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05.10.2019, Jamal Tuschick

Anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls wurde vorgestern Abend in der Sakristei der Gethsemanekirche die Ausstellung „Fremdgehen durchs Land“ eröffnet.

Bilder einer beschlagnahmten Gesellschaft

Robert Conrad sieht die Mauer vor seiner Haustür

The fetishization of forgiveness is exhausting. Roxane Gay

Gezeigt werden Arbeiten von Robert Conrad, Aram Radomski und Ute Zscharnt aus den letzten Jahren vor der Schließung ihrer Prägungsstätte. In der Ankündigung ist die Rede vom „DDR-Infarkt“ und von einer „Utopiendämmerung“. Die mächtigen Paarungen wirken wie Findlinge im Kiesbett. Die Pfarrerin der Gethsemanekirche Jasmin El-Manhy stochert lieber im Kies. Sie lässt keine großen Worte in ihrer Begrüßung durchkommen. Sie hat die Geschichte im Kreuz. Da drückt sie.

Ich sehe Gesichter wie verholzte Birnen. Querköpfe der Systeme. Ein Nachkriegsgeruch hängt in der Luft wie von Holzbrand und Moder.

Als Dokumente „eines Mangels an Maß“ bezeichnet der Kurator und Staatsgalerist Henryk Gericke die Aufnahmen. Sie konservieren Gegenmotive zu dem Todeskrampf eines Staates, der seine Gesellschaft gegen sich aufbrachte (eine aufgebrachte Gesellschaft ist auch eine gekaperte oder besser noch eine beschlagnahmte Gesellschaft), und letztlich über das Stadium der Geburtsschmerzen einer werdenden sozialistischen Gemeinschaft (ungefähr Heiner Müller) nie hinauskam. Gericke zitiert, was Leute so sagen. Die Bilder seien „wie aus dem Mittelalter“ … „Für manche ist das alles II. Weltkrieg.“

Gericke klärt noch das Interesse der Dokumentarist*in „an Leuten, die sich nicht als Kampfreserve der Partei gesehen haben“.

Am besten gefällt mir ein Bild von Aram Radomski. Es zeigt eine Skultur vor einem Fahnenspalier. Die Repräsentation ist so gewaltig, dass sie über ihren Objektstatus hinausgeht und zum Subjekt wird. Die Fahnen verlieren ihre Dinglichkeit und erscheinen wie eine Kolonne der Zustimmung. Sie erweisen dem Staat stellvertretend die Akzeptanz, die er entbehrt. Sie sind die besseren Bürger.

Aus der Ankündigung

Vor dem Mauerfall ereignete sich der Verfall des Systems. In der letzten langen Dekade des kurzen Daseins der DDR wurde eine schleichende Utopiendämmerung sichtbar. Der äußere Zustand der ostdeutschen Städte spiegelte die innere Verfassung der Republik. Das „Auferstanden aus Ruinen“ entsprach oft nur einer Rückkehr in dieselben. Die Häuser, aber vor allem auch die industriellen Produktionsstätten, der ganze Stolz der Nomenklatura, befanden sich im Niedergang. Viele Betriebe erinnerten an Zeiten der industriellen Revolution, die Menschen arbeiteten und lebten unter heute nur noch schwer zu vermittelnden Bedingungen.

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