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13.09.2019, Jamal Tuschick

„Europas Vergangenheit ist Afrikas Gegenwart.“ Das sagte Petina Gappah vorgestern Abend bei der Eröffnung des 19. Internationalen Literaturfestivals Berlin. Ihre großartige Rede verband sie mit einer freundlichen Aufforderung zur kollektiven Dekolonisierung.

Europas Vergangenheit ist Afrikas Gegenwart

Petina Gappah

Ulrich Schreiber präsentiert das ilb-Team 2019

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung preussischer Kulturbesitz

Wer ist da zu sehen?

Eingebetteter Medieninhalt

Wir stehen am Anfang einer durchgreifenden Entwicklung. Das war der Tenor der Festreden, mit denen das 19. Internationale Literaturfestival Berlin vorgestern Abend im Hebbel am Ufer Theater (HAU) eröffnet wurde. In jedem Beitrag stand die Dekolonisierung Deutschlands im Vordergrund. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa, wünschte sich eine Dekolonisierung von unten, unter Berücksichtigung der Kiezgeschwindigkeiten, und ein allmähliches öffentlich-didaktisches Durchdringen der „Tiefenschichten“ unseres von kolonialen Kategorien gegliederten Denkens. Es geht um Umbenennungen von Straßen und Plätzen im Einklang mit dem Verstehen der Notwendigkeit solcher Emanzipationsakte. Die Bürger*innen sollen gegenüber ihrem unbewussten Rassismus und anderen unbegriffen-verinnerlichten Wertungen die Toleranz verlieren.

Nicht die ostentative Diskriminierungsbereitschaft ist das Hauptthema der Dekolonisierung, sondern menschenverachtende Einprägungen, die ihren Ursprung in den Anforderungen an die weißen Rollen im Kolonialismus haben. Man muss also weit zurückgehen in der Geschichte, um die Aussichtspunkte einer unbefangenen und gerechten Wahrnehmung vom rassistischen Gerümpel freiräumen zu können.

„Die ganze Gesellschaft braucht Dekolonisierung.“

Literatur bietet sich als Weltreise-Vehikel zur Klärung trüber Seelentümpel an. Die Hauptrednerin Petina Gappah exponierte den Punkt. Sie traut der Fiktion die größte Sprengkraft zu. Vor ihr freute sich HAU-Intendantin Annemie Vanackere als Gastgeberin des verwaisten Internationalen Literaturfestivals, dessen angestammtes Quartier, das Haus der Berliner Festspiele, renoviert wird, auftreten zu dürfen. Sie sprach, wie nach ihr Festivaldirektor Ulrich Schreiber von dem Benefit der Kulturträger- und Kunst-Ermöglicher-Partnerschaften quer durch die Stadt. Vanackere und Schreiber deuteten eine emotionale Topografie an, eine Zärtlichkeit der Theater, die im Verhältnis zueinander auf den Vortritt der Anderen bestehen. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, ein Münchner Freiredner in Berlin, hob die Verdienste der diasporischen Gemeinden im Kulturkampf um die Hegemonie der richtigen Begriffe hervor. Er sagte:

„Museen können Orte des Umdenkens sein.“

Die Gedächtnisinstitutionen stünden in der Pflicht, überholte Perspektiven zu korrigieren und ihren Humboldt zu relaunchen. Ich füge schnell ein, was Mark Terkessidis in seiner Bestandsaufnahme „Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute“ zusammenfassend abliefert:

Die „europäische Wissensbildung“ gehört als Übernahme der Deutungshoheit zu den Eroberungen. Die Gewalt in den Benennungen der Eingeborenen, Wilden, Heiden, Kaffer, Hottentotten, Indianer, Eskimos etc. geht der körperlichen Gewalt gegen die (von der weißen Wahrnehmung) Degradierten voraus. Mark Terkessidis zitiert Edward Said, der den Feldzugcharakter überseeischer Benennungskampagnen hervorhebt. Die christliche Namensgebung richtete sich Kultur vernichtend gegen Besiegte auch noch in der Prägung von Landschaftsbegriffen. Höhen und Täler verloren ihre ursprünglichen Bezeichnungen oft an Verballhornungen, in denen sich Spott, Hohn oder Gleichgültigkeit aussprachen. Es gab keinen Unterschied zwischen Bekehrten und Besiegten, insofern alle Bekehrten Besiegte waren.

Mark Terkessidis, „Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute“, Hoffmann und Campe, 219 Seiten, 22,-

Man muss immer wieder darauf zurückkommen, um die Selbstverständlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren, mit der koloniale Kategorien lange nach dem Ende des Kolonialzeitalters unsere Weltbegriffe präg(t)en. In der emanzipierten Perspektive erscheint Alexander von Humboldts „Neuerfindung Amerikas“ als Angelegenheit im kolonialen Kontext. Humboldt bemerkt auf „den venezolanischen Ebenen“ kein Denkmal einer vergangenen gesellschaftlichen Epoche. Der besichtigte Raum erfährt eine ignorante Gleichsetzung mit der Natur. Allein die Natur liefert Schauspiele. Der von Humboldt erforschte „Erdwinkel“ liegt fern allen geschichtsmächtigen Kräften.

