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16.10.2019, Jamal Tuschick

Das Design der Dolmetscherkopfhörer zeigt die Zeit an. Nürnberg, Jerusalem, Arusha, Den Haag – In jedem Fall wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt, schreibt Nora Bossong in ihrem Roman „Schutzzone“. Verwaltungsakte legieren „die dünne Schicht der Zivilisation“. Der Fortschritt erschöpft sich im Equipment. Fortsetzung meiner Besprechung vom 14.10.

Weiße Erinnerungen

Nora Bosson, Björn Kuhligk

Nora Bossong, Jan Brandt

Oft ist von Ratten die Rede im Roman. Ein im Kammerjägerton vertraulich werdender Feierabendtrinker entpuppt sich als Chemiewaffenexperte. Als UN-Mitarbeiter steht auf der richtigen Seite des Lebens (hohes Einkommen und Prestige in Kombination mit einem humanitären Auftrag im Plural der Missionen), während die rheinländische Erzählerin eindeutig auf der falschen Seite steht.

Nora Bossong, „Schutzzone“, Roman, Suhrkamp, 333 Seiten, 24,-

Für kleines Geld (vielleicht sogar nur für das Trinkgeld: auf dem Tresen liegengebliebene und da feucht gewordene Dollarnoten) zapft Mira in einer Bar in Brooklyn Bier in Plastikbecher. Für die Schaumpfützen zahlen Männer, „die wie schlecht gecastete Schauspieler“ aussehen, sechs Dollar.

Noch wohnt Mira in einem untervermieteten Kinderzimmer, eher noch in einem Verschlag, unter den Dielen fiepen die Nachkommen der Überlebenden exzessiver Kammerjägerkampagnen.

Wir sind alle Sieger, sagt David A. Sinclair.

Ich habe in den letzten Monaten wenigstens vier Romane gelesen, in denen die New Yorker Rattenplage eine Rolle spielt. Manche Themen werden auf Nebenstrecken global breitgetreten.

Nora Bossong erzählt in Rückblenden die Entwicklung ihrer Heldin bis zu dem vorläufigen Höhepunkt einer Karriere als in Genf stationierte Koryphäe im Dienst der Vereinten Nationen. Sie entfacht die Glut einer heimlichen Liebschaft mit einem Mann, den sie länger kennt als alle anderen erreichbaren Personen. Er dient als brüderlicher Liebhaber, obwohl er seine Ehe ernstnimmt. Mira und Milan - ihre Temperamente schwingen zwischen Erfüllung und Entsagung. Sie sind reich und auf eine verschwiegene Weise sehr lebendig. Sie bilden sich nichts ein auf die Kuren der Desillusionierung. Sie genießen die Kühle der Sitzungssäle, den Sitz der Rüstungen für den Bürokampf … die Reisen.

Die Alternative zum Tourismus ist der Terrorismus

Mira liebt Milan mehr als er sie. Im Weiteren hat er von allem mehr, während Mira „zwischen Möbeln und Erinnerungen“ lebt, die nicht ihr gehören, „und die so unerträglich weiß“ sind. Da sind sie, die weißen Erinnerungen einer lakonisch Erzählenden.

Mira „hält den glasigen Augen der ehemaligen Kindersoldaten stand“.

Hält man Augen stand? Hat man weiße Erinnerungen?

Von einem Kind, „das zwar getötet, aber nicht begraben wurde“, lässt sich Mira bereitwillig einen Bären aufbinden. Das Kind wird gefürchtet, weil man ihm die Tötungshemmung genommen hat. Mira erkennt in ihm ein Opfer deutschkolonialer Machenschaften. Die Weichen für sein Schicksal wurden vor hundert Jahren gestellt. Jetzt laboriert es an den Folgen in einem Lager.

Mira erkennt eine Verknüpfung des Grauens mit ihrem Geruchsgedächtnis.

„Der Geruch in den Lagern war der von Folie und Schlamm.“

Ihr Gewährsmann für alle Schrecken Afrikas ist der Warlord Aimé. Er behauptet:

„Unser Unglück liegt nicht in der Hölle … sondern im Paradies.“

An anderer Stelle wird die Hölle dementiert.

Mira und Milan passieren Zustände und Zeiten der Nähe und der versuchten Nähe. In einer Fahrzeugkabine kommen sie an dem Gefängnis von Den Haag-Scheveningen vorbei – United Nations Detention Unit. Das UNDU wurde 1993 im Rahmen eines Internationalen Strafgerichts in Betrieb genommen. Das Tribunal diene der „Entzauberung großer Männer“, behauptet jemand. Verhandelt wurde zumal gegen Slobodan Milošević.

