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19.09.2019, Jamal Tuschick

Der Spiegel fragt: Würde Adorno zu „Fridays for Future“ gehen?

Eine Antwort

Adorno vermied jeden Auflauf. Er wäre niemals in einer Gemeinschaft Skandierender mitgelaufen. Das hat er selbst festgestellt; man hat es ihm zum Vorwurf gemacht. Adorno verwahrte sich gegen die doppelte Zumutung der Aufforderung zur Beteiligung am Massenhaften sowie der Kritik an seiner Verweigerung mit einer Formulierung aus der Kreisklasse.

Man sagt: Mit vollem Mund spricht man nicht. So sagte Adorno dem Sinn nach: Mit Übergewicht demonstriert man nicht. Er wählte ein französisches Wort für das hervorragende Merkmal am träge gewordenen Leib. Er hütete sich vor einer Performance der Unschicklichkeit. Ihm kam es darauf an, nicht deplatziert zu erscheinen. In Adorno grollte der heimliche Stolz, keinem Nazi je die Genugtuung gegeben zu haben, schlecht angezogen in eine Ecke gedrängt worden zu sein. Als das Institut für Sozialforschung im 33er-Sommer unter den Druck der Machtergreifung geriet und „das kommunistische Betriebsvermögen“ eingezogen wurde, wirkte sich die Voraussicht der im innersten Kreis zusammengeschweißten großbürgerlich geborenen Wissenschaftler zum Vorteil künftiger Exilanten aus – und als das Institut nach dem Krieg seinen angestammten Platz auf einen Ruf hin neu zu etablieren sich bereitfand, schickte man Juristen vor und bummelte sozialphilosophisch im Tross.

Kurz gesagt, es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Adorno sich der Notwendigkeit ausgesetzt gesehen hätte, jemandem zuzuhören, dessen Radikalität mit dem witzlosen Zobel juveniler Naivität verbrämt ist. Adorno wäre nicht nur nicht mitgelaufen, er hätte Greta Thunberg auch kein Podium geboten. Volkstribunale Seefestigkeit war für ihn keine Qualifikation.     

In dem Spiegel-Artikel geht es um die Chancen einer Renaissance der Frankfurter Schule im GT-Geist. Dazu bedarf es diesmal so wenig wie damals einer Zustimmung der Vordenker.   

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