Die Eingriffe der Eingesessenen verändern kaum ihre Umgebung. Die ethnische Diversität in den Städten bietet Gelegenheit, den Leser zu erheitern. „Die Ureinwohner tauchen nur im Kollektiv auf. Sie vegetieren im Zustand der Verworfenheit dahin.“ Ein Titel zeigt das Programm an: Pittoreske Ansichten.

Diese Neudeutung des Aufklärers Humboldt verdankt sich Mark Terkessidis. Er geht noch weiter, wenn er feststellt, dass Humboldts geografisch präzisen Schilderungen zu einer Zeit in Deutschland innovativ kursierten, als Spanien und Portugal die Kontrolle über Lateinamerika bereits verloren hatten und instabile Staaten an die Stelle der alten Ordnung getreten waren, deren offenbare Schwäche „Begehrlichkeiten bei den imperialen Mächten der Alten Welt hervor“ riefen.

Terkessidis zitiert Hegel, der den Afrikanern keinen Subjektstatus zubilligte. Er nahm sie aus der Geschichte und unterstellte sie weißen Deutern und Gestaltern zur beliebigen Verfügung.

„Kein geschichtlicher Weltteil … keine Bewegung und Entwicklung“. Man braucht gar nicht mehr zu wissen, um den kolonialen Impetus zu begreifen.

Die Schriftstellerin und Juristin Petina Gappah wurde in Sambia geboren und wuchs in Simbabwe auf. Sie studierte Jura an der University of Zimbabwe und in Cambridge und promovierte in Graz. Als internationale Anwältin, spezialisiert auf die Welthandelsorganisation, arbeitete sie zuletzt für das ACWL in Genf, das die Interessen von mehr als siebzig Entwicklungsländern vertritt.

Gabriele von Arnim oblag es, den Stargast des Abends gegen Anwürfe zu verteidigen, denen sich Petina Gappah zuletzt ausgesetzt sah. Vorgeworfen wird ihr die Nähe zu totalitärer Macht in ihrer ersten Heimat – „The land of my being“. Grappah war nach dem erzwungenen Rücktritt des ewigen Staatschefs Robert Mugabe nach Simbabwe zurückgekehrt und hatte sich Emmerson Mnangagwa, dem regierenden Chef der „National Patriotic Front“, mit der Erwartung zur Verfügung gestellt, ihre Erfahrungen als auf internationales Handelsrecht spezialisierte Anwältin zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Simbabwes einsetzen zu können. Das sagte dann auch nach Arnim die Autorin selbst. Sie sei von Mnangagwa enttäuscht worden. Der offen zur Schau gestellte Dissens beweist Mut. Man sollte Gappah abnehmen, dass sie mit den besten Absichten gescheitert ist.

The way to hell is paved with good intentions.

Sie hätte jederzeit in Genf bleiben und ein Superleben haben können. Der Schweiz sagte Grappah übrigens „atemberaubende Schönheit und fürchterliche Effizienz“ nach. Sie hatte auch eine Zeit als DAAD-Stipendiatin in einer „geräumigen Charlottenburger Wohnung“ mit viel Netflix und Biokaffee. Da entstand ihr jüngster, im S. Fischer Verlag erschienener Roman „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“. In Grappahs Version von einem legendären Leichenzug gewinnt das - auf David Livingstones Grabstein lediglich als „die treuen Hände“ verewigte - Geleit menschliche Züge.

1873 trugen freigekaufte Sklaven Livingstones Leichnam unter Lebensgefahr 1500 Kilometer durch die Gegend.

Das Geleit nimmt im Plural Gestalt an. Charaktere individualisieren sich. Dazu bald mehr.

Grappah, der Arnim einen „wasserhellen Verstand“ nachsagte, und die Morde in ihren Geschichten so undramatisch schildert wie Verkehrsereignisse, ergründet in ihrer Literatur, „was uns zu unfreundlichen Gesellschaften macht.“

Grappahs Wir ist global. Sie will, so Arnim, „ein bisschen Gerechtigkeit in eine ungerechte Welt bringen“. Dazu gehören faire Handelsbedingungen.

Grappah erklärte, keine Freundin von Reparationen zu sein. Die Expertin für internationales Handelsrecht erhofft sich aber die Bereitschaft des globalen Nordens zur fördernden Gleichstellung der afrikanischen Staaten im internationalen Handel.

Afrika sei im Kommen, da läge die Zukunft der Welt. Grappah sagte aber auch:

„Europas Vergangenheit ist Afrikas Gegenwart.“

So sprach sie Verpflichtungen an.

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