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26.09.2019, Jamal Tuschick

„Tage des Verlassenwerdens“ entstand vor jenem vierbändigen Zyklus, der Elena Ferrante berühmt gemacht hat, und den die Autorin als einen Roman und eben nicht als (Neapolitanische) Saga verstanden wissen will.

Poverella

Eingebetteter Medieninhalt

Heldin des Vorläuferwerks ist die Frau eines tüchtigen Mannes. Das muss man so sagen. Die Ingenieursgattin Olga weiß stolz, „wie man einen Mann hält“. In ihrer volkstümlich-neapolitanischen Kindheit und Jugend zählte dieses Wissen zum weiblichen Kapital. Ein Limes des Glücks trennte die Wissenden von den Poverelle. Eine Poverella verdient das Mitleid ihres Milieus. Zugleich hegt es sie ein. Die Verlassene sieht sich gezwungen, eine bestimmte Rolle zu spielen. Öffentlich beklagt sie ihr Schicksal. Sie grämt sich (laut)malerisch und erscheint auch deshalb lächerlich.

Elena Ferrante, „Tage des Verlassenwerdens,“ aus dem Italienischen von Anja Nattefort, Suhrkamp, 253 Seiten, 22,-

In der frühen Handlungsgegenwart lebt Olga in Turin als Ehefrau und Mutter von zwei Kindern und Mitbesitzerin eines läppischen Schäferhundes namens Otto. Sie verzichtet darauf, einem geringen beruflichen Ehrgeiz zu entsprechen. Das Regime der schwindenden Kräfte hat sie schon am Haken.

Olga hypostasiert eine Daseinsform der Distanz zu den „männlichen Spielen“ (Pierre Bourdieu). Sie verzeiht ihrem Mario die Kapitalisierung seiner Freiheitsgewinne. Dazu gehört eine verbotene erotische Tuchfühlung von der Art, wie sie James Joyce in „Giacomo Joyce“ breit ausführt, übrigens im Verhältnis zu einer Tochter von Ettore Schmitz aka Italo Svevo:

„Mia padre: she does the simplest acts with distinction. Unde derivatur? Mia figlia ha una grandissima ammirazione per il suo maestro inglese. The old man's face, handsome, flushed, with strongly Jewish features and long white whiskers, turns towards me as we walk down the hill together. O! Perfectly said: courtesy, benevolence, curiosity, trust, suspicion, naturalness, helplessness of age, confidence, frankness, urbanity, sincerity, warning, pathos, compassion: a perfect blend. Iganatius Loyola, make haste to help me!“

Obwohl vom Gelingen im Roman nur kurz die Rede ist, wirkt es bestimmend. Olga leidet auf dem Hochplateau eines guten Lebens, das nach vierundzwanzig Seiten hinter ihr in Scherben liegt. Nicht nur hat sie Mario nach fünfzehn Jahren verlassen, plötzlich nach dem Mittagessen, wie Olga zunächst fest vermutet, aus einer Caprice. Der hochkontrollierte, super rationale Ehemann tickt ab und zu aus. Ob nun angegriffen vom Horror vacui oder Memento mori spielt bei dem Homo faber keine Rolle, weil er sich in seiner Zweckgebundenheit die unentwegte Leistungs- und Kampfbereitschaft sowieso nicht nehmen lässt.

Mario hat Olga aber nicht in einer Verdüsterung verlassen und sich auf Abruf selbst irgendwo unbequem einquartiert. Seine Verweigerung der Fortsetzung des Zuträglichen ist mit einem irren Verrat verbunden. Lug und Trug bestimmten Marios Verhalten seit Jahren.

Mario fehlt, Olga fällt. Das ist die Geschichte, die Ferrante erzählt. Die Implosive erlebt sich gegen ihren Willen in einem langgestreckten Furor der Entladungen.

Olga seelische Statur ist nicht auf Entsagung eingestellt. Das ist die paradoxe Einsicht, die der Leser gemeinsam mit der (vor neuen Erkenntnissen scheuende) Verlassenen auf ihrem Weg zur Poverella gewinnt. Ehefrauen, deren Männer noch nicht weggelaufen sind, werden zu Feindinnen. Sie sind unerträglich in ihrem stets den Ausgleich suchenden Wesen. Sie sind, was Olga war – unbesorgte Bürgerinnen. Was könnte schrecklicher sein?

„Ich begann mich zu verändern.“

Olga verliert ihre Orientierung. Sie verzichtet auf die Tröstungen „einer eleganten Ausdrucksweise“.

Das lange zur Seite geschobene Slum-Repertoire der mit Obszönitäten prahlenden neapolitanischen Furien (die Rollenmodelle in Olgas Kindheitsquartier), die in gewisser Weise gemeinsam Olga zu Welt gebracht haben, verschafft alten Vorrechten neue Geltung. Olga kehrt innerlich heim. Wer je in Neapel war, weiß wie konzis sich da das Volkstümliche spiegelt:

„Sobald ich den Mund aufmachte, spürte ich das Verlangen, Mario und seine Schlampe zu verspotten.“

Zur Sakralisierung ihres Ehefrauenstatus kommt Olga auf „Abstammungslinien“ zu sprechen. Dies im Zusammenhang mit Ohrringen, die sie an Marios fast noch jugendlichen Geliebten entdeckt. Olga will „der dreckigen Hure … das Erbe der Vorfahren meines Mannes“ aus den Ohren reißen. Ihre rabiaten Reaktionen überragen turmhoch den Wall der Häme. Doch dann kollabiert die Wut und gibt der Tristesse den Weg frei. Olga eilt ungekämmt durchs Treppenhaus, um sich den verstimmten Musiker Carrano zur Brust zu nehmen oder an den Hals zu schmeißen. Welche Rolle spielt das noch? Entscheidend ist die Richtung. Es geht bergab.

Das Elend einer Frau am vorübergehenden Ende von allem ist großartig erzählt. Ferrante trifft die Zwischentöne in schwierigsten Lagen. Olga empfängt den junggesellig alternden Streicher und empfindet erst einmal noch nicht einmal „freudlose Lust“.

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