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14.09.2019, Jamal Tuschick

Er war ein Großbürger der arabischen Welt. Vorgestern Abend widmeten sich Hussein Bin Hamza und Stefan Weidner im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals dem syrischen Dichter Nizar Qabbani.

Mesopotamische Mythen

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Er wirkte sich auf die arabische Moderne aus, ohne große Worte zu machen. Nizar Qabbani, geboren 1923 in Damaskus und gestorben 1998 in London, brach die arabische Hochsprache aus ihrem mächtig-prächtigen Überbau. Er verherrlichte sie in lyrischen Simplifikationen, die stilbildend wurden und ein Heer volkstümlicher Epigonen ausrüsteten. Seine Nachahmer waren oft nicht auf Ruhm aus. Ihnen diente die Lyrik als Mittel der Werbung. Sie verführten mit Worten, geschult an Qabbanis unorthodoxem Geradeheraus; so sie ihn nicht einfach kopierten.

Qabbani studierte Jura, reüssierte im Diplomatischen Dienst und war hier und da Syriens Botschafter. Manche glauben, dass er die Standpunkte eines Dissidenten nur halb verbarg, andere glauben das nicht. Jedenfalls schrieb er politische Gedichte, die ihm das soziale Genick nicht brachen.

Wie seltsam der Dichter in der Kulturlandschaft seiner Weltgegend stand, besprechen Hussein Bin Hamza und Stefan Weidner im Rahmen einer Veranstaltung des 19. Internationalen Literaturfestivals im Weddinger „Silent Green“.

Der Gesprächsort war mal Krematorium. Um die Jahrtausendwende wurde es aufgelassen und im Stil des historischen Augenblicks transformiert. Vielleicht stand ein Ofen da, wo jetzt die Bühne steht. Der Name des Kulturstützpunkts könnte auf das gute alte Soylent Green anspielen …

Die Erneuerung des arabischen Gedichts ging vom Irak aus. Da experimentierten in den 1940er Jahren Avantgardisten mit Schismen und Tabubrüchen – im Vorgriff und in der Begleitung der nationalen Befreiungskämpfe. Die prä-postkolonial Agierenden blieben aber im Kontext traditioneller Überhöhungen. Sie gaben das Pathos ihrer Vorgänger nicht auf. Qabbani trat zu ihnen in eine Opposition der Einfachheit. Deren Kunstfertigkeit lässt sich kaum transformieren. Der Dichter wusste das. Einst sagte er zu seinem Übersetzer Weidner:

„Die Dichtung ist das Feuer, die Übersetzung nur die Asche.“

Mythen statt Mekka

Hamza weiß nicht, ob er Qabbani persönlich begegnet ist.

„Er war wie die Luft. Sieht man Luft?“

Qabbani, der Fußballstadien mit seinen Vorträgen füllte, „war so präsent im syrischen Alltag, dass alle ihn zu kennen glaubten.“

Unprätentiös, aber nicht unproblematisch findet Weidner Qabbani in seinen Erinnerungen. Weidner erlebte ihn einmal in den Neunzigern in Berlin. Qabbani habe sich auf einem Podium in seinen Einschätzungen der Deutschen verirrt. Das Publikum reagierte irritiert, als der alte Syrer ihm mit Sympathiebekundungen für den Nationalsozialismus zu schmeicheln versuchte. Die Zeit hatte ihn überholt. Das große Thema seiner Hochzeit war die postkoloniale arabische Identität. Hamza und Weidner sind sich einig, dass die Dichter des ersten arabischen Frühlings - am Islam vorbei -  Inspiration in mesopotamischen Mythen suchten, die von einem schottischen Literatur-Lawrence (von Arabien) namens James George Frazer* aktualisiert worden waren.

* „Der goldene Zweig. Eine Studie über Magie und Religion“

Matthias Scherwenikas liest die deutsche Übersetzung eines Gedichts mit dem Titel „Lolita“. Weidner begreift es als „Echo auf Nabokov“. Hamza fährt das Hashtag-Verdächtige herunter. Die fünfzehnjährige Heldin des Gedichts könnte unter anderen als den von Qabbani lyrisch skizzierten Umständen sehr gut schon Mutter sein, erklärt er. Gleich darauf trägt Scherwenikas eine Art Gegengedicht vor. Plötzlich klingt Qabbani wie ein Feminist:

„Der Orient erkennt Frauen ihre Gefühle ab.“

„Draußen wacht der Scharfrichter, euer Orient bedroht die Frauen mit Lanzen.“

So vielseitig erscheint Qabbani in dieser auf einen Abend begrenzten Suche nach einer verlorenen Zeit in einem poetischen Spiegel.

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