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15.10.2019, Jamal Tuschick

In „Schutzzone“ erzählt Nora Bossong von der kolossalen Ohnmacht einer transnational-humanitären Organisation und von der unbedingt vorsätzlichen Eleganz britischer UN-Grazien an den Elendsfronten dieser Welt.

Moralische Insolvenz

Eingebetteter Medieninhalt

Seit den feudalkolonialen Tagen von William Somerset Maugham und Joseph Conrad hat sich die Rattan-Möbel- und Tropenhelm-Exotik im Stil & Geist eines europäischen Ennuis in außereuropäischen Habitaten nicht grundsätzlich erneuert. Kernstück der Sundowner-Faszination bleibt die Differenz zwischen den komfortablen Einrichtungen für die überseeisch agierenden Expats, ein Wort, dass Sie bei Ernest Hemingway genauso finden wie bei Nora Bossong, und dem von „Kriegen, Naturkatastrophen und Hunger“ geprägten Alltag der Nutznießer*innen eines internationalen Wohlfahrtstransfers.

Nora Bossong, „Schutzzone“, Roman, Suhrkamp, 333 Seiten, 24,-

Inferiore Tropen

Bossong badet im Genrepool. Da taucht die gelangweilte Ehefrau des deutschen Attachés am Bassinrand auf. Für die „mitreisende Gattin“ wird als Antidepressivum und Suchtprävention „ein Job wie aus dem Nichts“ geschaffen. Die Rattan Möbel heißen „Flechtmöbel“ … Die Welt der Expats besteht aus „Flüchtlingscamps und Vertriebenenbusse“. In dieser Welt schlagen Repatriierungsprogramme fehl. Es bilden sich Stämme aus Heimat- und Staatenlosen. - Und es bildet sich die Hefe eines Zynismus, den Bossongs (bei den Vereinten Nationen beschäftigte) Heldin Mira nicht ganz von sich weist. Einer suggestiven Persönlichkeit, die als Kriegsherr von regionaler Herrlichkeit den Deutschen indirekt moralische Insolvenz attestiert, offenbart Mira ein Motiv ihrer kosmopolitischen Helferinnen-Existenz:

„Weil ich hier (also sonst wo in den inferioren Tropen) auch nachts noch Bahnen im Pool schwimmen kann.“

Tod im Container

Auf der einen Seite stehen „die Hochsicherheitsburgen der Missionen“ wie akkurat gelandete Raumschiffe im afrikanischen Nirgendwo. Auf der anderen Seite grassiert die Kindersterblichkeit in den Nissen-Hütten unserer Zeit.

Der Signalcharakter weltberühmter Schauplätze

Gleich zu Beginn nimmt wie zum Hohn ein weltberühmtes Hotel seinen Platz im Roman ein: das Beau-Rivage am Genfer See. Bossongs in Genf stationierte Erzählerin erwähnt Uwe Barschel, der Dreiundvierzigjährig am 2. Oktober 1987 in Zimmer 317 unter mysteriösen Umständen tot in der Badewanne aufgefunden wurde. Sie kehrt in eine der „unzähligen Herzklappen des Beau Rivage“ ein. Die in einem Antichambre großer Macht servierten Pommes frites verdanken sich einer Zubereitung, die, wie Mira bemerkt, ihren Kartoffelgeschmack als feine Note erhält. Die heimlich Verzauberte gibt ihrem Snobismus die Sporen mit dem blasierten, vor Bedeutungsanstrengung triefenden Bekenntnis, ihr fehle „der Duft alten Frittierfetts“.

Für solche Entbehrungen hätte sie nicht Karriere machen müssen.

Mira mokiert sich über den in Stein gemeißelten Geltungsdrang eines Herzogs von Braunschweig. Dessen Sarkophag steht an der Uferpromenade des Quai du Mont-Blanc gleich neben der Fünf-Sterne-Herberge. Karl Friedrich August von Braunschweig hatte sich als entmachteter Regent 1873 in Genf niedergelassen. Er stiftete der Stadt ein Opernhaus und bekam dafür eine monumentale Grabstätte, die er allerdings im Voraus bezahlen musste.

Die Erzählerin passiert die Stadien der Desillusionierung in Rückblenden. In der Handlungsgegenwart ist sie so abgebrüht wie sie nur sein kann – eine lakonische Lady im Distanzdress. Bossong erwähnt „verschworene (UN-)Grazien“, die „in strengen Kostümen“ einen Parcours des Notstandsgebiets-Jetsets absolvieren.

Wie weit weg ist Mira von dieser Interpretation postkolonialer Euroegozentrik?

Dazu morgen mehr. 

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