Der Erzähler landet unerwartet in seiner Geburtsstadt. Er besucht seine Mutter, die ihn allein aufgezogen hat und begibt sich auf die Strecke eines Erinnerungsmarathons. Es gibt einen besten Freund namens Vince - und Nadia, die auf dem Frankfurter Flughafen vergeblich auf ihn wartet.

Ich finde den Einstieg angenehm unaufgeregt. Der Höllenritt durch die Wolken entwickelt wenig Sog, die Dramatik des Wetters übersteigt in ihrer Schilderung nicht die Marke unbeteiligter Kenntnisnahme eines Hurrikans auf den Bermudas. Die Aufmerksamkeit wird von den näheren Umständen des Überraschungsbesuchs eingefangen, von Impressionen eines aufgegebenen Alltags in einem Betonrahmen; von Nüssen im Reis und geröstetem Chicorée.

Das ist nicht trivial. Das geschmacksintensive türkische Essen und die orientalische Gastfreundschaft in einer sozialdemokratisch zubetonierten Nachbarschaft gehör(t)en zu den Offenbarungen der Einwanderung. Diese plötzlich aufgetauchten Inseln migrationsvulkanischen Ursprungs veränderten alles. Kein Mensch ging mehr zur Bude, um sich da eine Bockwurst zu holen. Der Käse war gegessen. Im nächsten Schritt buken Araber Pizzen und Khmer Rouge dealten Döner. Das waren Engel der Zukunft (Angelus Novus, Paul Klee/ Walter Benjamin), die schon „Fluidität von Herkunft und Kultur“ sowie „Diversität jenseits von Herkunft“ (Naika Foroutan/ Shermin Langhoff) verhießen. 

Kara gehört zur Riege der Postmigrant*innen. Er hat zwar einen Migrationshintergrund, aber keine konstituierenden Migrationserfahrungen. Die türkische Dimension seiner Existenz wird überlagert von einer Deutschländer- aka Almancılar-Identität. Für die Figur des Anderen (aus der mehrheitsgesellschaftlichen Perspektive) steht er nicht mehr zur Verfügung. Er ragt aus der Gegenwart in die Zukunft. Er verkörpert die Zukunft ohne soziologische Erklärungen. Sein Schöpfer salbt ihn mit dem Öl der Selbstverständlichkeit. Jede soziale Zuckung vibriert in der mehrheitsdeutschen Normalität. Utlu leuchtet mit dem Spot einer langen Rückblende in den Sozialisationskeller. Er beschreibt die Strecke vom Kinderzimmer in die kalten Berliner Winter. Nadia riecht nach „Kastanien und Meerwasser“, Vince ist da wie eh und je, und Ramón lässt nicht nach in seiner Rolle als konsequenter Versager.

Ramón fungiert als Irrer vom Dienst. Er haut Geschirr klein, das zu spülen gewesen wäre. Der Erzähler gibt den zersplitterten Stapel als Betrachtungsgegenstand nicht auf. Sein Blick bleibt am grauen Schimmelvlies hängen. Das Scherbengericht hält ein Tiefbecken zusammen. Den Dreck solange zu begünstigen, bis er gewonnen hat, ist ein studentischer Allgemeinplatz. Aber in Karas Wahrnehmung wird der Dreck zu einer Vergänglichkeitsmarke. In naher Zukunft wird man sich schon länger in keiner Küche mehr aufhalten haben, die so aussieht.    

Utlu kontrastiert mit Ramóns Flüchtigkeiten und Entgleisungen Karas Durchmarsch bis in den akademischen Mittelbau und sogar noch weiter. Als Experte für „versunkene Kosten*“ bei der Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt kann sich Kara ein flockiges Leben leisten. Nadias Kinderwünsche richten sich auf ihn.  

*Versunkene Kosten in der Psychologie:

Auch irrationale Beharrlichkeit. Als VK bezeichnet man die Tendenz, ein Vorhaben (z. B. ein Projekt, eine Investition, eine Beziehung) fortzusetzen, wenn bereits eine Investition in Form von Geld, Anstrengung (Energie) oder Zeit getätigt wurde, also versunkene Kosten entstanden sind. Die bereits getätigten Investitionen beeinflussen die Entscheidung über zukünftige Investitionen und führen in Folge dazu … Da vergangene Kosten unabhängig von den Entscheidungsalternativen bestehen, sollten nur inkrementelle und zukünftige Kosten im Entscheidungsprozess berücksichtigt werden. 

Zitiert nach Erich Kirchler & Jennifer Stark

Kara pendelt zwischen Berlin, wo er (längst mit einem nostalgischen Schatten an der Ferse) bleiben will, und Frankfurt, wo Nadia durchstartet. Der unverarbeitete Rest, das, was sich nicht gebrauchen lässt, kriegt Ramón eingepackt. Für ihn ist das gleichermaßen Wegzehrung und Durststrecke. Der Roman macht eine Rechnung zwischen Gelingen und Misslingen im Wechselspiel von hart und härter auf. Ja, auch das Gelingen ist hart. Doch zahlt man für Verzicht noch mehr in die Schmerzkasse.

„Läufst du weg von mir?“ fragt Nadia eher „belustigt, als zynisch“. Sie weiß vielleicht sogar besser als Kara, dass einer, der so vorgeht wie ihr Liebhaber, nicht auf halber Strecke stehenbleibt. Das heißt nicht, dass Kara sich in der Beziehung zu Nadia erschöpft.

Das Romangeschehen verrätselt sich. Kara reist nach Paris auf der Suche nach Ramón. Er trifft dessen Schwester und Florian, der ihn bei sich übernachten lässt. Kara könnte sich in einem Albtraum befinden und gleich in Frankfurt landen. Obwohl Utlu Ramón eine komplette Biografie angepasst hat, wirkt er manchmal wie ein stellvertretendes Ich des Erzählers. Als gäbe es ihn nur als Facette.  

 

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