Milan zeigt auf ein Fenster. Dahinter habe der Ex-Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien gesessen.

„Er starb vor dem Urteil“, schreibt Bossong.

Meine Besprechung von gestern

Moralische Insolvenz

In „Schutzzone“ erzählt Nora Bossong von der kolossalen Ohnmacht einer transnational-humanitären Organisation und von der unbedingt vorsätzlichen Eleganz britischer UN-Grazien an den Elendsfronten dieser Welt.

Eingebetteter Medieninhalt

Seit den feudalkolonialen Tagen von William Somerset Maugham und Joseph Conrad hat sich die Rattan-Möbel- und Tropenhelm-Exotik im Stil & Geist eines europäischen Ennuis in außereuropäischen Habitaten nicht grundsätzlich erneuert. Kernstück der Sundowner-Faszination bleibt die Differenz zwischen den komfortablen Einrichtungen für die überseeisch agierenden Expats, ein Wort, dass Sie bei Ernest Hemingway genauso finden wie bei Nora Bossong, und dem von „Kriegen, Naturkatastrophen und Hunger“ geprägten Alltag der Nutznießer*innen eines internationalen Wohlfahrtstransfers.

Inferiore Tropen

Bossong badet im Genrepool. Da taucht die gelangweilte Ehefrau des deutschen Attachés am Bassinrand auf. Für die „mitreisende Gattin“ wird als Antidepressivum und Suchtprävention „ein Job wie aus dem Nichts“ geschaffen. Die Rattan Möbel heißen „Flechtmöbel“ … Die Welt der Expats besteht aus „Flüchtlingscamps und Vertriebenenbusse“. In dieser Welt schlagen Repatriierungsprogramme fehl. Es bilden sich Stämme aus Heimat- und Staatenlosen. - Und es bildet sich die Hefe eines Zynismus, den Bossongs (bei den Vereinten Nationen beschäftigte) Heldin Mira nicht ganz von sich weist. Einer suggestiven Persönlichkeit, die als Kriegsherr von regionaler Herrlichkeit den Deutschen indirekt moralische Insolvenz attestiert, offenbart Mira ein Motiv ihrer kosmopolitischen Helferinnen-Existenz:

„Weil ich hier (also sonst wo in den inferioren Tropen) auch nachts noch Bahnen im Pool schwimmen kann.“

Tod im Container

Auf der einen Seite stehen „die Hochsicherheitsburgen der Missionen“ wie akkurat gelandete Raumschiffe im afrikanischen Nirgendwo. Auf der anderen Seite grassiert die Kindersterblichkeit in den Nissen-Hütten unserer Zeit.

Der Signalcharakter weltberühmter Schauplätze

Gleich zu Beginn nimmt wie zum Hohn ein weltberühmtes Hotel seinen Platz im Roman ein: das Beau-Rivage am Genfer See. Bossongs in Genf stationierte Erzählerin erwähnt Uwe Barschel, der Dreiundvierzigjährig am 2. Oktober 1987 in Zimmer 317 unter mysteriösen Umständen tot in der Badewanne aufgefunden wurde. Sie kehrt in eine der „unzähligen Herzklappen des Beau Rivage“ ein. Die in einem Antichambre großer Macht servierten Pommes frites verdanken sich einer Zubereitung, die, wie Mira bemerkt, ihren Kartoffelgeschmack als feine Note erhält. Die heimlich Verzauberte gibt ihrem Snobismus die Sporen mit dem blasierten, vor Bedeutungsanstrengung triefenden Bekenntnis, ihr fehle „der Duft alten Frittierfetts“.

Für solche Entbehrungen hätte sie nicht Karriere machen müssen.

Mira mokiert sich über den in Stein gemeißelten Geltungsdrang eines Herzogs von Braunschweig. Dessen Sarkophag steht an der Uferpromenade des Quai du Mont-Blanc gleich neben der Fünf-Sterne-Herberge. Karl Friedrich August von Braunschweig hatte sich als entmachteter Regent 1873 in Genf niedergelassen. Er stiftete der Stadt ein Opernhaus und bekam dafür eine monumentale Grabstätte, die er allerdings im Voraus bezahlen musste.

Die Erzählerin passiert die Stadien der Desillusionierung in Rückblenden. In der Handlungsgegenwart ist sie so abgebrüht wie sie nur sein kann – eine lakonische Lady im Distanzdress. Bossong erwähnt „verschworene (UN-)Grazien“, die „in strengen Kostümen“ einen Parcours des Notstandsgebiets-Jetsets absolvieren.

Wie weit weg ist Mira von dieser Interpretation postkolonialer Euroegozentrik?

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