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12.09.2019, Jamal Tuschick

Es gibt eine neue Kooperation. Das Mainlabor wird sich in Zukunft mit der Hamburger Traditionsplattform Textem austauschen.

Der sanfte Ton der Revolution - Alain Badiou: Versuch, die Jugend zu verderben - Ein Beitrag von Ralf Schulte

»The revolution will be televised, you can watch it in HD.«

Jeff Beck & Bones

»Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht«, empfiehlt eine Initiative des Bundesfamilienministeriums und des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Aber warum sollte das nur fürs TV und die digitalen Medien gelten? 

Ein schmales Buch des 1937 geborenen französischen Philosophen Alain Badiou droht derzeit damit, die Erziehungsarbeit der Elterngeneration gezielt zu unterwandern. Der »Versuch, die Jugend zu verderben« ergreift die Perspektive des streitbaren Großvaters, der die Welt, wie sie geworden ist, den Enkeln nicht kommentarlos hinterlassen will. Mehr noch: Badiou sucht den Schulterschluss der Alten mit der jüngeren Generation im Kampf gegen die mittlere der 35- bis 65-Jährigen, in ihr erkennt er nämlich die Verantwortlichen für so ziemlich alle Missstände des Weltgeschehens.

Für einen Vater von verhältnismäßig unverdorbenen Erdenbürgern im Zielgruppenalter könnte das Pflichtlektüre sein. Schauen wir also hin.

Oft werden Buchtitel unglücklich übersetzt, in diesem Fall bringt der der deutschen Ausgabe den Autor – und den Leser – in ein merkwürdiges Interpretationsgemenge. Im Original heißt das Werkchen »La vraie vie«, das wahre Leben. Soll man also trotzdem annehmen, es sei die Absicht des Autors, die Jugend zu verderben? Und was könnte damit überhaupt gemeint sein? Man ahnt schon, dass eine nicht ganz ernst gemeinte Selbstbezichtigung im Spiel ist, eine vielleicht spontihafte Unseriosität, wüsste aber gern, ob das überhaupt im Sinne des Autors ist oder ob der Titel rein verkäuferische Absichten verfolgt (was angesichts der fundamentalen Marktkritik Badious eine spezielle Pointe hätte).

Die Zeile setzt jedenfalls einen falschen Akzent, den der Text bald entkräftet. Badious Vorbild ist Sokrates, der Urvater aller Philosophen, dem man im antiken Griechenland genau das zur Last gelegt hat: die Jugend zu verderben. Weil er sich für etwas engagierte, das Badiou »das wahre Leben« nennt. »Etwas, das der Mühe wert ist und für das es sich wirklich zu leben lohnt, etwas, das Geld, Lust und Macht weit hinter sich lässt.«

Wer hat diesen Vorwurf erhoben? Der Staat, die öffentliche Ordnung, die Vertreter des Bestehenden. Sokrates wurde letztlich zum Tod verurteilt – und hier offenbart sich nun die Unaufrichtigkeit im Titel der deutschen Ausgabe: Er spiegelt die zum augenzwinkernden Selbstvorwurf verwandelte Anklage in die Gegenwart, erweist sich dort aber als Spiel mit einer leeren Drohung. Will Badiou die Jugend aufklären, kann er das nach Belieben tun. Die Frage des Verderbens ist dagegen eine des Dafürhaltens, und der entsprechende Vorwurf  bleibt, was Badiou betrifft, reine Projektion. Es herrscht heute kein Mangel an Angeboten, die »das wahre Leben« propagieren, ohne dass jemand behördlich dagegen vorgehen würde. Wünschte Badiou sich etwa, angeklagt zu werden? Oder handelt es sich bei dem Essay bloß um einen Beitrag zur politischen Lagerbildung? Meint Badiou dann, dass die Optionen eines wahren »wahren Lebens« der Jugend vorenthalten werden? Fragen, die in dieser Deutlichkeit nur die Übersetzung aufwirft.

