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03.10.2019, Jamal Tuschick

Ida Hegazi Høyer erzählt in „Trost“ von einem weiblichen Macho, der die europäischen Steppen durchstreift und unterdessen seine Jagdtechniken verfeinert.

Promiskuitive Einsamkeit

Eingebetteter Medieninhalt

Es mag dir hier gefallen, aber es wird niemals deine Stadt sein. So weist der körperlich überragende, dramatisch gutaussehende Platzhirsch eine vor Ort lediglich verweilende Sprachwissenschaftlerin zurück, die in den Revieren der Nacht auf die Pirsch geht. Die Namenlose steckt Männern ihre Telefonnummer zu. In ihrem Fall entspricht das Zustecken einer stereotypen Gebärde, der sie „Nachdruck“ verleiht. Den Vorgang beschreibt sie als „Kontaktaufnahmeerlaubnis“. Sie positioniert sich an den Schmalseiten der Tresen und macht ihre Beobachtungen im Zustand der „promiskuitiven Einsamkeit“.

Ida Hegazi Høyer, „Trost“, Roman, aus dem Norwegischen von Alexander Sitzmann, Residenz, 205 Seiten, 22,-

Promiskuitive Einsamkeit lässt mich an serielle Monogamie denken. Die Formulierungen decouvrieren etwas vermeintlich Antinomisches. Bei der Erzählerin gesellt sich die Attitüde der Unerreichbarkeit zu den Gesten der Freiheit.

Ein Mann erzählt seine Lieblingsnovelle nach und nimmt mitten im Freikampf der ungebundenen Geschlechter eine belehrende Position ein. Das hat etwas von einer gescheiterten Tanzfigur; es wäre alles nur halb so wild, wenn die fehlgegangene Bewegung nicht so angezeigt und ausgestellt worden wäre. Doch dann ist auch wieder so, dass die kleinen Unfälle im beliebigen Verkehr für Erzählerin begehrte Trouvaillen sind; so dass der Leser nicht umhinkommt, die Frau manieriert zu finden, aber in einer interessanten Art.

Sie registriert, dass er besser angezogen ist als sie, und dass er einem Plan folgt; dass er sich etwas ausgemalt hat. Er sitzt breitbeinig an der Bar. Seine Routine ist die große Schwester der kleinen Lächerlichkeit.

„Alles ist einstudiert, trainiert, perfektioniert.“

Aber hat sie nicht genau das gebucht? Den versierten Stecher bei der Absolvierung des gesellschaftlichen Vorspiels?

Sinnliche Rohstoffe

Ich frage mich, warum sie sich nicht einen unbeholfeneren, seelisch lebhafteren Geschlechtsgegner angelockt hat; angepflockt mit nicht mehr als der Simulation von Interesse.

Sie schmeichelt ihm und gibt ihm Sicherheit, so wie er ihr Feuer geben würde, wäre sie eine Raucherin. So wie er aus- und voranschreitend, ihr die Türen aufhält; so hält sie ihm die Tür zu der Gewissheit auf, dass sie sich von ihm leicht einnehmen lassen wird. Das sie ein gewonnenes Spiel ist.

Ida Hegazi Høyer erzählt von einer süßen Trostlosigkeit so wie von einem süßen Überdruss an der Schwelle zu einer neuen Phase. Die stellvertretende Instanz begreift sich selbst als erfahrene Person im Geist der Cool User, einem außer Kurs geratenen Wort für Drogenkonsumenten. Sie liest Maskulinität „als eine Art Protest“ und ewiges Jugendzimmer. – Als eine Beschränkung.

Alles ist Ritual.

Sie weiß, dass er sich nur wiederholen wird. Der Wein, das Essen, alles erscheint wie schon einmal, mehr noch, wie schon oft im Angebot des Augenblicks. Nichts darf sie für exklusiv halten. Sie beobachtet die Wirkungen gekonnter Beliebigkeit, einer wie aus Seidenpapier geschlagenen Gewöhnlichkeit; einer in Samt und Seide hochstapelnd verpackten Belanglosigkeit.

Sie genießt jedes Detail und stößt sich zugleich daran.

„Er beginnt, wie die meisten Männer beginnen.“

Sie hat ihre Tage und spekuliert darüber, wie störend ihr Blut für ihn sein wird. Nun unterliegt sie seinen Vorstellungen von sich selbst. Sie studiert sein Selbstanforderungsprofil und sieht, wie und wer er sein will. Ihre Wahrnehmung seines Ehrgeizes gleicht einer abschüssigen Bahn:

„Der Singlemann in seinem modischen Heim.“

Habe ich etwas überlesen? Ich finde nur einen Hinweis auf den Schauplatz des Intermezzos: Adamastor … „ist eine mythologische Figur, die der portugiesische Dichter Luís de Camões in seinem epischen Gedicht Os Lusíadas als Personifikation des Kaps der Guten Hoffnung geschaffen hat“ (Wikipedia). Adamastor „ist der schönste Aussichtspunkt der Stadt“, schreibt Hegazi Høyer: soweit ich weiß, sind Hegazi und Høyer Nachnamen und in dieser Kombination sind sie so viel versprechend wie ein Roman. Die Erzählerin wohnt in Lissabon nahe dem Campo das Cebolas, wo sich einst die Smutjes mit Gemüse und Obst eindeckten, vor der nächsten großen Fahrt im Namen der Großmacht Portugal. Auch der Sklavenmarkt war in der Gegend.

