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11.10.2019, Jamal Tuschick

Als Gewährsmann der historischen Stunde bot sich Pierre Bourdieu vorgestern Abend Daniel Schreber im Literarischen Colloquium Berlin am Wannsee in einem Gespräch mit Sonja M. Schultz und Selim Özdogan an.

Akzentfrei mit den Wölfen heulen

Sonja M. Schultz, Selim Özdogan

Selim Özdogan

Mit fünfzehn entgeht Hawk väterlicher Gewalt in ein Seemannsheim. Bald darauf zeigt man ihm, „wie man (richtig) aus der Deckung kommt“. Über dem Boxkeller wabert der Heißmangeldampf einer Chemischen Reinigung. Irgendwann bricht der aufsteigende Ast. Schließlich beteiligt sich Hawk an „modrigen (Knast-)Gesprächen über Frauen“, geführt von Männern mit „ausgebombten Gesichtern“.

Hawk ist der Held in Sonja M. Schultz‘ Roman „Hundesohn“. Den vielen Niederlagen zum Trotz hält er sich in der Handlungsgegenwart immer noch für einen Steher. Die Autorin diagnostiziert ihm eine verschobene Selbstwahrnehmung. Hawk zählt zur Riege der glücklichen Verlierer. Das ist eine zu selten besungene Variante.

Bourdieu unterscheidet vier Kapitalarten. Zur Finanzkraft, die zeigt, wo die Glocke hängt, addiert er kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Die Summe bildet den Habitus. Expatriierte russische Aristokraten erschienen nach der Oktoberrevolution im Pariser Exil ausgezeichnet gekleidet zu niedrigen Diensten. Die in den Freudenhäusern von Thessaloniki und Istanbul untergekommene zaristische Blüte gab die Freuden der Hochkultur nicht auf. Der adlige Habitus blieb in jedem Fall die High Card. Von daher ist so ein einfaches Wort wie man lässt sich nicht gehen zu verstehen.

Schreber formulierte es so:

„Die Wenigsten steigen heute noch aus ihrer Klasse auf.“

Das sagte er zur Charakterisierung der Romanhelden des Abends. Özdogan illustrierte Bourdieus Einsicht, indem er seinen eingewanderten Vater als einen Mann schilderte, der achtundzwanzig Jahre in einer Fabrik gearbeitet hat.

Özdogan sagte ungefähr: Dass ich hier sitze, war nicht vorgesehen. Er führte das so aus, das klar wurde: Ich sitze hier auch nur auf einer sozialen Arschbacke. Die Ausführung bemäntelte einen Widerstand.

Özdogan widersprach Schreber im Kontext einer grotesk klischeehaften Standortdifferenz. Während für Schreber kein Zweifel daran bestand, dass jeder Herbert Hawk von seiner „toxischen Männlichkeit“ beschädigt wird, erinnerte Özdogan daran, dass es Räume in dieser Gesellschaft gibt, in denen man besser akzentfrei mit den Wölfen heulen kann. Aber auch Özdogan erzählt in seinem jüngsten Roman „Der die Träume hört“ von einem Regelbrecher – Regelbrecher nach den Gettogesetzen, die zum Genre der toxischen Männlichkeit aufschließen. Der Privatdetektiv Nizar Benali bemüht sich um eine intelligente Interpretation des rituellen Revierkampfs, der auf seiner Ursprungshalde bildbestimmend geblieben ist. Er kennt die Auslaufmodelle. Er weiß, warum manche Männlichkeitsmodule nicht mehr funktionieren, obwohl in deren Nachbarschaft Phänomene potente Epigonen finden, die in seiner Jugend zum Grundstock gehörten. Benali geht über das Bewährte und das Verbrauchte kalkuliert hinaus. Aber gewährleisten die Modernisierungsresultate nicht wieder einen toxischen Status quo?

Aus der Ankündigung

Glamour der Straße. Literarische Erkundungen jenseits des Bürgertums 

Sonja M. Schultz und Selim Özdogan erzählen in »Hundesohn« (Kampa, 2019) und »Der die Träume hört« (Nautilus, 2019) vom tristen Glamour der Straße, von vererbter Wut und quälender Schuld und vom Leben zweier Menschen, die es einfach besser haben wollen: Herbert, genannt Hawk, und Nizar Benali haben viel gemeinsam. Beide wollen ihrer Herkunft den Rücken kehren, sich vom kriminellen Milieu verabschieden und eine bürgerliche Existenz beginnen. Und beide sind auf einer Suche – Nizar versucht, den Darknet-Dealer Toni_meow ausfindig zu machen, während Hawk einen mysteriösen Verfolger erwischen will. Doch sie werden bald von Menschen und Abgründen aus ihrer Vergangenheit eingeholt und müssen wieder mit ihnen klarkommen. Diese Vergangenheiten hinter sich zu lassen und ohne emotionalen Ballast anständig zu leben, scheint schwieriger zu sein, als sie es erwartet haben. Mit dem Schriftsteller und Journalisten Daniel Schreiber sprechen Sonja M. Schultz und Selim Özdogan über ihre neuen Romane und lesen aus ihnen vor.

Schultz nennt die Unterwelt „ein dankbares Milieu“. Hawk kam als Kleinkrimineller fix und fertig in ihr zur Welt. Sein Charakter ließ sich nicht modellieren. Angetan war Schultz von der Unabhängigkeit, mit der Hawk sich in ihrer Sphäre etablierte.

Hawks toxische Männlichkeit stelle niemanden vor größere Probleme als ihn selbst, erklärte Schultz, die Hawk zudem eine „unzuverlässige Selbstwahrnehmung“ diagnostizierte. Der Selbstbegnadigung zur Hilfe eile die Vergesslichkeit. Auch Alkohol hülfe beim Aufbau einer Scheinrealität.

Der Süchtige „vergisst ganze Strenge seiner Biografie.“

Geboren wurde Hawk um das Jahr 1946. Die Autorin legte sich nicht auf ein bestimmtes Jahr fest. Hawk erscheint als Kind der konkreten Nachkriegszeit in einem Westdeutschland ohne mobile Telefone und Internet retrocharmant. Er beherrscht den wissenschaftlich erforschten Sankt-Pauli-Nachtjargon und ist als linksauslegender Boxer kurz vielversprechend.

Hawks Mentor heißt Pik-Johnny. Der große Mann weiß, dass Linkshänder auf der Straße länger überleben.

„Mach deine Linke zum Hurricane“, rät er Hawk, der vielleicht doch mehr eine Taube als ein Falke ist.

Bald mehr.

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