 

Badiou versteht die Sache so, dass die Jugend »nach Sokrates« zwei innere Feinde hat, die sie vom wahren Leben zu entfernen drohen: die Leidenschaft für das unmittelbare Leben (Lust und Genuss) und die Leidenschaft für den Erfolg.

Mit dem Widerstreit der Leidenschaften müssen die jungen Leute irgendwie klarkommen, das war in traditionellen Gesellschaften nicht anders als heute. Im Vergleich zu den engen Handlungsspielräumen früherer Zeiten haben sich in der modernen Welt jedoch eine Reihe von Rahmenbedingungen verändert. Es gibt mehr Freiheit, es fehlen Initiationsriten (Militär, Eheschließung), und den Älteren wird weniger Wertschätzung entgegengebracht. Heute sollen die Individuen in ein kommerzielles Verhältnis zu allen Objekten treten. Es wird ihnen »zunehmend verboten«, zu den Subjekten zu werden, die sie sein könnten. So haben die heranwachsenden Männer drei existenzielle Perspektiven: die des pervertierten, des geopferten und des verdienenden Körpers.

Es lohnt sich, sich Badious Wortwahl hier genau anzusehen: Der pervertierte Körper »wird durchbohrt und verroht, er wird tätowiert, mit Drogen und aggressiven Klängen bearbeitet.« Die zugehörige Sexualität nennt Badiou »ohne jedes moralische Vorurteil« pornografisch. Obgleich er eine abstrakte Typologie vornimmt, sind die Bilder doch konkret und unmissverständlich. Das andere Extrem bildet der geopferte Körper: »Dies ist die subjektive Figur des Sohnes als Terrorist«; Rückkehr zur Tradition, Reinheitsrituale, sexuelle Restriktion sind seine Eckdaten. Dann der verdienende Körper als »Zwischenposition«: »Der verdienende Körper bietet sich zum bestmöglichen Preis auf dem Markt feil. Dafür muss er vor allen Gefahren, die von den anderen beiden Körpern ausgehen, geschützt, ja, er muss verbarrikadiert werden. Dies ist im Grundsatz die Aufgabe der Polizei.« Ein Angestellter, ein religiöser Fanatiker und ein Straßengangster bilden also das Interieur der modernen Gesellschaft.

Die Jungen sind orientierungslos, die Elterngeneration ist einem Jugendwahn verfallen, und die Alten sehen sich entwertet, untergebracht in Einrichtungen »deren einziger Zweck darin besteht, sie »in Frieden« sterben zu lassen.«

Das bringt nun Badious Projekt auf den Plan. Bei Veranstaltungen habe er immer wieder erlebt, dass die Enkelgeneration großes Interesse für die politische Erfahrung der Alten aufbringe. Wie bei einem Bocksprung setzten sich die junge und die alte Generation über die der Eltern hinweg in Verbindung.

»Ich hätte einen Vorschlag für eine neue Form des Protestes«, schreibt Badiou. »Wir sollten eine riesige Demonstration organisieren, bei der sich die Jungen und die Alten gegen die Erwachsenen von heute verbünden.« Ein Aufstand gegen das Establishment der 40- und 50-Jährigen. »Die desorientierte Jugend paktiert mit den alten Haudegen der Existenz. Gemeinsam werden wir durchsetzen, dass sich die Wege zu einem wahren Leben wieder öffnen.«

 

Badiou war Institutsdirektor, hat eine Bürgerrechtsorganisation gegründet und jahrzehntelang in exponierter Stellung linke Politik betrieben. Man kann also sagen, er hat im Laufe seiner Karriere an der Gestaltung der französischen Gesellschaft in unterschiedlichen Funktionen maßgeblich mitgewirkt. Das klingt durchaus nach Establishment. Wie sein Ressentiment gegen die mittlere Generation entstanden ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Aber ist es nicht völlig unplausibel, dass diese heterogene Altersklasse identifizierbar derart versagt haben soll, während das ganze Rentenalter weiß, wo es langgeht, und die Jugend kollektiv das richtige Potenzial mitbringt? Der Kampf der Generationen, das Generationenprojekt der 68er, ist offenbar ein Projekt der Alten geworden. Badiou kann den Verdacht nicht ausräumen, dass der »Versuch, die Jugend zu verderben« eigentlich in einen Versuch mündet, das Lebenswerk einiger Veteranen zu verklären.

