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18.09.2019, Jamal Tuschick

Im Belmondo fotografierte Brassaï einen russischen Hotelpianisten, der schon als Doppelgänger von Christopher Lee aufgetreten war und im Lokal Hof hielt. Seinem spröden Charme erlagen Frauen und Männer. Sein Spiel unterbrach streitende Paare. Es förderte flüchtige und festigte dauerhafte Bindungen. Der Exilant war eine Instanz. Doch wer ihm zu nah kam, erkannte das Milchige seines Wesens als ein Zeichen seelischer Verwahrlosung. Das Spiel kam nicht aus der Seele. Es war reines Repertoire. Brassaï besaß das Genie, den stets in Schale geworfenen Gaukler sichtbar zu machen. Er markierte ihn ohne Mitleid und Hochmut.

Beleidigend sachlich – Ein Betrag von Caroline Babeuf

Er macht es ihr leicht, so dass sie sich erst gar nicht in die Pflicht genommen sieht, eine Entscheidung zu treffen und eigenmächtig eine Schamgrenze zu überwinden. Schon beim Vorstellungsgespräch ist Caroline Babeuf alles klargeworden. Maître de Lussac, Professor für Strafrecht mit eigener Kanzlei im eigenen Pariser Stadthaus, hätte sie auch eingestellt, wenn sie mit einem Sprachfehler aufgekreuzt wäre.

Caroline genießt ihre Wirkung, sie registriert jede Nuance im Verhalten ihres Arbeitgebers. Seine Grußformeln bleiben formell und sind in Anbetracht ihres Verhältnisses beleidigend sachlich.

Nach zwei Monaten erfolgt die erste Einladung zum Abendessen. Das Restaurant ist so teuer, dass es Caroline nur vom Vorübergehen kennt. Es ist keines jener Ancien Régime Paläste mit theatralischem Dekor. Maître de Lussac lässt sich in einem futuristischen Glaswürfel im Erdgeschoss einer architektonischen Erscheinung des flamboyanten Jetzt zu kleinen Beweisen der Kennerschaft herab. Caroline überlässt ihm die Wahl. 

Ich bin vierzehn und die beste Freundin von Esther, während ich mir nicht sicher bin, ob ich überhaupt eine Freundin habe. Meine Eltern sind weit und breit die altmodischsten Leute. Deshalb haben sie mir auch Omanamen verpasst. Ich heiße nach meinen Urgroßmüttern Caroline Amanda.

Caroline stellt sich vor, Esther sähe sie mit Maître de Lussac in dem Restaurant. Maître de Lussac betrachtet sie missbilligend, während die Vorspeisen aufgetragen werden. Caroline zögert. Sie weiß nicht, was von ihr erwartet wird. Sie fühlt sich wie eine Versagerin. Sie hat ihr Essen nicht verdient.

Der Küchenchef kommt an den Tisch und buckelt vor Maître de Lussac. Caroline mustert er unverschämt. Sein Blick klassifiziert sie als Schwarzes Flittchen, das auf Büroangestellte macht. Berufstätigkeit als Masche.

Nach dem Essen überrascht sie Maître de Lussac mit einer Verlängerung in dem Hotel, das zum Restaurant gehört. Caroline steht nicht ungern auf dem Balkon mit schmiedeeisernem Rankengeländer. Sie imaginiert sich an die Stelle von Madame de Lussac und fühlt sich im Rang einer Gattin ausreichend wertgeschätzt.

Meine Eltern sind manische Kirchgänger, regelrecht verstrickt in einer sektenförmigen-chiliastischen-marienkultigen Auffaltung. Sie halten mich zu einem Leben in der Absonderung an. Meine religiöse Erziehung ist maßlos und steht in dem größten denkbaren Gegensatz zu dem herrschenden Laissez-faire. Vielleicht lasse ich mich deshalb auf Louis ein, der nicht nur nach den Maßstäben meiner Eltern ein Filou ist. Ich spüre eine Wut, die ich mir nicht erklären kann. Louis verweigert jede Anteilnahme. Seine Verliebtheit ist eine trotzige Angelegenheit. Sie bietet Louis keinen Raum für Zufriedenheit.

Den nächsten Morgen erlebt sie allein, Maître de Lussac hat sich davongeschlichen. Ein gewaltiges Frühstück mit Champagner gehört wahrscheinlich einfach nur zum Rahmenprogramm.

Caroline weiß, dass Maître de Lussac ihre keine Auszeichnungen zukommen lässt. Andererseits kann man in dem Schuppen gewiss auch ohne Frühstück übernachten. Caroline trinkt sich einen Schwips an. Sie bespricht mit sich die Arrangements, sie erkennt gewisse Versäumnisse. Ein galanter Liebhaber hätte Blumen aufs Zimmer bringen lassen. In Carolines Phantasie holt er das nach.

An den Leisten sind die Vorhänge zu Schnecken drapiert. Das Muster taucht gemalt auf auch auf den Stofftapeten. Es ergibt sich ein Farbkontrast, der zweifellos nicht mit einer historischen Begründung geschmacklos ist. 

Caroline bleibt sich selbst überlassen so lange im Bett, bis sie die Frage aufschreckt, wann das Zimmer wohl geräumt sein muss. Sie hat keine Idee. Vom Rausch ermutigt, wagt sie einen Anruf. Die Rezeptionistin flötet, grundsätzlich könne Madame nach ihren Wünschen über das Zimmer verfügen, ab elf berechne man lediglich die nächste Nacht. Maître de Lussac teilt ihr per Short Message Service mit, sie habe den Tag zur freien Verfügung. Die Großzügigkeit übersteigt Carolines Fassungsvermögen.

Ihr bleibt noch Zeit für ein Bad, das Leben ist ein Fest.

Maître de Lussac ist Carolines erster Arbeitgeber. Der fabelhafte Jurist ist mit einer Frau verheiratet, die beweist, worauf es ihm ankommt. Kurz gesagt, Geld hat er selbst. 

Worauf es ankommt. Maître de Lussac kommt es auf Carolines „exotischen Teint“ und auf ihre katholische Kleinschreibung des Lebens an. Dass es ihr auch auf etwas ankommen könnte, hält er für ausgeschlossen. Doch Caroline hat feste Vorstellungen. Sie lässt sich von keinem anfassen, der aussieht wie ein großer Junge und sich als Erwachsener Kinderwünsche erfüllt. Sie will ein ausgereiftes Modell. Den kleinen Ehrgeiz gibt sie nicht preis.

Caroline weiß sich im Vorteil. Sie findet sich begünstigt in dem Verhältnis zwischen weiblich und männlich. Sie hat ihre Aversionen. Klagende Frauen erträgt sie nicht.

Sie fühlt sich schön genug für die Welt. 

Sie wagt den Besuch einer Souterrain Kaschemme. Als Kind sah Caroline den missratenen Bruder ihrer Mutter im Belmondo einkehren. Seither vermutet sie da einen Schlund und einen Gipfel der Verworfenheit.

Sie stellt sich an die Bar und bestellt einen Pastis. Sie ist schon ziemlich blau, jedenfalls blau genug, um es einen Augenblick für möglich zu halten, ein Verflossener säße in der dunkelsten Ecke. Seit Louis hat sie ein heimliches Abonnement für Herzchen mit gebrochenen Nasenbeinen.

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