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05.10.2019, Jamal Tuschick

Wenn sich Triumphe im Verbergen der Schwäche erschöpfen - Abraham B. Yehoshua erzählt in seinem Roman „Der Tunnel“ von einem Mann, der sein Gedächtnis paradox in einem Zustand somnambuler Luzidität verliert.

Der genetische Faden

Eingebetteter Medieninhalt

Sie nennen sich Neo-Nabatäer. Etwas hält sie davon ab, Palästinenser zu sein. Eine Existenz als Israelis schwebt ihnen höchstens vor. Unter pompösen Verzierungen eines Mangels verbirgt sich fatalerweise Folgendes: die Neo-Nabatäer entbehren den gültigen Aufenthaltsstatus. Mehr noch, ihnen fehlt sogar eine gültige Identität. Deshalb brauchen sie einen Tunnel.

Abraham B. Yehoshua, „Der Tunnel“, Roman, aus dem Hebräischen von Markus Lemke, Nagel & Kimche, 367 Seiten, 24,-

Im Weiteren und vor allem geht es in Abraham B. Yehoshua aktuellen Roman um den Bau einer Militärstraße. Ein „von archäologischen Hinterlassenschaften gekrönter Hügel“ steht dem Großangriff auf Flora, Fauna und Artefakte im Weg.

Der Hügel und sein Tunnel

Für Yehoshua ist ein Tunnel das Gegensymbol für eine verfehlte israelische Identitätspolitik. Das hat er so oft gesagt, dass man die Symbolik zwangsläufig mitliest. Der Schriftsteller unterstellt seinen Landsleute Angst vor der Globalisierung und vor Identitätsverlusten. Er vergleicht Identitäten mit Hügeln. Man öffnet, so die Metaphorik, Hügel für Tunnel, um sie nicht abtragen zu müssen.

Aufgalopp der Gleichnisse

Für Yehoshua ist alles Geschichte. Der in der Mandatszeit in Jerusalem geborene Friedensaktivist mit einer Vergangenheit als Fallschirmjäger und einer Gegenwart als Israels Faulkner lässt den Roman aus allen Nähten der Narration platzen. Man weicht zurück vor einer Stampede der Einfälle. Der Erzählboden bebt von einem Aufgalopp der Gleichnisse.

Yehoshuas Held ist ein pensionierter Bauingenieur, der sein Berufsleben lang vor Präzision strotzte und jetzt abbaut wie verrückt.

Doch „erspürt er (manchmal noch) das Temperament einer Straße“.

Zvi Luria ist schon so weit, dass er „vor dem Leben Reißaus nehmen“ möchte, obwohl er es in lichten Momenten immer noch besser weiß. Man muss sich an der Reibung entzünden, anstatt vor den Leuten zu fliehen. Sind doch nur Leute, also was soll das. Das sagt auch der Arzt, der „diese kleine Atrophie auf der Hirnrinde“ feststellt.

Luria fürchtet um sich und die Seinen, wenn er mit dem falschen Kind nach Hause kommt, das heißt ja wohl, der Enkel wartet noch im Kindergarten auf seine Erlösung und das von den Großeltern in Prozessen bewusster Gemeinsamkeit zubereitete Mittagessen.

Mit zweiundsiebzig ist Luria viel zu jung für die Abteilung, in der lallende Windelträger*innen gut aufgehoben sind. Anders gesagt, Luria wird gebraucht. Das weiß der wohlhabende Pensionär. Er hält deshalb seinen Optimismus in Form, und versucht sich, gemeinsam mit seinem Sohn Yoah, über „die Vorboten der Demenz zu amüsieren“.

Lurias „zum Sinkflug ansetzende Erinnerungsvermögen“ beschert Verwandten reiche Ernten auf den Feldern der humorvollen Verarbeitung grausam-grotesken Prozesse.

Sein Schöpfer fängt immer wieder von vorn an seinen Helden zu buchstabieren. In einer Variante hebt sich der Vorhang für den Mizrachim Luria, dem auf der Grundlage einer ganz und gar verunglückten Einwanderungsgeschichte seiner schließlich depressiv gewordenen Mutter eine glanzvolle Aufnahme in der Gesellschaftsmitte glückte. Bereits in besseren Tagen hat er sich von der vereinzelt dem Wahnsinn offensiv anheimgefallenen nordafrikanischen Mischpoke abgeseilt. Nun erpresst ihn die Befürchtung, seine geistigen Verluste seien sein einziges Erbe. Die Rede ist von „einem genetischen Faden“, der Luria mit den Siechweisen der Ahnen verbindet.

Luria hasst diese Verbindung. Was heißt Verbindung? Der genetische Faden ist eine Fessel. Da gab es so eine maghrebinische Schwester seiner Mutter, Tante wäre zu viel gesagt, die in einer Anstalt zugrunde ging.

Muss Luria sich als ihr Nachfolger begreifen?

Yehoshua lässt seinen Helden in der verdichteten Unterschiedlichkeit der israelischen Gesellschaft an sich selbst, nicht aber an den Verhältnissen verzweifeln. Yehoshua stellt das Personal der Gegenwart vor einen Spiegel. Er konfrontiert die Nachlässigen, Selbstsüchtigen und Geschichtsvergessenen mit der idealistisch hochgestimmten, in jeder Hinsicht leidenschaftlichen und selbstlosen Pionier- und Aufbaugeneration.

Dabei macht Yehoshua deutlich, dass er in keinem Fall übertreibt. Er trägt die Fackel von Amos Oz weiter. Er übt Kritik am privaten Waffenhandel israelischer Ex-Militärs in Afrika. Er kritisiert militärische Bauvorhaben zu Lasten der Natur. Er erinnert sich an seine Militärzeit in den 1950er Jahren und jubelt die Erinnerungen dahergelaufenen Romanfiguren unter. Es gibt bis in alle Ewigkeit offene Rechnung zwischen den Vorläufer*innen der Sabras und den dazugekommenen Europäern, die alles Mögliche süchtig entbehrten, so wie Kaffeehäuser, Hafenkneipen und Handkäs.

Yehoshua beschreibt eine ganze Welt, aber eben auch eine Familie eingesessener Mittelmeeranrainer. Diese Leute verkörpern einen zurückgedrängten Lebensstil. Sie haben eine lange Tradition der jüdisch-muslimischen Co-Existenz. Ihre Erfahrungen gingen unter in der postmigrantischen Dominanz europäischer Juden. Auf die israelische Gesellschaft wirken sich Nachkommen von Einwanderer bestimmend aus, die Juden in christlichen Räumen waren. Yehoshua behauptet, dass sie unbewusste Entscheidungen nach Maßgabe ihres europäischen Herkunftskontextes treffen. Dass sie in einer transgenerationell-regressiven Konsequenz verschleppt auf das Orientale reagieren. In ihnen, so suggeriert es Yehoshua, arbeiten die Ressentiments der Großeltern.

Auch Lurias Demenz hat eine metaphorische Dimension. Yehoshua postuliert die Einübung des Vergessens auf beiden Seiten des Zauns. Ihm geht es aber auch um das Nichtvergessen.

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