Manche alte Ziele werden so mit neuer Dringlichkeit versehen. So fällt die Kritik an der Occupy-Bewegung auf, die ihm als »kleine, dem Untergang geweihte Gruppe« gilt, weil sie sich nach seiner Beobachtung aus der Mittelschicht rekrutiert. Deren Problem sei es, dass sie mühsam ihren vergleichsweise geringen Besitzstand zu bewahren versuche, statt sich mit den wirklich Bedürftigen zu solidarisieren (den weltweit 50 Prozent Besitzlosen). Die »Mittelschicht« ... ist der Schutztrupp des globalisierten Kapitalismus, ohne den unsere »demokratischen« Oasen gar keine Überlebenschance hätten«, stellt Badiou fest.

Bedauerlicherweise mischt er seine Kritik am Raubtierkapitalismus mit einer Revolutions-Esoterik, die man in ähnlicher Form auch auf der rechten Seite beobachten kann. Mehr als einmal fasst er das Wort »Demokratie« mit Blick auf die westliche Welt in Anführungszeichen. Menschenrechte bezeichnet er als einen »reaktiven Mythos«, der die Herrschaft der Polizeigewalt sichert, die »friedliche Jugend« ist ein Feindbild schlechthin, sie funktioniert im Sinne des Kapitals und kaschiert den universellen Nihilismus.

Das Einstimmen auf die gegenwärtige Krise, die Mobilisierungsstrategie, die prophetische Warnung/Beschwörung des künftigen, unausweichlichen Konflikts, die Diffamierung der vielen als »bunt zusammengewürfelte Herde«, die im Angesicht des kommenden Krieges »ihrem eigenen Nichts ins Auge sehen« wird – so versucht Badiou zu verführen. Die Revolte gegen Polizei und Staat müsse doch legitim sein, fragt er rhetorisch, wo diese »oft auch mit Lügen« unterstützten, dass die Gefängnisse voll mit jungen Menschen seien. »Die Medien und der politische Diskurs« verurteilten die Aufständischen der Banlieus, Staat und Polizei würden hingegen nicht kritisiert.

Wenn das Wort Werbung seinen Ursprung im Kontext des Militärs hat, ist es bei Badiou gut aufgehoben. Nicht nur, dass er den Militärdienst als Instrument der Mannwerdung verklärt, er spricht den virtuellen Kämpfern auch Standhaftigkeit zu: »... es gibt Dinge, von denen man noch gar nicht weiß, dass man zu ihnen fähig ist.«

Man kann den deutschen Titel des Essays deshalb auch ganz wörtlich verstehen. Sein Elan richtet sich dann allerdings weniger gegen eine repressive staatliche Ordnung und die Vertreter der technologischen Globalisierung als vielmehr gegen die liberalen Ironiker quer durch alle Generationen.

Sokrates übrigens setzte sich vor Gericht gegen den Vorwurf, die Jugend zu verderben, vehement zur Wehr (statt ihn, wie Badiou es in seinem Namen unternimmt, für eine Auszeichnung zu halten). Den Vorbildcharakter seines philosophischen Lebens macht es aus, dass er »noch in der Todesstunde dem logos folgt, nicht irgendwelchen Behauptungen aufsitzt oder auf Gefühle hört,«

wie der Philosoph Michael Hampe erklärt. Es kennzeichnet die Philosophie des Sokrates, dass er eben kein positives Wissen, keine Lehre des wahren Lebens vertritt. Der unabhängige Geist vertraut auf sein eigenes Urteil und ist skeptisch gegenüber den etablierten Wahrheiten irgendwelcher Behauptungsgemeinschaften. »Sokrates verfügt über keine Doktrin«, schreibt Hampe. Er ist ein Ironiker, »der fast vollständig in der Negativität existiert«. Bei Badiou dagegen gibt es nur die herrschende Ideologie auf der einen Seite und die Möglichkeit von Anpassung oder Widerstand auf der anderen; ein bipolares Weltbild, aus dem er die Notwendigkeit der kollektiven Aktion für ein wahres Leben ableitet.