Dann sitzt die Erzählerin in einem anderen Land im Café, „am Nachbartisch steht ein junger Mann mit akustischer Gitarre auf“.

„Solche Dinge geschehen ständig in dieser Stadt.“

„Die Fremde“, auch „Tiger“ genannt, hat das Vergnügen mit einer „gurrenden“, sogar „wie ein mittelgroßer Waldvogel gurrenden“ Kimmy. Man befindet sich in Europas Hauptstadt, Kimmy läuft täglich. Ihre Liebkosungen lösen Überlegungen aus; ob es mit einem „glatten und bartlosen Mann“ nicht genauso sein könne wie mit Begehrenden eines (nicht gegenderten) Tigers.

Warum schreibt sie nicht Tigerin?

Hegazi Høyer legt eine Spur Richtung Ausbeutung und Flüchtlingshilfe. Offenbar unterstützt Kimmy Bedürftige und offensichtlich noch ist, dass Kimmy von der Fremden mehr will als umgekehrt.

Hegazi Høyer schildert ein Ungleichgewicht. Dieser Einsicht folgt die Einsicht, dass bereits die portugiesische Episode von einem Ungleichgewicht handelte. Hegazi Høyers Erzählerin sind die Gegenspieler*innen nicht gewachsen.

„Alles ist leicht und beinah durchsichtig.“

„Zwei angeheiterte Frauen“ beleben den Brüsseler Feierabendbetrieb. Sie sind beide nicht zuhause in der Stadt. Angeblich sind sie auch beide gezeichnet von den Verwerfungen der Epoche, obwohl sie von Nichts Epochalem betroffen sind.

Ist es nicht leichtfertig zu behaupten, man erleide etwas persönlich nicht Erlittenes in der Konsequenz bloßer Zeitgenossenschaft?

Irgendwann rücken die Akteure in Kimmys gesellschaftlichem Nahbereich auf. In Berlin kommen an Bord der Beziehung. Tiger flachst: „Ich wusste gar nicht, dass du Freunde hast.“

Die Heldin kreuzen im Mauerpark auf. Die Kastanienallee findet Erwähnung. Kimmy und Tiger „essen in einem der vielen italienischen Restaurants in der Gegend“.

Sie könnten mir begegnen, ich wohne gleich ums Ecke nach Berliner Maßstäben. Kimmy geht aus sich heraus und offenbart eine Vorliebe für „Menschen, die wie Frauen aussehen, sich aber wie Männer aufführen“.

Ich lerne ein neues Wort: heterophile Frauen. Kimmy bevorzugt heterophile Frauen. Im Spiegel ihrer Betrachtung der Fremden begreife ich die Undurchlässigkeit besser, die den Portugiesen überfordert hat. Die Erzählerin konnte seinen Bedürfnissen so weit entgegenkommen, weil ihm der Radius fehlte, um sie überhaupt zu erreichen. Kimmy kann Tiger zwar sehen, aber mehr geht nicht. Die Erzählerin antizipiert das. Ungefähr zwanzig Seiten vor der Kimmys Kastanienallee-Offenbarung sagt Kimmy: Ich will mit dir schlafen und Tiger denkt Wie willst du das schaffen. Auf dem Hinweg habe ich mir bei dem Satz nichts gedacht. Jetzt macht er alles klar. Die Erzählerin ist ein weiblicher Macho. Im Verhältnis zu Kimmy droht ihr das Risiko als Machos, nämlich wegen nicht Erfüllung des Dominanzversprechens zur Pantoffelheld*in heruntergestuft zu werden.

Die Fremde hält sich für verflucht und geht mit einem Fremden ins Hotel. Der Fremde hilft der Fremden zu begreifen, dass sie sich eine „Kimmy mit Schwanz“ wünscht. Das steht so kursiv im Roman.

Die aus dem Schlaf gerissene Kimmy nimmt das Thema auf. Sie begrüßt die Fremde als Stranger. Das unterschlagene generische Maskulinum macht daraus einen Fremden. „L’Étranger“ heißt ein Roman von Albert Camus. Beide Frauen spielen mit der geschlechtlichen Unschärfe. Ich erinnere einen Satz vom Anfang: „Grammatik ist Mathematik“.

Im dritten Durchgang scheint der erste durch. Eine Barstudie. Bier kommt und wird getrunken. Der Gegenüber tritt, „eifrig lächelnd“ als Junge auf. Inzwischen kenne ich das Jagdprofil der Erzählerin. Sie ist gern ein bisschen herablassend, als Mann wäre sie Hashtaggefährdet.

„Alles, was merkwürdig ist, verdient eine Chance.“

Sie gibt sich als Sexarbeiterin aus, der Junge zuckt mit den Achseln. Er entspannt sich über seine Verhältnisse. Man spricht Französisch, ich lauere auf einen geografischen Anhaltspunkt. Und da ist er … in einer sprachspielerischen Zusammenführung von Mogadischu und Molenbeek. „Molenbeek-Saint-Jean (französisch) oder Sint-Jans-Molenbeek (niederländisch) ist eine der neunzehn Gemeinden der zweisprachigen Region Brüssel-Hauptstadt in Belgien.“ Wikipedia

Das heißt, die Erzählerin dreht sich im Kreis.

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