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24.09.2019, Jamal Tuschick

„Umkämpfte Zone“ - In einer sehr persönlichen Betrachtung betreibt Ines Geipel Familiengeschichte als Gesellschaftslehre.

Familiengeschichte als Gesellschaftslehre

Eingebetteter Medieninhalt

Eine Paradoxie der deutschen Nachkriegsgeschichte besteht darin, dass sich das Schweigen der Heimkehrer in einem Erzählgestrüpp verfing und gemeinsam mit dem Buschwerk erst verkümmerte, bevor es das Eigenleben von Totholz begann. Das Schweigen war zu keinem Zeitpunkt beredt. Es hatte keine metaphorische Funktion. Es verwies auf nichts. Man schwieg nicht heikle Themen an, so wie man Umstrittenes situationsgerecht anschneidet oder ausspart.

Ines Geipel, „Umkämpfte Zone“, Klett-Cotta, 276 Seiten, 20,-

Kein Wittgenstein munkelte: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Zwei Energiequellen sorgten für Spannung im dauernden Plausch, der ein ausdauerndes Schweigen übertönte: ein Schuldumkehrimpuls, der Um- eigentlich Ab-dichtungen erzeugte, und der Trotz, in dem die nationalsozialistische Gesinnung überlebte. Daraus entstand im geteilten Deutschland ein psychologischer Untergrund. Bringt man die Impulse auf einen Nenner, gelangt man zu dem Fazit:

Unfähig zur Einsicht. Das war der Nachkriegsdeutsche. Fünf Generationen später kann man sich den Typus kaum noch vorstellen. Für uns ist Schuld als nationales Erbe etwas so Selbstverständliches, dass die alte Abwehr nirgendwo mehr einen gesellschaftlich repräsentativen Manifestationsraum findet. Da setzt Ines Geipel an. Sie zählt auf.

„Anfangs waren achtzig Prozent der Lehrer (in der sowjetisch besetzten Zone) ehemalige NSDAP-Mitglieder, außerdem fünfundvierzig Prozent der Ärzte und rund drei Viertel der Hochschulmediziner.“

Der Terroragent als Vater

Man lässt sie ihren Dienst verrichten und ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen – in einem vom Mangel ständig demontierten Provisorium.

Hunde und Katzen werden als Dachhasen serviert.

Der „im Sessel erstarrte Großvater“ versteinert zum Denkmal des Verschweigens. Auf ihm lastet eine von der Enkelin erforschte Schuld.

Geipel betreibt Familiengeschichte als Gesellschaftslehre.

Der Vater genießt eine Terroragentenausbildung (HVA-Jargon).

Über neunzigtausend Bürger*innen dienten der Stasi mit der Haut und dem Haar der Hauptberuflichkeit.  

Jahrelang lebt der Terroragent im Rausch großer Feindfahrten. Im Verlauf von zwölf Dienstjahren kommt er mit acht verschiedenen Identitäten zum Einsatz. 1984 ist die Party vorbei. Der Kundschafter wird demobilisiert und wirkt weiterhin als Direktor des Dresdner Pionierpalastes Schloss Albrechtsberg.

Geipel exponiert die Kontinuität der Karrieren in sehr verschiedenen Systemen. Der Großvater ist NS-Funktionär, der Vater der Treuesten einer in der DDR. Der dem eigenen Vorteil dienende Charakter wurde vererbt. Ich stelle mir einen Korb voller Eigenschaften vor, die systemunabhängig ihrer Entfaltung entgegenblühen.   

Aus der Ankündigung

Fremdenfeindlichkeit und Hass auf »den Staat«: Verlieren wir den Osten Deutschlands? Das Buch sucht Antworten auf das Warum der Radikalisierung, ohne die aktuell bestimmende Opfererzählung nach 1989 zu bedienen. Es erzählt von den Schweigegeboten nach dem Ende der NS-Zeit, der Geschichtsklitterung der DDR und den politischen Umschreibungen nach der deutschen Einheit. Verdrängung und Verleugnung prägen die Gesellschaft bis ins Private hinein, wie die Autorin mit der eigenen Familiengeschichte eindrucksvoll erzählt. Seit 2015 haben sich die politischen Koordinaten unseres Landes stark verändert – insbesondere im Osten Deutschlands. Was hat die breite Zustimmung zu Pegida, AfD und rechtsextremem Gedankengut möglich gemacht? Ines Geipel folgt den politischen Mythenbildungen des neu gegründeten DDR-Staates, seinen Schweigegeboten, Lügen und seinem Angstsystem, das alles ideologisch Unpassende harsch attackierte. Seriöse Vergangenheitsbewältigung konnte unter diesen Umständen nicht stattfinden. Vielmehr wurde eine gezielte Vergessenspolitik wirksam, die sich auch in den Familien spiegelte – paradigmatisch sichtbar in der Familiengeschichte der Autorin. Gemeinsam mit ihrem Bruder, den sie in seinen letzten Lebenswochen begleitete, steigt Ines Geipel in die »Krypta der Familie« hinab. Verdrängtes und Verleugnetes in der Familie korrespondiert mit dem kollektiven Gedächtnisverlust. Die Spuren führen zu unserer nationalen Krise in Deutschland.

Bald mehr.

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