 

Zwei Dinge wirken bei Badiou verstörend gestrig: Das ist zum einen eine Verherrlichung der symbolischen Ordnung traditioneller Gesellschaften (Militärdienst und Heirat sicherten in ihnen demnach zumindest die existenzielle Orientierung). Und zum anderen die Tatsache, dass er zwei seiner drei Kapitel einer Analyse des »zukünftigen Werdens« der »Söhne« und »Töchter« widmet, als habe eine Genderforschung nie stattgefunden und als warte ausgerechnet jene Generation, die sich selbst Studierende nennt, auf die tiefenpsychologische Beantwortung der Frage nach dem »existenziellen Prinzip« von Mädchen und Jungen.

Dieses Prinzip besagt etwa Folgendes: Die Jungen leiden darunter, nicht erwachsen werden zu können. Dafür stehen der gesellschaftliche Jugendwahn und der Konsumismus, die die Adoleszenz unendlich aufschieben. Die Mädchen dagegen müssen immer schon Frau sein, längst bevor sie es wirklich werden können. Das liegt an einer immanenten Konstruktion frühreifer Weiblichkeit, die sie ihrer Kindheit und Jugend beraubt.

Über den Horizont der antizipierten Revolte hinweg prophezeit Badiou für diese jungen Menschen – und nur für sie – eine glückliche, wahrhaftige Existenz: »Das neue Mädchen wird zu einer neuen Frau werden ..., die mit ihrem ganzen Wesen an der symbolischen Schöpfung teilhat und auch ihre Mutterschaft in diese Schöpfung integriert ...« Und dem Sohn kann es »gelingen, den nächsten Schritt in Richtung des Vaters zu gehen, der er selbst einmal sein wird. Er wird ein Vater sein, der sich von allen vorangegangenen Vätern unterscheidet.«

Es ist leicht, sich über Badious Stil zu wundern und zu mokieren, der mit semantischen Verschiebungen operiert und sich immer wieder prophetisch und pathetisch aufschwingt. Die hier verwendeten Zitate reißen seine Sätze zwar aus einem Kontext, der komplexer ist, als der einzelne Absatz, aber es ist dieser Stil, der jede aufkeimende Zustimmung immer wieder zurückweist. Wie Lyrik lassen sich Badious Worte oft nicht sinnvoll in ein anderes Idiom übertragen. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie kommod sich Theoriestücke in Sprachbilder einbetten lassen, aus denen kein Weg in die Lebenspraxis zurückführt. In den schmeichelnden, sanften, aber bestimmten Erzählton der kommenden Revolte.

Manchen gefällt eine solche Tonalität. Andere haben davon schon zu viel gehört. Wieder andere meinen vielleicht, das sei hübsch, aber nicht effektiv. Das wahre Leben – schmerzlich abwesend, jedoch immer auch ein wenig anwesend, wie Badiou aus der philosophischen Tradition heraus sagt – ist kein Ziel einer Gruppenreise. (Schon gar nicht Großwildjagd.) Wir suchen es nicht als Reisegruppe. Wir sind einfach ein Stück zusammen unterwegs. Wir wohnen in denselben Hotels. Wir finden vielleicht alle, oder zumindest fast alle, dass ein Bad im Meer dem schon sehr nahe kommt (Camus, Derrida und Adorno beschließen, dort zu bleiben). Irgendwann ist das aber auch nicht mehr das Wahre. 

 

Alain Badiou: Versuch, die Jugend zu verderben

Edition Suhrkamp 2016, Broschur, 111 Seiten, 10 Euro
ISBN: 978-3-518-07257-8

Der Beitrag erschien zuerst hier

 

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