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21.10.2019, Jamal Tuschick

Ronan Farrows Drachentöter-Saga „Durchbruch“ erscheint wie eine hochgefahrene, den Horizont des Klassikers grandios überbietende Fortsetzung von Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten. Ich bin sicher, die meisten Leser*innen werden von der Lektüre überrascht sein.

Der Schöne und das Biest

Wussten Sie das?

Es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, unliebsame Zeitgenoss*innen aus der Bahn zu werfen, indem sie Dreck ausgraben. Es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, Dreck zu erfinden, und es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, herauszufinden, ob die Dreck-Ausgräber*innen und -Produzent*innen von einer Agentur im Counter-Strike-Modus ins Visier genommen werden. Aus diesen Modulen ergeben sich komplexe Über-Bande-Konstellationen. Virale Figurationen formieren sich zu sozialen Skulpturen.

Ronan Farrow ermittelt im Mantel einer grauen Unauffälligkeit. Natürlich erscheint er so spektakulär wie ein Artist. Farrow verkörpert den exzellenten Sohn berühmter Eltern nach den Regeln seines Herkunftsmilieus. Doch genau dieses Programm wirkt wie eine altenglisch verrußte Backsteinmauer, die Farrows Unversöhnlichkeit verbirgt.

Ronan Farrow, „Durchbruch“, auf Deutsch von Henning Dedekind, Katja Hald, Hans-Peter Remmler, Helmut Dierlamm, Astrid Gravert, Norbert Juraschitz, Heike Schlatterer, Rowohlt, 520 Seiten, 24,-

„Den mach ich zum Gespenst, der meinem Willen trotzt“, sagt Shakespeare durch irgendeine Blume der Narration. Während Farrows Gegenspieler Harvey Weinstein ständig mit einem martialischen Repertoire kollert und sein Durchsetzungsvermögen unappetitlich zur Schau stellt, verhehlt der Investigator die affektive Ladung seines Engagements. Er gibt wenig preis, selbst da, wo er über seine missbrauchten Geschwister spricht.

Weinstein trommelt sich auf die Brust. Er kokettiert mit überzogenen Reaktionen und stilisiert sich als archaischen Durchbrecher des Reglements.

Es gelingt ihm nicht, seine Absichten zu Spekulationsobjekten zu machen. Jeder Depp kapiert, was Weinstein für erfolgversprechend hält. Sein Interventionsspektrum erlahmt zwischen den Polen schmeicheln & drohen. Schon sehen wir das Märchen von des Kaisers neuen Kleider reloaded.

Farrow schildert ein Defilee der Schäbigkeiten, mit gnadenlos berechnenden Akteuren aka Intriganten. Einmal ruft Harvey Weinstein einen Boss seines Feindes an und schmiert sich säbelrasselnd ein: Ich war nicht der Einzige, der in den Neunziger mit den falschen Frauen ausgegangen ist.

„Wir alle haben das gemacht.“

Als sie aber fortfuhren, ihn zu fragen, richtete sich Jesus auf und sprach: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein.

Farrow gelingen Studien wie von Honoré Daumier. Jene, die Jagd aufeinander machen, kennen sich wohl. Kein Typus kreuzt häufiger auf als der leptosom-leitende (das Körpergewicht ist eine Qualifikation) Angestellte mit Ivy League-Referenzen und WASP-Stammbaum. Sogar solche Herren des Universums (der amerikanischen Unterhaltungsindustrie) patzen und scheitern. Sie patzen und scheitern sogar fulminant. Aber im Gegensatz zu ihren Konkurrenten überleben sie in einem Golden-Boy-System ihre Niederlagen auf Dachterrassenniveau. Ihre Abstürze unterbrechen die Monotonie der Kamingespräche. Eine echte Deklassierung bleibt außerhalb des Erwartbaren. Daher kommt eine für Normalsterbliche unbegreifliche Überheblichkeit in der Kombination mit Leichtsinn.

Farrows Wort für das Phänomen ist sorglos. Während die Golden Boys schwindelfrei an Katastrophen vorbeischrammen, endet für viele Frauen die glänzende Zeit nach einem Zusammenstoß mit einem dieser sorglos lächelnden „Raubtiere“.

Sie alle und viele mehr werfen Harvey Weinstein sexuelle Gewalt vor: Rose McGowan, Ambra Battilana Gutierrez, Asia Argento, Lucia Evans, Ashley Judd, Emily Nestor, Gwyneth Paltrow, Rosanna Arquette, Emma de Caunes, Cara Delevingne, Zelda Perkins, Heather Graham, Zoë Brock.

Farrow nennt Harvey Weinstein ein „Raubtier“.

Noch einmal:

Weinstein, der einen bedrohlichen Kommunikationsstil pflegte und seinen Rivalen mitunter „mittelalterlich“ zusetzte, erschien in Hollywood als Urgewalt. Wer ihm in die Quere kam, konnte manchmal nur noch auf einem anderen Kontinent neu anfangen. Der Unantastbare hatte die Macht, seine Gegner*innen verbannen – zu zersetzen – zu verwüsten. Mal drehte er sie durch den Verleumdungswolf und machte Pariawürste aus ihnen. Dann wieder erschreckte er Leute mit erschreckenden Leuten.

Weinstein ließ sein Schattenreich von militärakademisch gebildeten Existenz-Vernichter*innen abschirmen.

Ich setze die Emissionen eines Schwefelatems in die Vergangenheit, weil Farrow von seinem Drachen ebenso spricht. Die Botschaft lautet: Weinstein gibt es nicht mehr, auch wenn er noch lebt.

Der Investigator geriet in der Zeit seiner Bewährung auf Kollisionskurs mit allen möglichen und sehr unterschiedlichen Koryphäen des Schmutzgeschäfts. Farrow schildert die Randfiguren und Peanuts Hunter: Chandler‘eske Chinatown-Detektive in der russischen Ausführung; Dienstleister*innen, die erfolgreich einen Volkshochschulkurs in Abhörtechnik absolviert haben; solistische Virtuosen mit dem mauvaise odeur der Gescheiterten.

Farrow begegnet wundersamen Gestalten: Agent*innen mit High End-Referenzen; Großmeister*innen in der Kunst der De-Legitimation und Destabilisierung. Man rät ihm, sich zu bewaffnen.

Farrow tritt lieber mit leeren Händen an. Karate bedeutet nichts anderes als leere Hände.

Bald mehr.

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